Pflege

18. Februar 2019 10:06; Akt: 18.02.2019 10:12 Print

«Wir behandeln Patienten wie in Massenabfertigung»

Überlastet, unterbezahlt, ausgenutzt: Pflegepersonen arbeiten am Limit – und bezahlen das mit ihrer Gesundheit.

Bildstrecke im Grossformat »
Die Situation in der Schweizer Altenpflege ist prekär, das Pflegepersonal arbeitet am Limit. Das zeigt die aktuelle Pflegeumfrage der Unia. Die psychische und körperliche Belastung ist so hoch, dass laut Umfrage jede zweite Pflegeperson den Job hinschmeissen will. Für die Gewerkschaft sind die «Ergebnisse alarmierend». Die Erfahrungen der 20-Minuten-Leser bestätigen die Umstände: Das Pflegepersonal arbeite am Limit, in Heimen herrsche teils eine menschenunwürdige Massenabfertigung. Viele Pflegende beklagen sich über die hohe Belastung im Job. Körperliche und psychische Folgen sind keine Seltenheit. Jasmin, ehemalige Fachangestellte Gesundheit, berichtet: «Wegen des akuten Personalmangels passierten oft Fehler: Medikamente wurden vertauscht, Heimbewohner nicht geduscht. Ich konnte nicht mehr zusehen: Die Patienten sind nur noch Zimmernummern. Das schlug mir auf die Psyche: Ich wurde depressiv und kündigte.» «Nach sieben Jahren in der Pflege bin ich am Ende», betont Marla. «Die Zustände im Heim gleichen einer Massenabfertigung. Wir hetzen von Zimmer zu Zimmer, ‹schmeissen› die Bewohner oft schon vor 17 Uhr ins Bett. Weil es zu wenig Personal hat, muss ich die Bewohner allein herumtragen. Seit Jahren kämpfe ich deshalb mit Rückenbeschwerden.» Michael, Fachmann Betreuung, klagt: «Seit Jahren habe ich den gleichen Lohn und trotz Weiterbildungen keine Chance auf eine Erhöhung. Dazu kommen prekäre Arbeitszeiten: Schichtarbeit, Pikett, Wochenenddienst. Meine Frau und meine Familie leiden sehr darunter. Daher bin ich jetzt auf der Suche nach einem neuen Job.» Auch Sandra, die seit über 30 Jahren in der Pflege arbeitet, berichtet über unhaltbare Zustände: «Die Langzeitpflege hat nichts mehr mit würdevollem Altern zu tun. Das nagt an mir. Es ist belastend und niederschmetternd, wenn man ein Herz hat für Menschlichkeit, Nächstenliebe und Respekt vor älteren Menschen – aber kaum Zeit bekommt, ihnen den letzten Weg so angenehm wie möglich zu gestalten.» Bei Jolanda führte der berufliche Stress im Heim zu einem Burn-out: «Ich war nachts allein für 30 Bewohner zuständig. Weil diplomiertes Personal fehlte, wurde ich gezwungen, einer Patientin, die künstlich beatmet wurde, die Luftröhre abzusaugen. Dafür war ich gar nicht qualifiziert. Ich musste im Internet nachschauen, wie das geht, und es dann einfach machen. Wegen des ganzen Stresses habe ich jetzt ein Burn-out.» «In Zukunft wird der Bedarf an Pflege wegen der Alterung der Bevölkerung extrem zunehmen», sagt Manuela Kocher vom Schweizerischen Berufsverband der Pflegefachpersonen. Bei den 65- bis 79-Jährigen werde der Anteil der Pflegebedürftigen 1,5-mal grösser sein als heute, bei den über 80-Jährigen gar 2,8-mal.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Unregelmässige Arbeitszeiten, zu wenig Personal, schlechter Lohn, grosse Belastung: Die Situation in der Schweizer Altenpflege ist prekär, das Pflegepersonal arbeitet am Limit. Das zeigt die aktuelle Pflegeumfrage der Unia. Die psychische und körperliche Belastung ist so hoch, dass jede zweite Pflegeperson den Job hinschmeissen will. Für die Gewerkschaft sind die «Ergebnisse alarmierend» (20 Minuten berichtete).

