Ohrfeigen und Fuditätsch

03. Dezember 2019 04:48; Akt: 03.12.2019 09:34 Print

«Wer selbst Gewalt erlebt, schlägt eher zu»

Forscher Dirk Baier erklärt, warum immer noch viele Eltern ihre Kinder züchtigen. Er warnt: Ohrfeigen könnten ähnlichen Schaden anrichten wie starke Gewalt.

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Viele Eltern geraten bei der Kindererziehung an ihre Grenzen. Das endet nicht selten in körperlicher Gewalt. (Symbolbild) Jeder vierte Elternteil nimmt an, dass ein Klaps auf den Hintern noch niemandem geschadet habe oder Ohrfeigen als Ausnahme erlaubt seien. (Symbolbild) 6 bis 11 Prozent aller Eltern wenden häufig oder sogar regelmässig physische Gewalt an. Besonders betroffen von körperlicher Gewalt sind Kinder bis 6 Jahre. (Symbolbild) Aufgrund dieser Zahlen sieht die Kommission «dringenden Handlungsbedarf». Neben mehr Prävention, Schulungen und Beratungsangeboten ist es für die Experten zentral, dass endlich im Gesetz die letzten Überreste des «Züchtigungsrechts» entfernt werden. (Symbolbild) Dieser Meinung ist auch SP-Nationalrätin Yvonne Feri: «Eltern müssen von der Vorstellung wegkommen, dass ein Klaps aufs Füdli nicht schade.» (Symbolbild) Laut ihr könnte eine Gesetzesanpassung zum Umdenken führen: «Eltern und Betreuungspersonen erkennen dann, dass Gewalt nicht in Ordnung ist. Das ist wie bei Verkehrsregeln.» (Symbolbild) Anders sieht es SVP-Nationalrätin Andrea Geissbühler: «Wir haben bereits genügend Strafartikel, aufgrund derer man jemanden wegen Gewalt an Mitmenschen anzeigen kann und im Falle von sichtbarer, wiederholter Gewalt an Kindern auch anzeigen sollte.» (Symbolbild) «Ich bin für gewaltfreie Erziehung und wir sollten alles dafür tun, dass diese erreicht wird», sagt Geissbühler. Ihrer Ansicht nach reichen hierfür aber Präventions- und Informationskampagnen.

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Herr Baier, wie verbreitet ist Gewalt in der Erziehung in der Schweiz?
Sie ist weiter verbreitet als in den umliegenden Ländern. In einer von uns durchgeführten Studie stellte sich heraus, dass nur ein Drittel der Schweizer Kinder gewaltfrei aufwächst. In Deutschland sind es 60 Prozent.

Wieso ist das so?
In Frankreich und Deutschland wurden auf gesetzlicher Ebene Züchtigungsverbote eingeführt. Die Schweiz ist, was die gesetzlichen Rahmenbedingungen anbelangt, noch immer im Rückstand.

Sechs bis zehn Prozent der Eltern wenden regelmässig physische Gewalt an. Was sind die Risikofaktoren, zu dieser Gruppe zu gehören?
Ich denke, es sind sogar noch mehr, denn für die Studie wurden die Eltern befragt. Fragt man hingegen Personen, ob sie Gewalt in der Kindheit erfahren haben, zeigen die Resultate: Es sind eher zwanzig Prozent der Eltern, die schwere Gewalt anwenden. Es gibt hierfür drei Risikofaktoren.

Welche sind das?
Erstens: Eltern, die in der in Kindheit selbst Gewalt erfahren haben, schlagen eher zu. Zweitens: Stress aufgrund einer sozial schwierigen Lage, beispielsweise Arbeitslosigkeit oder Armut. Drittens: die ethnische Zugehörigkeit. So gehört Gewalt in der Erziehung kulturell bei Familien beispielsweise aus dem ehemaligen Jugoslawien, der Türkei oder Sri Lanka eher dazu. Teilweise spielt auch die Religion eine Rolle.

Wie kann gegen Gewalt in der Erziehung vorgegangen werden?
Wichtig ist, dass sich die Gesellschaft zu Gewaltlosigkeit positioniert. Das kann über ein Züchtigungsverbot auf gesetzlicher Ebene geschehen. Gleichzeitig braucht es viel Basisarbeit. Man sollte den Eltern ab der Geburt ihrer Kinder vermitteln, wie sie diese gut erziehen. In Kindergärten und Schulen können weitere Beratungs- und Informationsangebote für Eltern und Kinder platziert werden. Dort können alternative Reaktionsmöglichkeiten für schwierige Situationen vermittelt werden.

