Smartphone-Sucht

04. Januar 2017 13:07; Akt: 04.01.2017 13:07 Print

«Wer zuerst zum Handy greift, zahlt eine Runde»

Jugendliche wollen im Ausgang nicht mehr am Smartphone hängen – und greifen zu unkonventionellen Mitteln.

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Das Bierglas bleibt unberührt und das Gespräch will nicht so richtig in Fahrt kommen. Nein, es ist kein schlechtes Tinder-Date, sondern ein Abend unter Freunden, bei dem alle nur auf ihr Smartphone starren. «Man merkt ja leider auch selber, dass man immer abhängiger vom Smartphone wird und es auch während eines lustigen Abends nicht mehr in der Tasche lassen kann», sagt der 22-jährige Noah Wechsler* aus Luzern. Durch die permanente Ablenkung seien die Gespräche oft oberflächlich geblieben. *Name geändert Diese Situation im Ausgang begann ihn und seine Kollegen zunehmend zu nerven. Sie haben darum auf eine kreative Lösung zurückgegriffen: Am Beginn des Abend legen alle ihr Handy in die Mitte des Tischen. Wer zuerst aufgibt und nach seinem Handy greift, der muss dem Tisch eine Runde ausgeben. «Am Anfang ging es uns eher um die Herausforderung, wer es am längsten ohne Handy aushält.» Später setzte dann die Gewohnheit ein. «Der Smartphoneverzicht hilft dabei, wieder von Angesicht zu Angesicht miteinander zu reden, man rückt näher zusammen», sagt Wechsler. Dennoch sei das Smartphone nicht zu verteufeln: «Immerhin bietet das Smartphone auch Möglichkeiten, Gesprächsstoff auszutauschen, indem man sich zum Beispiel einen Artikel oder ein Video zeigt.» Im Ausgang würde die Smartphone-Regel besonders in grösseren Gruppen helfen, alle beisammen und beim Gespräch zu halten. «Da ist die Versuchung gross, sich schnell aus dem Gespräch auszuklinken und das Telefon rauszuholen», sagt Wechsler. Das beobachtet auch Familientherapeut und Mediator Jürgen Feigel. Für Jugendliche biete sich mit dem Smartphone-Verzicht auch eine Möglichkeit, sich voneinander abzugrenzen «Wer sein Handy in die Mitte des Tisches legt, der verzichtet demonstrativ darauf, eine Art kleine Rebellion, die einen von der Masse der Handy-Zombies abhebt.» Die Jungen würden in der Gruppe langsam merken, wenn ihr Smartphone-Konsum ihnen in der Freizeit den Spass nimmt, und regulierten ihn dann zusammen auf spielerische Weise. So würden manche Jugendliche auch eine ähnliche Challenge via Guppenchat veranstalten. Unter Gleichaltrigen funktionierten solche Regulierungen oft besser, als wenn Eltern das Natel wegnehmen wollen, so Feigel. Laut Feigel sind junge Menschen zum Teil stärker für die «Smartphone-Sucht» sensibilisiert und würden somit auch positiv aufeinander Einfluss nehmen. «Im Gegensatz zu Jugendlichen lassen sich die Eltern aber meist von niemandem sagen, sie verbrächten zu viel Zeit am Natel.» Zwischen Ehepaaren entstünden auch oft Konflikte wegen übermässigen Smartphone-Gebrauchs. «Das soll natürlich nicht bedeuten, dass Eltern nicht auf den Smartphone Konsum Jugendlicher achten und Grenzen setzen müssen, wenn es notwendig wird», sagt Feigel.

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Das Bierglas bleibt unberührt und das Gespräch will nicht so richtig in Fahrt kommen. Nein, es ist kein schlechtes Tinder-Date, sondern ein Abend unter Freunden, bei dem alle nur auf ihr Smartphone starren. «Da spricht man über Whatsapp oder Facebook mit der ganzen Welt, aber nicht mehr miteinander», sagt der 22-jährige Noah Wechsler* aus Luzern. «Man merkt ja leider auch selber, dass man sogar während eines lustigen Abends das Smartphone nicht mehr in der Tasche lassen kann.» Vor allem die Frischverliebten klebten immer am Handy.

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Leiden Sie darunter, dass ihre Freunde mehr am Handy interessiert sind, als an Ihnen?
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Durch die permanente Ablenkung seien die Gespräche oft oberflächlich geblieben: «Es fehlte der Tiefgang, weil Nachrichten auf dem Handy attraktiver schienen als das, was der Kollege zu erzählen hatte.» Diese Situation im Ausgang begann ihn und seine Kollegen zunehmend zu nerven. «Wir begannen um ein Bier zu wetten, dass man das Handy nicht liegen lassen kann, wenn das Schätzeli wieder anruft», schmunzelt er. Inzwischen legen alle zu Beginn des Abends ihr Handy in die Mitte des Tisches. «Wer zuerst aufgibt und nach seinem Handy greift, der muss eine Runde zahlen.»

«Smartphone gibt auch Gesprächsstoff»

«Dank dem Smartphoneverzicht sind wieder näher zusammengerückt», sagt Wechsler. Dennoch sei das Smartphone nicht zu verteufeln: «Es bietet auch Möglichkeiten, Gesprächsstoff auszutauschen, indem man sich einen Artikel oder ein Video zeigt.»

Im Ausgang würde die Smartphone-Regel besonders in grösseren Gruppen helfen, alle beim Gespräch zu halten. «Wenn man mit sechs Personen an einem Tisch sitzt, ist die Versuchung sonst gross, sich aus dem Gespräch auszuklinken und das Telefon rauszuholen», sagt Wechsler. Es sei auch eine Methode, sich von anderen im Ausgang abzugrenzen. «Je nachdem, in welche Bar oder welchen Club man geht, kann es gut sein, dass man zu den Einzigen gehört, die sich nicht mit ihren Handys beschäftigen.»