Das Pflegepersonal sei oft überfordert und komplett überlastet, in Heimen herrsche teils eine menschenunwürdige Massenabfertigung: Die Erfahrungen der 20-Minuten-Leser untermauern das. Und sie bestätigen, wie belastend der Pflegeberuf für Kopf und Körper ist. Viele Pflegende sind so am Anschlag, dass Rückenbeschwerden zur Tagesordnung gehören und Burn-outs keine Seltenheit sind.

Jasmin M.* (22)

«Nach 3,5 Jahren als FaGe (Fachangestellte Gesundheit) im Altersheim bin ich ausgestiegen. Aufgrund des akuten Personalmangels passierten oft Fehler: Medikamente wurden vertauscht, Infektionen ignoriert, Heimbewohner nicht geduscht. Es wird gearbeitet wie am Fliessband. Ich konnte nicht mehr zusehen: Die Patienten werden nicht wie Menschen behandelt, sie sind nur noch Zimmernummern. Das schlug mir auf die Psyche: Ich wurde depressiv, ausgelaugt und litt an starker Migräne. Wer diesen Beruf ergreifen will, sollte es sich ganz genau überlegen.»

Jolanda T.*

«Vor allem als FaGe im Heim war es besonders schlimm. Ich war nachts allein für 30 Bewohner zuständig. Das war kaum zu bewältigen. Weil diplomiertes Personal fehlte, wurde ich gezwungen, einer Patientin, die künstlich beatmet wurde, die Luftröhre abzusaugen. Dafür war ich gar nicht qualifiziert. Ich musste im Internet nachschauen, wie das geht, und es dann einfach machen. Die Pflegedienstleitung war unfähig, beim Personal gab es massenhaft Kündigungen. Wegen des ganzen Stresses habe ich ein Burn-out und erhole mich jetzt zu Hause.»

Anina F.*

«Ich habe 2017 meine Lehre in der Pflege angefangen. Schon als 16-Jährige musste ich am Wochenende arbeiten. Zudem habe ich üble Arbeitszeiten: Von 7.30 bis 12.30 Uhr und von 16 bis 19.30 Uhr. Am Mittag bin ich meist so geschafft, da bleibt kaum Zeit fürs Lernen für die Schule – und am Abend bin ich zu müde, um Freunde zu treffen.»

Michael P.*

«Seit Jahren habe ich als Fachmann Betreuung den gleichen Lohn. Trotz Weiterbildungen habe ich keine Chance auf eine Lohnerhöhung. Dazu kommen prekäre Arbeitszeiten: Schichtarbeit, Pikett, Wochenenddienst. Ich habe oft nur einen Tag frei und habe das Gefühl, ich wohne im Heim. Meine Frau und Familie leiden sehr darunter. Daher bin ich jetzt auf der Suche nach einem neuen Job.»

Marla B.*

«Nach sieben Jahren in der Pflege bin ich langsam am Ende. Die Zustände im Heim gleichen einer Massenabfertigung. Wir haben keine Zeit, uns um die Bewohner zu kümmern. Wir hetzen von Zimmer zu Zimmer, ‹schmeissen› die Bewohner oft schon vor 17 Uhr ins Bett. Weil es zu wenig Personal hat, muss ich die Bewohner allein herumtragen. Seit Jahren kämpfe ich deshalb mit Rückenbeschwerden. Für das, was wir alles machen müssen, sind wir deutlich unterbezahlt. Weil sich mein Dienstplan fast täglich ändert, kann ich auch meine Freizeit kaum planen.»

