Brustverkleinerung abgelehnt

29. April 2019 04:49; Akt: 29.04.2019 09:22 Print

«Ich leide unter meinen zu grossen Brüsten»

S. R.* (22) leidet seit Jahren unter ihren grossen Brüsten, eine Operation kann sich die Studentin nicht leisten. Trotz Gesundheitsproblemen will ihre Krankenkasse sie nicht bezahlen.

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Leserin S. R. leidet seit Jahren unter Rückenschmerzen, früher wurde sie gehänselt wegen ihrer Brust. Sie hat Mühe, einen passenden BH oder ein Bikinioberteil zu finden, und trägt Körbchengrösse G. Sie trägt Unterwäsche, die ihre Brust kleiner aussehen lässt. Trotz Rückenbeschwerden und Einschränkungen wurde ihr Antrag auf Kostenübernahme der Brustverkleinerung durch die Krankenkasse abgelehnt. So wie ihr geht es nicht wenigen jungen Frauen, deren Brust symmetrisch ist und keine optischen Mängel aufweist. Auch bei der Arbeit stört es die Studentin; «Ich jobbe häufig im Service. Es ist umständlich, ein Tablett zu halten, und unangenehm, wenn ich mich zu Gästen herunterbeugen muss.» (Symbolbild) Was für viele als attraktiv gilt, kann für Betroffene sehr belastend sein und die Gesundheit einschränken. Doch Brustreduktionen sind teuer und kosten bis zu 15'000 Franken. S. R. sagt, sie wolle nicht immer als Sexobjekt betrachtet werden. (Symbolbild) Eva Neuenschwander Fürer, Fachärztin für plastische und rekonstruktive Chirurgie, sagt: «Für die Kostenübernahme gibt es Voraussetzungen. Die krankmachende Wirkung der grossen Brust muss bewiesen werden.» So dürfe eine Frau etwa nicht übergewichtig sein und müsse objektivierbare Rückenbeschwerden haben. Krankenkassen würden immer mehr Anträge zur Kostenübernahme ablehnen. Auch Stars leiden unter einem grossen Busen. Gerüchten zufolge wollte sich auch Jessica Simpson ihren Busen verkleinern lassen. Die Schweizer Influencerin Anja Zeidler hat sich erst einer Brustvergrösserung unterzogen und den Eingriff dann rückgängig gemacht. Sie plädiert für Selbstliebe und hat offen über die Brustverkleinerung berichtet. Eine Brustverkleinerung ist dann sinnvoll, wenn Physiotherapie gegen die Rücken- oder Nackenschmerzen und eine zunehmende falsche Körperhaltung nicht hilft. Die Krankenkassen halten sich an eine Rechtssprechung sowie ein Bundesgerichtsurteil, um abzuwägen, ob die OP-Kosten übernommen werden. Es muss zwingend ein Krankheitswert bestehen.

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«Meine Brüste begannen zu wachsen, als ich zehn war. Da ich klein und schmal bin, sah das schnell übermässig aus. Die Jungs hänselten mich ständig», erzählt S. R.* Aus Angst und Scham habe sie den Sportunterricht nicht mehr besuchen wollen. «Ich gehe noch heute ungern in die Badi und werde im Ausgang als Sexobjekt abgestempelt und angeglotzt.» Sie wünsche sich, dass ihr auch mal jemand zuerst ins Gesicht schaue. S. R. trägt Körbchengrösse 65G und hat mit Rückenschmerzen zu kämpfen. Ihre Körperhaltung verschlechtert sich zunehmend.

«Ich bin eigentlich sportlich, doch mein Busen schmerzt, wenn ich mich ausgiebig bewege. Es ist kaum möglich, einen Sport-BH zu finden», sagt die 22-Jährige. Auch BHs und Bikinis finde sie in herkömmlichen Geschäften nicht. Weil sich die Druckstelle eines unpassenden BHs entzündete, musste sich S. R. schon einer Notoperation unterziehen. Auch auf der Arbeit schränkt es sie ein: «Ich jobbe häufig im Service. Es ist umständlich, ein Tablett zu halten, und unangenehm, wenn ich mich zu Gästen herunterbeugen muss.»

