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03. Dezember 2019 07:02; Akt: 03.12.2019 07:02 Print

«Mein Stiefvater schlug mich grün und blau»

In der Schweiz greift die Hälfte der Eltern in der Erziehung zu physischer, zwei Drittel zu psychischer Gewalt. Leser berichten von ihren Erlebnissen.

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Viele Eltern geraten bei der Kindererziehung an ihre Grenzen. Das endet nicht selten in körperlicher Gewalt. (Symbolbild) Jeder vierte Elternteil nimmt an, dass ein Klaps auf den Hintern noch niemandem geschadet habe oder Ohrfeigen als Ausnahme erlaubt seien. (Symbolbild) 6 bis 11 Prozent aller Eltern wenden häufig oder sogar regelmässig physische Gewalt an. Besonders betroffen von körperlicher Gewalt sind Kinder bis 6 Jahre. (Symbolbild) Aufgrund dieser Zahlen sieht die Kommission «dringenden Handlungsbedarf». Neben mehr Prävention, Schulungen und Beratungsangeboten ist es für die Experten zentral, dass endlich im Gesetz die letzten Überreste des «Züchtigungsrechts» entfernt werden. (Symbolbild) Dieser Meinung ist auch SP-Nationalrätin Yvonne Feri: «Eltern müssen von der Vorstellung wegkommen, dass ein Klaps aufs Füdli nicht schade.» (Symbolbild) Laut ihr könnte eine Gesetzesanpassung zum Umdenken führen: «Eltern und Betreuungspersonen erkennen dann, dass Gewalt nicht in Ordnung ist. Das ist wie bei Verkehrsregeln.» (Symbolbild) Anders sieht es SVP-Nationalrätin Andrea Geissbühler: «Wir haben bereits genügend Strafartikel, aufgrund derer man jemanden wegen Gewalt an Mitmenschen anzeigen kann und im Falle von sichtbarer, wiederholter Gewalt an Kindern auch anzeigen sollte.» (Symbolbild) «Ich bin für gewaltfreie Erziehung und wir sollten alles dafür tun, dass diese erreicht wird», sagt Geissbühler. Ihrer Ansicht nach reichen hierfür aber Präventions- und Informationskampagnen.

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Die Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen (EKKJ) fordert, gegen Gewalt in der Erziehung vorzugehen. Welche Formen von gewalttätigen Übergriffen es geben kann und was für Auswirkungen sie haben können, wird aus den Schilderungen von Kindheitserinnerungen von 20-Minuten-Lesern ersichtlich.

«Das Schlimmste war die psychische Gewalt»

Tamara* (29) erzählt, sie habe ab und zu mal einen Klaps auf den Po bekommen oder sei an den Ohren gezogen worden, was für sie aber nicht schlimm gewesen sei. «Geschadet hat mir, dass mein Stiefvater mich grün und blau geschlagen hat, bis ich nicht mehr sitzen konnte.»

Auch psychische Gewalt habe sie erfahren: «Meine Eltern sagten mir immer wieder, sie gäben mich ins Heim oder ich solle mich doch einfach umbringen. Das war eigentlich das Schlimmste.» Heute habe sie ihre traumatische Kindheit verarbeitet. Dafür seien aber lange Jahre der Therapie notwendig gewesen, in denen sie gelernt habe, Selbstvertrauen aufzubauen.

«Schläge waren ein Stoppsignal»

Für Martin* (32) waren die Schläge der Eltern immer ein klares Stoppsignal: «Klar, war es nicht toll. Aber es zeigte mir, dass ich etwas falsch gemacht hatte.» Zudem habe sich die physische Gewalt auf kurze Momente beschränkt.

«Für mich war es schlimmer, wenn meine Eltern nicht mit mir gesprochen haben. Das ging länger und war schwieriger zu ertragen», sagt Martin. Er findet körperliche Züchtigung in manchen Situationen angebracht. «Zumindest, wenn es bei Ausnahmen bleibt und nicht übertrieben ist. Ich denke, heute werden Kinder oft auch zu lasch erzogen.»

«Meine Mutter konnte keine Nähe zulassen»

Die Mutter von Alex* (30) sei konstant überfordert gewesen, weil sie alles immer allein und perfekt habe erledigen wollen. Am Abend zu Hause sei sie oft ausgerastet, wenn ihr das Verhalten ihrer Kinder nicht gepasst habe. Sie habe Alex dann oft aus dem Haus ausgesperrt. «Dort schrie ich dann vor Verzweiflung und Wut lange vor mich hin.»

Oder die Mutter habe mit Gegenständen nach Alex geworfen. «Meine Mutter konnte keine Nähe zulassen, wir wurden nie in den Arm genommen oder so.» Heute sei seine Beziehung zu ihr aber besser: «Das musste ich mir aber hart erkämpfen, und gewisse Dinge werden wir wohl nie klären können.»

«Saubere Gewalt»

Manuel* (23) berichtet, dass es bei ihm zu Hause in seiner Kindheit gewaltsam zu- und hergegangen sei. Seine Stiefmutter habe ihre eigenen Kinder regelmässig ausgepeitscht. Ihn selbst habe sie grösstenteils einfach ignoriert und nicht beachtet. Sein Vater habe sich nicht eingemischt. Er sagte, er habe keine Zeit, sich auch noch um die Kinder zu kümmern.

