Zu hohe ÖV-Preise?

16. Januar 2019 05:38; Akt: 16.01.2019 05:38 Print

Profi-Schwarzfahrer sind jung und männlich

Die Zahl der dreisten Schwarzfahrer nimmt zu. Junge Männer haben besonders häufig kein Billett. Sind die Preise zu hoch?

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In der Schweiz fahren immer mehr Leute schwarz. Seit 2009 steigt die Anzahl der Straffälle wegen Schwarzfahrens kontinuierlich. «Schwarzfahren ist unfair und schädigt die Transportunternehmungen. Allein der SBB entgeht durch Reisende ohne gültigen Fahrausweis jährlich ein zweistelliger Millionenbetrag», sagt SBB-Mediensprecherin Franziska Frey. S. Z. fährt oft schwarz. Viele Leser verstehen ihn. «Nicht er zockt den ÖV ab, der ÖV zockt uns alle ab», schreibt einer. Um der strategischen Schwarzfahrerei entgegenzuwirken, planen die Schweizer Verkehrsbetriebe ein Schwarzfahrer-Register, das ab April 2019 zur Verfügung stehen soll. In Berlin soll das Schwarzfahren anders geregelt werden. Laut dem «Tagesspiegel» arbeitet die Justizverwaltung an einem Gesetzesentwurf, der das Schwarzfahren ein Stück weit legalisieren soll. Schwarzfahrer müssten kein Strafverfahren mehr fürchten. Der Preis spielt eine Rolle beim Schwarzfahren. «Meine Vermutung ist, dass gestiegene ÖV-Preise für manche den Anreiz zum Schwarzfahren erhöht haben», sagt Verkehrsexperte Thomas Sauter-Servaes von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften zu 20 Minuten. «Ob jemand schwarz fährt, ist das Resultat von Risiko- und Wahrscheinlichkeitsüberlegungen. Selbst eine hohe mögliche Busse, multipliziert mit geringem Risiko, kann als preisgünstiger wahrgenommen werden als die Ausgaben für ein Ticket», sagt Christian Lässer, Professor für Tourismus und Dienstleistungsmanagement an der HSG.

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Die Zahl der Pendler, die erwischt werden, weil sie versuchen, die Billettkontrollen im öffentlichen Verkehr auszutricksen, steigt. 2017 wurden gemäss Zahlen des Bundesamts für Statistik 635 Beschuldigte gezählt, die des «Erschleichens einer Leistung» verdächtigt werden – ein Viertel mehr als noch fünf Jahre zuvor.

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Das Schwarzfahren macht diesen Straftatbestand hauptsächlich aus. Unter ihn fällt, wer sich besonders Mühe gibt und «heimlich oder täuschend» vorgeht, sich also etwa vor Kontrollen versteckt. Jeder vierte Beschuldigte ist ein Mann im Alter zwischen 15 und 19 Jahren.

440'000 Schwarzfahrer erwischt

Diese Zahlen sind nur die Spitze des Eisbergs. Insgesamt registrierte die SBB im Jahr 2017 440'000 Schwarzfahrer. Sie habe «Tausende Strafanzeigen» eingereicht, sagt Sprecherin Franziska Frey. Den Schätzungen der Tariforganisation CH-direct zufolge erfolgen drei Prozent aller Fahrten ohne Billett, der ÖV verliere dadurch jährlich einen zweistelligen Millionenbetrag.

Schwarzfahrern wie S. Z.* (20 Minuten berichtete) ist das egal. Weil er erfahrungsgemäss kaum kontrolliert wurde, fährt der junge Mann seit August 2018 ohne gültiges Billett.

Viele Leser verstehen ihn. «Nicht er zockt den ÖV ab, der ÖV zockt uns alle ab», schreibt einer. Ein anderer findet, dass es keinen Sinn mache, 1400 Franken für ein Abo auszugeben, wenn man nicht ein einziges Mal pro Jahr kontrolliert werde. Deshalb verzichte auch er auf Billette.

Doch nicht alle haben Verständnis für Z. «Am besten wären Plattformsperren wie etwa in England. Dann kann nur noch mitfahren, wer ein gültiges Billett hat», schreibt eine Leserin.

«Fährt man schwarz, erzielt man einen schnellen Gewinn»

Doch wieso fahren so viele schwarz? Experten sind sich einig: Der Preis spielt eine Rolle. «Meine Vermutung ist, dass gestiegene ÖV-Preise für manche den Anreiz zum Schwarzfahren erhöht haben», sagt Verkehrsexperte Thomas Sauter-Servaes von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften zu 20 Minuten. Fahre man schwarz, erziele man einen schnellen Gewinn – solange man nicht erwischt werde.

Schwarzfahrer gehen dabei pragmatisch vor. «Ob jemand schwarz fährt, ist das Resultat von Risiko- und Wahrscheinlichkeitsüberlegungen. Selbst eine hohe mögliche Busse, multipliziert mit geringem Risiko, kann als preisgünstiger wahrgenommen werden als die Ausgaben für ein Ticket», so Christian Laesser, Professor für Tourismus und Dienstleistungsmanagement an der Universität St. Gallen.

