Franz Hohler

03. April 2014 15:58; Akt: 03.04.2014 16:33 Print

«Widmer hätte den Nobelpreis verdient»

Mit dem Tod von Urs Widmer verliert die Schweiz einen bedeutenden Schriftsteller. Kollegen trauern nicht nur um einen grossen Schreiber, sondern auch um einen Freund.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

2008 regte Franz Hohler an, Urs Widmer für den Nobelpreis vorzuschlagen. Der Deutschschweizer PEN-Club hat das dann auch offiziell getan. «Verdient hätte er ihn, ebenso wie Dürrenmatt und Frisch», sagte der Schriftsteller und Kabarettist am Donnerstag nach Bekanntwerden von Widmers Tod.

«Urs Widmer war einer unserer grossen Fabulierer. Er hat die Wirklichkeit ständig umgebaut und als Kulisse für seine Geschichten zurechtgerückt, die so oft ins Surreale übergingen und uns sachte den Boden unter den Füssen weggezogen haben», charakterisierte Hohler gegenüber der Nachrichtenagentur SDA Widmers Schaffen.

«Hinter unserer ersten Welt liess er eine zweite Welt entstehen, die Welt der Phantasie, und die reichte bis an den Rand des Universums.»

Auch der Schriftsteller Peter Bichsel erinnert sich mit Freude an Urs Widmer. In einem Interview im «Tages-Anzeiger» erzählt er von seinem Freund: «Er hätte auch ohne Erfolg geschrieben. Dass er davon leben konnte, freute ihn sicher – aber Ruhm bedeutete ihm nichts.» Er sei ein Schriftsteller gewesen, der das Schreiben geliebt und grossen Spass daran gehabt habe.

Widmer habe eine «geniale Fahrlässigkeit» gehabt, so Bichsel. Er habe über eine Erzähllust verfügt, mit welcher er mit grosser Leichtigkeit ausufern konnte und eine ganz eigene Komik hatte. Diese Komik sei jedoch nie «clownesk »gewesen.

Die Deutsche Akademie der Künste trauert

«Eine phantastische Forschungsreise hat ihr Ende gefunden», teilte am Donnerstag die Deutsche Akademie der Künste mit. Sie nahm Widmer 1999 in die Reihen ihrer Mitglieder auf.

«Urs Widmer hat sie bis zum Rand des Universums getrieben mit all den Abenteuern seines träumerischen und parodistischen Erzählens», heisst es in Anspielung auf Urs Widmers letzten Herbst erschienene Autobiografie «Reise an den Rand des Universums».

«Seine Autobiografie wurde wirklich sein letztes Buch - aber für immer steht seine 'Amsel im Regen im Garten' (Titel einer Erzählung von Urs Widmer) und 'Die schreckliche Verwirrung des Giuseppe Verdi' (Hörspiel) hält an'.

Für Widmer kam der Tod nicht unerwartet

Der Verfasser von 80 Prosawerken, Dramen, Hörspielen und Essays starb am Mittwoch 75-jährig an Krebs. Die Nachricht kam nicht unerwartet, hatte er doch seine Autobiographie «Reise an den Rand des Universums» (2013) als sein letztes Buch bezeichnet.

«Niemand glaubt mir», sagte er danach in einem Interview über diese Abschiedsbekundung, «ich hoffe zu Recht.» Nun haben die Ungläubigen leider doch nicht Recht gehabt.

Da eine heitere Gelassenheit zu Widmers Grundausstattung gehörte, hat man oft den Ernst dahinter übersehen. Wegen seines Hangs zum Skurrilen und Abenteuerlichen wurde er vor allem zu Anfang von Rezensenten als «lustiger Purzel» unterschätzt. «Jetzt hat er wieder eine kleine, lustige Feder in die Luft geworfen», hätten die jeweils gemeint und die schwarze Grundierung übersehen, beklagte sich der Autor

Bis zu seiner Herzoperation, der er sich mit 58 habe unterziehen müssen, habe er sich für unsterblich gehalten, danach habe sich das geändert. «Wissen Sie, sechzig und mehr ist schon ein bisschen ein Seich», sagte er 2002 der Zeitschrift «Annabelle». Aber er habe nun einmal die Gabe, sich «auf dünnem Eis ganz heiter und alltagstauglich» zu bewegen.

Das Brodeln unter dem Witz

Die Gabe hatte er von seinem Vater, dem Übersetzer, Literaturkritiker und Gymnasiallehrer Walter Widmer, dem «Weltmeister der Kalauer», wie ihn der Sohn nannte. Urs war ein gelehriger Nachwuchshumorist und schlug den Vater schon mit 15 Jahren vor Publikum beim Schnitzelbank-Dichten.

Im Elternhaus in Basel, in das Urs Widmer am 21. Mai 1938 hineingeboren wurde, herrschte eine intellektuell und kulturell inspirierende Atmosphäre. Künstler und Literaten gingen ein und aus, Heinrich Böll war ein enger Freund der Familie.

Aber familienintern gab es dunkle Unterströme: Die Mutter verzehrte sich nach einem unerreichbaren Geliebten («Der Geliebte der Mutter», 2000), der Vater flüchtete sich in die Literatur («Das Buch des Vaters», 2004), Heiterkeit entspannte die Situation, wie später in den Büchern des Sohnes.

Zum Weltliteraten geadelt

Die Literatur, die der Vater stets verfassen wollte, aber nicht konnte, wurde nach dessen Tod sofort die Domäne des Sohns. Im «Buch des Vaters» schreibt der Sohn das Lebensbuch des Vaters neu, nachdem das Original der Müllabfuhr anheimgefallen war. In der Wirklichkeit schrieb Urs Widmer nach Vaters Tod «Alois», den ersten Text, der seinen Ansprüchen genügte.

Da war er 30. Und bis zu diesem Punkt reicht auch die letzten Herbst erschienene Autobiografie «Reise an den Rand des Universums». Alles, was danach kam, sagte Widmer wiederholt, stand in seinen Büchern.

In «Der blaue Siphon» etwa tauscht ein 53-jähriger Erzähler mit seinem 3-jährigen Ich die Plätze: Der Erwachsene kommt in sein Basler Elternhaus im Jahr 1941, der Kleine in die Zürcher Wohnung seines älteren Ichs im Jahre 1991.

Als «Das literarische Quartett» 1992 den «Blauen Siphon» besprach, gestand Marcel Reich-Ranicki ein, er schäme sich, dass er so einen bedeutenden Autor - «einen Weltliteraten!» - so lange habe übersehen können. Das Buch wurde Widmers erster grosser kommerzieller Erfolg, ähnlich wie die folgenden Bücher «Liebesbrief für Mary» (1993) und «Im Kongo» (1996).

Widmer und die Wirtschaftskrise

Etwa gleichzeitig fanden auch seine Theaterstücke immer mehr Beachtung, «Jeanmaire» und «Frölicher - ein Fest» zunächst und dann «Top Dogs» über gefallene Manager. «Top Dogs war unmöglich zu toppen, das lief auf 5 Kontinenten in über 200 Inszenierungen», musste Widmer selber zugeben.

Aber dass das Zürcher Schauspielhaus 2012 das Stück «Das Ende vom Geld» ablehnte, kränkte den Autor sehr. Die Begründung - laut Widmer sagte man ihm, bis zur Uraufführung sei die Wirtschaftskrise vorbei - war auch gar fadenscheinig.

(sda)