Erniedrigende Kommentare und Blicke

Wegen ihres Rückenleidens ging sie zur Physiotherapie, was langfristig nicht viel half. Mit 17 begann S. R. mit dem Gedanken einer Brustverkleinerung zu spielen. Mittlerweile schmerzte ihr Busen sogar in der Nacht, je nach Liegeposition. Doch eine seriöse Brustreduktion kostet bis zu 15'000 Franken – viel Geld für die junge Frau. Sie beschloss, bei ihrer Krankenkasse, der KPT, einen Antrag für eine Kostenübernahme zu stellen.

Ein Facharzt habe sie gewarnt: «Er sagte, er kenne viele junge Frauen mit übergrosser Brust, die aber symmetrisch und ohne sichtbare Mängel sei. Alle wurden von verschiedenen Krankenkassen abgewiesen.» Er habe ihr empfohlen, das psychische Leiden, das ihr Problem verursache, nicht hervorzuheben. «Sonst heisst es am Ende, nur ein Psychiater könne helfen. Doch der kann nicht dafür sorgen, dass ich keine Blicke oder erniedrigende Kommentare mehr ertragen muss.»

Mindestgewicht von 500 Gramm pro Seite

Fachärzte bestätigten, dass eine Brustverkleinerung sinnvoll und schmerzlindernd sei. Doch die KPT blieb dabei: Man übernehme die Kosten nicht. S. R. solle weiter Physiotherapie machen. Zudem sei unsicher, ob das per Rechtssprechung vorgegebene Mindestgewicht von 500 Gramm zu entfernendes Gewebe beidseits erfüllt werden könne.

Eva Neuenschwander Fürer, Fachärztin für plastische und rekonstruktive Chirurgie, sagt: «Für die Kostenübernahme gibt es Voraussetzungen. Die krankmachende Wirkung der grossen Brust muss bewiesen werden.» So dürfe eine Frau etwa nicht übergewichtig sein und müsse objektivierbare Rückenbeschwerden haben.

Restriktivere Krankenkassen

Als Ärztin lege sie Wert auf eine gute Zusammenarbeit mit den Krankenkassen und verweise nur jene Patientinnen, bei denen sie die medizinische Notwendigkeit für einen Eingriff eindeutig feststelle. Doch die Kassen seien restriktiver geworden: «Vor 20 Jahren wurden von zehn Fällen im Schnitt acht von der Krankenkasse übernommen, heute sind es noch zwei.»

Dass grosse Brüste zu Rückenbeschwerden führten, sei genügend belegt worden. Und noch etwas gelte es zu beachten: «Eine sehr grosse Brust ist viel schwieriger auf Brustkrebs hin zu untersuchen als eine kleinere.» Die Regel, dass pro Brust 500 Gramm Gewebe entfernt werden müssen, kritisiert Neuenschwander Fürer: «Diese Zahl ist wie ein Gummiband. Bei einer Frau, die über 1,80 Meter gross ist, sind 500 Gramm nicht dasselbe wie bei einer kleinen Frau.»

KPT prüft jeden Einzelfall

Yuko Graber, Mediensprecher der KPT, sagt, man erhalte immer wieder Anträge zur Kostenübernahme einer Brustreduktion. Jeder Einzelfall werde auf festgelegte Kriterien hin geprüft. So müssten Beschwerden mit Krankheitswert vorliegen, es dürfe kein Adipositas bestehen und der Eingriff müsse zweckmässig und wirksam sein. «Schliesslich muss eine Gewebereduktion von circa 500 Gramm Gewebe beidseits erfolgen. Dabei handelt es sich um einen Richtwert.»

Werde ein Antrag abgelehnt, übernehme die KPT etwa die Kosten einer Physiotherapie, sofern diese eine alternative Behandlungsmöglichkeit sei.

Auch auf Twitter teilen betroffene Frauen ihr Leid mit:






*Name der Redaktion bekannt

(jk)