Smartphone-Verzicht als kleine Rebellion

Das beobachtet auch Familientherapeut und Mediator Jürgen Feigel. Für Jugendliche böte sich mit dem Smartphone-Verzicht auch eine Möglichkeit, sich voneinander abzugrenzen. «Wer sein Handy im Ausgang in die Mitte des Tisches legt, der verzichtet demonstrativ darauf. Das ist eine Art kleine Rebellion, die einen von der Masse der Handy-Zombies abhebt.»

Die Jungen würden in der Gruppe langsam merken, wenn ihr Smartphone-Konsum ihnen in der Freizeit den Spass nimmt, und würden ihn dann zusammen auf spielerische Weise regulieren. So würden manche Jugendliche auch eine ähnliche Challenge via Guppenchat veranstalten. «Jeder darf einmal etwas reinschreiben, und dann muss man offline bleiben. Da man im Chat nachschauen kann, wann jemand online war, sieht man sofort, wer verloren hat.» Unter Gleichaltrigen funktionieren solche Regulierungen oft besser, als wenn Eltern das Handy wegnehmen wollen, so Feigel.

Laut Feigel sind junge Menschen zum Teil stärker für die «Smartphone-Sucht» sensibilisiert und nehmen somit auch positiv Einfluss aufeinander. Erwachsene würden heutzutage ebenfalls oft übermässig am Smartphone hängen. «Im Gegensatz zu Jugendlichen lassen sich die Eltern meist von niemandem sagen, sie verbrächten zu viel Zeit am Handy.» Zwischen Ehepaaren entstünden auch oft Konflikte wegen übermässigen Smartphone-Gebrauchs. «Das soll natürlich nicht bedeuten, dass Eltern nicht auf den Smartphone Konsum Jugendlicher achten und Grenzen setzen müssen, wenn es notwendig wird», sagt Feigel.

*Name geändert

(lz)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • M.BS am 04.01.2017 13:13 Report Diesen Beitrag melden

    SmartMann

    Ich nehme mein Smartphone, wenn ich am Abend ausgehe, gar nicht mehr mit. Wozu auch? Reden sollte man mit seinem Gegenüber ansonsten kann ich auch gleich zu Hause bleiben. Schade bin ich der Einzige im Freundeskreis, der das wirklich durchzieht...

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  • Pete G. am 04.01.2017 13:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ausschalten?

    Warum nicht einfach ausschalten (oder auf lautlos) und in die Tasche damit? So mache ich und meine Kollegen das. Bei uns liegen i.d.R. keine Handies auf dem Tisch, wenn wir irgendwo was trinken. Finde das eher normal als eine grosse Herausforderung.....

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  • Date am 04.01.2017 17:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Handy

    Beim Date hast du gewonnen, wenn Du ihre Handymarke am Abend nicht kennst ;)

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Melinda am 05.01.2017 14:24 Report Diesen Beitrag melden

    Feste HandyCheck Angewohnheiten

    Ich und mein Freund sind wenn wir zusammen sind kaum am Handy, das hat sich so eingestellt, wir nehmen es mit wenn wir raus eins rauchen gehen und vor dem Schlafen gehen drückt jeder noch kurz etwa 5 min drauf rum um das 'verpasste' nachzuholen. Ich bin wirklich froh das es nicht so schlimm ist wie bei anderen Menschen

  • Feline X am 05.01.2017 13:01 Report Diesen Beitrag melden

    Ich verstehe es nicht

    Ich verstehe einfach nicht, was man gegen die Verwendung eines Handys haben kann. Ist doch super praktisch. ich benutze mein Handy oft im Gespräch mit Freunden und diese benutzen es ebenfalls. Irgendwie muss man ja Informationen nachschlagen können. Man sitzt beispielsweise bei ein paar Drinks zusammen und führt ein Gespräch über Physik: Da ist es doch nur praktisch mal schnell etwas nachschlagen zu können, oder jemanden zu fragen, der sich mit der Thematik ebenfalls beschäftigt.

    • Klara Schneemann am 05.01.2017 14:09 Report Diesen Beitrag melden

      Kein Handy

      Ja ja natürlich gibt es keine wichtigeren Themen als Physik... Da ist das Handy unabdingbar. Ich spreche und diskutiere am liebsten mit Leuten, die auch mal ohne Handy klarkommen. Im übrigen besitze ich kein Handy und ich lebe immer noch sehr gut auch ohne dieses Teil. Aber jedem so wie es ihm beliebt....

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  • Marc-Thomas am 05.01.2017 12:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zu viel ist ungesund

    Wie Paracelsus schrieb: "Die Dosis macht das Gift".

  • Dr tubel uf em hubel am 05.01.2017 12:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    imagine

    ich seh den Trickfilm schon klar vor meinem geistigen Glasauge:-... da kommt ein unbekannter anderer Gast zum Tisch, wischt mit einem Strich sämtl. Geräte vom Tisch in seinen Rucksack, knallt einen 50er auf den Tisch und huscht mit einem freundlichen " PROST " zur Türe raus......

  • Jürg am 05.01.2017 12:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bier und Internet

    Es stellt sich eher die Frage: was haben diese "Freunde" gemeinsam?

    • Luma am 05.01.2017 12:37 Report Diesen Beitrag melden

      Gemeinsam

      Einen Tisch...das wars schon :)

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