Dass vor allem junge Leute und Männer Schwarzfahrer seien, habe damit zu tun, dass diese generell risikofreudig seien. Deshalb sei in dieser Gruppe die Anzahl der Schwarzfahrer am höchsten, so Laesser.

«Schwarzfahren schädigt Transportunternehmen»

«Schwarzfahren ist unfair und schädigt die Transportunternehmungen», sagt SBB-Mediensprecherin Franziska Frey. Die entgangenen Einnahmen müssten anderweitig kompensiert werden – letztlich durch die Öffentlichkeit.

Um der strategischen Schwarzfahrerei entgegenzuwirken, planen die Schweizer Verkehrsbetriebe ein Schwarzfahrer-Register, das ab April 2019 zur Verfügung stehen soll.

Einen anderen Weg geht die grösste deutsche Stadt, Berlin. Laut dem «Tagesspiegel» arbeitet die Justizverwaltung an einem Gesetzesentwurf, der das Schwarzfahren ein Stück weit legalisieren soll.

Sollte die Gesetzesvorlage angenommen werden, müssten Wiederholungstäter kein Strafverfahren, keine Geldbusse und keine Gefängnisstrafe mehr fürchten. Fahrgäste ohne Ticket müssten zwar weiterhin ein «erhöhtes Beförderungsentgelt» von 60 Euro bezahlen. Das neue Gesetz soll vor allem die Berliner Justiz entlasten: Diese befasst sich gemäss «Tagesspiegel» jedes Jahr mit 40'000 solcher Taten.

Von der Gesetzesänderung hält Experte Sauter-Servaes nichts: «Jeder sollte für die Leistung bezahlen, die er beansprucht.»

(maz/jk)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • B. Obachter am 16.01.2019 06:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alles Relativ

    Geld für überteuerte Handys, Markenkleidung und jedes Wochenende Ausgang, aber die Billettpreise sollen dann zu hoch sein. Genau mein Humor.

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  • M. Koller am 16.01.2019 06:10 Report Diesen Beitrag melden

    Bussen

    Da jammert man über die Preise, welche wirklich nicht niedrig sind aber gleichzeitig haben die Leute dann Geld für Parties, Alk, Zigaretten, Drogen, das neuste Smartphone etc. Für den ÖV sollen aber alle anderen Fahrgäste zahlen. Die Bussen dafür sind eigentlich noch zu niedrig.

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  • nibbler51 am 16.01.2019 05:53 Report Diesen Beitrag melden

    ....

    ja die preise sind viel zu hoch wen man bedenkt wieviel geld von den steuern in die SBB fliesst......

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Lyvia Crameri am 16.01.2019 18:56 Report Diesen Beitrag melden

    Moderne der Zeit

    Warum macht man nicht längst generelle Kontrollen wie im Ausland? In Grosbrittannien/Irland z.b gibt es keine Chance ohne Billet überhaupt ein Gleis oder Bis zu betreten. Soviel zur modernen Schweiz.

  • Existenzminimum am 16.01.2019 18:37 Report Diesen Beitrag melden

    Kann es mir schlichtweg nicht leisten :(

    Ich spreche jetzt von Kantonalen Verkehrsbetrieben und Bus, aber wenn ich für ein normales Hin- und Retourticket sogleich immer auf den "Tageskarte" Preis von 16.50 komme (ja, sie wissen wie sie Geld machen können) dann ist das einfach nicht mehr fair und verhältnismässig. Für knapp 14min Busfahren insgesamt, soll ich mir das Essensgeld für 3 Tage wegsparen? Aber ich bin die "Kriminelle"... Übrigens hat man vor einigen Jahren noch ca. 6.90 für die gleiche Strecke bezahlt. Alle die jetzt mit einem hohen 4500.- Lohn etwas gegen mich haben. Lebt doch mal wenigstens 1 Jahr am Existenzminimum :(.

  • Pendler am 16.01.2019 17:38 Report Diesen Beitrag melden

    Teure Preise

    Es kostet recht viel wenn ich zum Beispiel von Zürich nach Genf fahre, ohne Halbtax sind das schon über hundert Franken. Oder als Pendler zur Arbeit ist auch nicht so günstig wie es sein sollte. Eigentlich sollten wir die ÖV unterstützen statt alle ein eigenes Auto auf die Strasse zu bringen. Darum macht doch lieber niedrigere Ticketpreise und erhöt die Kapazität der Züge. Es hat kaum Platz zum Stehen und es kostet nun noch mehr und die Unpünktlichkeit nimmt zu, dabei ist die Qualität der Dienstleistung ÖV stetig zurückgegangen. Das sollte aber kein Grund zum Schwarzfahren werden.

  • Philipp Lörr am 16.01.2019 15:45 Report Diesen Beitrag melden

    Teuer

    Keine Frage, die Preise SIND einfach zu hoch... ÖV soll die Autos ersetzen, aber so funktioniert es nicht. Ich selbst habe zwar mein GA, aber mein Gott, der Preis... Da muss man ja fast eine Niere in Korea verkaufen...

  • UsurperEvropa am 16.01.2019 15:43 Report Diesen Beitrag melden

    Usurper

    Ich fahr immer schwarz. Wenn der Kontrolleur ein Problem hat können wir das mit einem kleinen MMA match regeln. Das System hier wird nicht mehr unterstützt