«Ein Klaps auf den Hintern hat noch niemandem geschadet»: Wie häufig ist diese Ansicht?
Die Ansicht ist bereits weniger verbreitet als früher. Der Weg stimmt also, aber es braucht ein klares Zeichen dafür, und das ist eben das Züchtigungsverbot. Dieses kann zu einer Veränderung in der Einstellung und weiter auch im Verhalten der Eltern führen.

Ist denn der Klaps auf den Hintern tatsächlich schädlich?
Ja. Wir müssen dieses Denken aus den Köpfen der Menschen rauskriegen. Denn man sollte das aus der Perspektive der Kinder betrachten: Wenn jemand, dem man vertraut, der grösser und stärker ist als man selbst, einen schlägt, so zerbricht das Vertrauensverhältnis zu dieser Person. Deshalb können Ohrfeigen oder eben der Klaps auf den Hintern, also leichte Formen der Gewalt, genauso viel Schaden anrichten wie starke Gewalt.

(ihr)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Costa.02 am 03.12.2019 05:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das muss nicht sein

    Ihre Aussage stimmt generell so nicht. Ich selber wurde als Kind von meinem Vater oft und heftig geschlagen. Ich selber schlage weder Menschen Tiere, im Gegenteil, ich verachte Jegliche Gewalt. Wer an sich selber arbeitet, mit professioneller Hilfe, kann aus diesem Schema ausbrechen. Und jeder hat die Wahl wie er als Erwachsener sein und leben möchte.

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  • Michu am 03.12.2019 06:52 Report Diesen Beitrag melden

    Grundsätzlich ok aber...

    Also ich weiss ja nicht Ich han frúher auch mal eins gewischt gekriegt aber dann wusste ich auch warum Zusätzlich hat es auch nichts am Vertrauensverhältnis zu meinen Eltern geändert wir haben bis heute ein top Verhältnis

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  • Je Nachdemiker am 03.12.2019 05:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Heutige Jugend

    Seht ihr da drausen auch, zu was unsere Heutige Jugend fähig ist?.! Also bitte sagt lieber nichts mehr... die einen oder anderen hätten sehr wohl mal erziehung oder zumindest einwenig aufmerksamkeit seitens der Eltern vertragen können.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Bertb am 03.12.2019 15:21 Report Diesen Beitrag melden

    Alternative erziehung ist Falsch

    wer nie für sein handeln die Konsequenzen, tragen musste wird immer weiter gehen! darum loten kinder ihre grenzen ja auch aus. ergo ist es auch von nöten passend zu reagiern. worte oder verätschelung ist keine gute lösung, vorallem wen es damit nicht funktioniert hat. nur immer wieder reden ändert nichts! auch wen es mal bedeutet dem kind einen klapps zu geben. hier die sache in schwarz oder weiss zu sehen, hilft dabei nichts. den es ist nicht so einfach! bin gegen pure gewalt und gegen blindes dreinschlagen, aber um jemand die grenze zu zeigen bevor er wirklich ne grosse dummheit begeht- Ja!

  • Kevin Hug am 03.12.2019 15:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Respektlosigkeit

    Und wieviele Eltern werden von ihren Halbwüchsigen terrorisiert, ja sogar geschlagen? Nur weil ihnen nie Grenzen aufgezeigt wurde. Wenn schon Kindrergärtner ihren Eltern Schimpfwörter an den Kopf schmeissen und dafür nicht bestraft werden, weil die Eltern Angst vor der Öffentlichkeit hat.... mit einem Schlag im richtigen Moment lernt das Kind mehr als mit dem ewigen Gejammer und der Schönschwätzerei!

  • nl am 03.12.2019 15:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    hhsa

    Naja, schlagen ist eigentlich nie gut ja klar. Aber eine kleine Schelle kann wenn das Kind es übertriebt hilfreich sein. Dann muss es aber auch wirklich verdient sein, z.b wenn das Kind zum wiederholten mal ein böses Fluchwort zu jemanden sagt. Sonst denkt das Kind noch es wäre lustig.

  • Bleibt anonym am 03.12.2019 15:03 Report Diesen Beitrag melden

    Abscheulich, Kinder zu schlagen

    Als Kind regelmässig geschlagen worden, mit 17 ausgezogen, seither die Täter nie wieder gesehen, mit 30 promoviert und glücklich geworden. Habe zwei Kinder denen niemals auch nur ein Haar gekrümmt wurde. Beide selbstbewusst und gut gebildet. Hätte ich mich nicht selbst von den gewalttätigen Eltern distanziert, wäre es sicher anders verlaufen.

  • Ruedi Th. am 03.12.2019 14:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der Kopf ist Tabu

    Ich denke im richtigen Moment "paar ufs Füdli" schaden nicht. Wo ich Mühe habe, ist das Ohrfeigen verharmlost werden... Schläge an den Kopf sind gefährlich und für mich ein Tabu!!