Sandra B.*

«Anspruchsvolle Pflege, Schichtarbeit, Personalmangel, riesiger administrativer Aufwand: Das ist kein Zuckerschlecken. Ich bin seit über 30 Jahren im Beruf. Die Langzeitpflege hat nichts mehr mit würdevollem Altern zu tun. Das nagt an mir. So toll, wie das in Altersheimleitbildern beschrieben ist, läuft es überhaupt nicht. Es ist belastend und niederschmetternd, wenn man ein Herz hat für Menschlichkeit, Nächstenliebe und Respekt vor älteren Menschen, aber kaum Zeit bekommt, ihnen den letzten Weg so angenehm wie möglich zu gestalten.»


*Namen der Redaktion bekannt

(rol)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Arla am 18.02.2019 10:25 Report Diesen Beitrag melden

    Respekt

    Alle, die in Pflegeheimen arbeiten, verdienen grössten Repsekt. Und es ist traurig, dass in der ach so reichen Schweiz kein Geld da ist, um die ältere Generation zu pflegen. Es geht um unsere Eltern und Grosseltern!

    einklappen einklappen
  • Jj am 18.02.2019 10:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Danke

    Danke an alle die diese Beruf ausüben! Auch ich möchte im Alter gut versorg sein und hoffe es ändert jetzt endlich mal was

    einklappen einklappen
  • Schorsch am 18.02.2019 10:11 Report Diesen Beitrag melden

    Besteuern

    Würde man Reiche Unternehmen und Privatpersonen endlich normal besteuern, dann könnten wir uns 10 persönliche Pfleger sowie 3 persönliche Ärzte pro Person im eigenen Haus mit Umschwung leisten.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • marko 34 am 19.02.2019 22:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Krass

    Krass

  • Barbara S. am 19.02.2019 21:20 Report Diesen Beitrag melden

    Das Pflegepersonal ...

    leistet einen wichtigen Teil bei der Genesung und sollte auch entsprechend wertgeschätzt werden. Doch kleine Fragen dazu: Klar ist man bei zu wenig Personal im Stress und macht was man kann. Doch Mehraufwand durch Korrekturen und unnötige Extraschlaufen (Betroffene, Angehörige und deren Umfeld und Arbeitgeber wären dankbar und würden ev. auch weniger intervenieren was zu weniger Zeitaufwand, Diskussionen/Gesprächen führt) könnten möglicherweise auch vermieden werden (gute Planung und bei heiklen Aufgaben mind. 4 Augen-Prinzip - wenn auch in der Vorbereitung kann da bereits helfen).

  • Pfleger am 19.02.2019 15:30 Report Diesen Beitrag melden

    Stimmt nicht alles...

    Hallo Zusammen Also ich arbeite momentan in einer Spitex der Stadt Zürich und verdiene im Monat cirka 5'500.-. Wir bekommen Lunch Checks von der Stadt bezahlt und kriegen sogar die Zone 10 (ÖV für die Stadt Zürich) geschenkt. Wir haben auch jährlich 5 Wochen Ferien. Bin also momentan voll und ganz zufrieden.

    • Nurse am 19.02.2019 16:12 Report Diesen Beitrag melden

      Ja, für Dich stimmts nicht.

      Zürich halt. Heisst aber nicht gleich dass es überall so ist. Komm mal in den Aargau..

    einklappen einklappen
  • f/ch am 19.02.2019 13:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Kassen....

    tja die lieben kranken und pflegeversicherungen wollen immer mehr aber geben wollen die nix!

  • Rahel Brändle am 19.02.2019 13:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Akuter Personalmangel auch in Spitälern

    Danke für die vielen anerkennenden Worte und das Lob für Pflegenden. -Doch mit dem ist es leider nicht getan. Auch in Akutspital herrscht hochgradiger Personalmangel, zumindest in der Pflege. Mann, bzw. Frau wird auf Dauer ausgelaugt und depressiv. Fehler sind leider vorprogramiert. Schade das in einem solch reichen Land wie der Schweiz der Pflegeberuf vergeht.. Es wird seit Jahren über den Pflegemangel nur diskutiert. Worte statt Taten! Liebe Politiker, unternehmt etwas und zwar besser Gestern als Morgen, zum Wohle von Pflegenden und Patienten.