Trotzdem habe auch der Vater viel psychische Gewalt ausgeübt. «Er wandte meist ‹saubere› Gewalt an, die man von aussen nicht sieht. So hat er mich viel kritisiert, erniedrigt und beleidigt. Aber auch an den Ohren gerissen, wenn niemand dabei war. Ich hatte ständig Angst vor ihm.» Auch heute leidet Manuel noch stark unter den Folgen seines Aufwachsens und wünscht sich in der Gesellschaft eine Verringerung solcher Fälle.

«Umgang zu finden dauerte Jahre»

Amiras* (29) Eltern hätten ihr in der Kindheit abwechselnd gesagt, sie sei zu dick oder zu dünn. «Auch Sprüche wie ‹Verreck doch, dann habe ich ein grosses Problem weniger› musste ich mir anhören», sagt sie. Einmal habe die Mutter sie wegen schlecht in den Schrank geräumter Kleider an den Haaren durchs Zimmer geschleift.

Als die Situation weiter eskaliert sei, habe die Mutter ihr eine Ohrfeige verpasst, weshalb sie hingefallen sei. Als die Mutter sie an den Haaren wieder habe hochziehen wollen, sei sie versehentlich auf ihren Arm gestanden und habe ihr Elle und Speiche gequetscht. Beim Arzt musste sie angeben, sie sei die Treppe heruntergefallen. «Es dauerte Jahre, einen Umgang mit der Vergangenheit zu finden. Und vor allem brauchte ich den nötigen Abstand. Ich pflege heute nur noch sehr minimen Kontakt zu meiner Mutter.»

«Gewalt ist keine Lösung»

Mike* (39) sagt, er habe ab und zu einen Klapps auf den Hintern bekommen. «Das hat es aber gebracht.» Belastet habe ihn das nicht. «Ein Kind sollte wissen, was es darf und was nicht.»

Anders wiederum sieht das Selma* (16). Sie sagt, sie sei von ihren Eltern nie geschlagen worden. «Meine Eltern haben mit mir immer über alles gesprochen. Dadurch konnten wir alle Probleme lösen.» Und sie sei ohne Gewaltanwendung gut erzogen worden. Denn, so ist sie sich sicher: «Gewalt ist keine Lösung.»

*Name der Redaktion bekannt

(ihr)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Rônin am 03.12.2019 07:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wenn der Stiefvater

    zuschlägt, und die leibliche Mutter schaut dabei zu, muss ich annehmen, dass sie damit einverstanden ist, nur um ihren Partner nicht zu verlieren.

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  • eltern kinder am 03.12.2019 07:24 Report Diesen Beitrag melden

    das thema ist endlos

    während bei eine kinder nur ein wort reicht, ist bei andern selbst ohrfeige das nicht reicht um brav zu sein. aber am liebsten hab ich solche experte füt kindererzieher das selbst kein kinder haben und nur von bücher dipl. hochschule etc. und sagen "das ist richtig und das ist falsch". zwischen märchen buch und realität sind zwei welten!

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  • FelixTheCat am 03.12.2019 07:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Selber erlebt

    Mein Geschwister hat heute sehr grosse Probleme mit Beziehungen, Gesellschaft und überhaupt mit dem Leben aufgrund der psychischen und physischen Gewalt, die es bis ins Jugendalter erlebt hat. Bis heute ist das Verhältnis zu Hause gestört und die ganze Familie leider darunter. Ich bin zur Therapie gegangen, um die Situation verarbeiten zu können. Die Schreie und das Weinen haben mich lange verfolgt. Ich will meine Kinder nicht so erziehen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Adrian am 03.12.2019 16:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Leitplanken: Belohnen und Bestrafen

    Ich wurde belohnt wenn ich was gut gemacht habe und bestraft wenn ich VORSÄTZLICH etwas falsch gemacht habe. Meine Eltern hab ich stets und bis heute respektiert. Genauso mach ich es bei meinen Kinder. Es ist mir egal was irgendwelche Analytiker posaunen, bei mir ist es gut gekommen und ich arbeite täglich daran, dass es mit meinen Kinder mindestens ebenso gut kommt.

  • Theodor am 03.12.2019 16:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Viel Glück

    Als ich 12 Jahre alt war starb meine Mutter ,und hinterlässt mit mir noch zwei Brüder,wir bekamen eine Stiefmutter die mein kleiner fünfjährigen Bruder fast täglich schlug ,er musste stundenweise auf ein Holzscheit knien,und als mein Vater starb bekamen wir den Pflichtteil,und das restliche Vermögen an die Stiefmutter und Stiefschwester,

  • Bluvampir am 03.12.2019 16:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden
    Giphy Giphy
  • Glückspilze am 03.12.2019 16:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Trauma vs. Trauma

    Wir Geschwister wurden halb tot geprügelt, psychisch fast zerstörrt, eingesperrt und mussten hungern. Trotzdem oder deswegen ist es uns gelungen, unsere Kinder zu wunderbaren, respekt - und verantwortungsvollen Erwachsenen zu erziehen. Mit einer einzigen Ohrfeige.! Aber heutzutage haben Eltern Angst vor Ihren eigenen Kindern und deren Macht über sie.!

  • Peter Wolf am 03.12.2019 16:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Liebe ist der Schlüssel für Alles

    Wenn ein Kind weint, traurig, wütend ist, vielleicht einfach einmal in den Arm nehmen und ihm zuhören. Vielleicht auch einmal sagen:"Ist nicht so schlimm, ich bin bei dir." Nützt mehr als Schlagen.