Dschungelkind

11. Februar 2011 18:55; Akt: 11.02.2011 18:57 Print

«Wir essen keine Käfer, die wir nicht kennen»

von Heike Stoll - Sie wuchs mitten im Urwald auf, «in einer anderen Welt». Jetzt kommt die Geschichte ins Kino. Sabine Kuegler über ihr Leben im Urwald und exotische Nahrungsmittel.

Das «Dschungelkind»: Der Trailer zum Film.
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Sie wuchsen mitten im Dschungel von Papua-Neuguinea beim Stamm der Fayu auf. Heute leben Sie in Deutschland. Was konnten Sie aus diesen beiden Kulturen mitnehmen?
Sabine Kuegler: Es sind natürlich zwei komplett verschiedene Kulturen und man kann sie nicht vergleichen. Ich tendiere dazu sie zu vergleichen, aber eigentlich kann man das nicht. Das ist eine komplett andere Welt. In beiden Welten gibt es Vor- und Nachteile. Das Leben im Urwald ist langsamer, ruhiger und psychisch einfacher. Dafür hat man nicht die Infrastruktur wie hier, keine medizinische Versorgung, kein fliessendes Wasser. Der ganze körperliche Luxus, ich nenne fliessendes Wasser Luxus, ist hier selbstverständlich. Im Urwald gibt es das nicht und das Leben ist anders, langsamer. Die Leute arbeiten nicht so viel wie wir Europäer. Hier mag ich die Infrastruktur und die Pünktlichkeit. Wenn man in einer Kultur lebt, in der keiner pünktlich ist, dann nervt das irgendwann. Beispielsweise wenn etwas um drei Uhr losgehen soll und die Leute erst um sechs ankommen. Das sind Sachen mit denen Aussenstehende in der Kultur sehr zu kämpfen haben. Die medizinische Versorgung, die Versorgung von Kindern mit Behinderungen oder Schwierigkeiten, das ist schon etwas ganz Tolles.

Video: «Das Leben im Urwald ist psychisch einfacher»

Der Film beruht auf Ihrem autobiografischen Bestseller. Konnten Sie auch Einfluss auf die Umsetzung nehmen?
Nein, ich hatte zum Film nicht so viel zu sagen. Ich habe das Drehbuch bekommen und wenn mich etwas wirklich störte, konnte ich das sagen und man hat sich irgendwie geeinigt. Viel Einfluss habe ich nicht gehabt, aber ich war die ersten Wochen dort und habe mit den Darstellern aus Papua-Neuguina gearbeitet. Ich habe ihnen gezeigt wie der Krieg abläuft oder abgelaufen ist, als ich ein Kind war. Leider hatten wir wenig Zeit, um das einzuüben.

Video: «Ich habe ihnen gezeigt, wie der Krieg abläuft»

Der Kriegstanz wirkt sehr eindrücklich.
Dankeschön. Wenn man den echten kennt, ist das natürlich etwas anderes. Wenn man sieht, wie der Krieg wirklich war, denke ich manchmal, es sei gar nicht so realistisch, aber es ist natürlich beeindruckend. Besonders auch die Stimmung, die Darsteller haben das unheimlich gut hingekriegt. Wenn man bedenkt was für eine kurze Zeit sie hatten und dass es keine Schauspieler waren. Das war schon beeindruckend, was sie dort geleistet haben.

Video: «Die haben das unheimlich gut hingekriegt»

Die Nahrungsmittel im Film sahen teils mehr als nur exotisch aus...
Ich weiss, was da gegessen wurde. Es ist halt fremdes Essen. Wenn man einem Fayu hier ein Essen zeigt, dann gucken sie auch drauf. Meine Mutter wollte einmal etwas Tolles für alle machen. Wir haben einmal in zehn Jahren Rosinen bekommen und sie machte Pfannenkuchen mit Rosinen und gab diese den Frauen. Als sie wieder kam, hatten sie die Rosinen raus gepickt und auf den Boden geworfen und dort wurden sie von kleinen Schweinchen gefressen. Wenn man sich dann überlegt, dass man einmal in zehn Jahren Rosinen hat und meine Mutter Rosinen liebte! Sie war entsetzt und fragte was sie mit den Rosinen machten. «Wir essen keine Käfer, die wir nicht kennen», haben sie gesagt. Es ist einfach eine andere Welt. Meine arme Mutter stand da über den Rosinen, die auf dem ganzen Boden verteilt waren. Aber wenn man es nicht kennt, dann kann man es auch nicht erkennen.

Video: «Meine arme Mutter stand da über den Rosinen»

Könnten Sie sich vorstellen wieder im Dschungel zu leben?
Nein, ich glaube nicht. Es war auch nie mein Ziel, im tiefen Urwald zu leben. Wer will schon im tiefen Urwald leben? Es ist ehrlich wunderschön, aber man schläft in einer Hütte, da gibt es nichts und es ist ein ganz hartes körperliches Leben. Für eine Weile und als Kind war das schön und ich habe es wahnsinnig genossen. Aber besonders wenn man diese Welt erlebt hat, ist das schwer. Was ich mir definitiv vorstellen kann, ist zurück auf die Insel Neuguinea zu gehen. In eine Kultur, die mir sehr nahe liegt, zu Menschen, die mir viel bedeuten und zurück zu dieser Natur, die mich als Kind unglaublich geprägt hat.

Video: «Wer will schon im tiefen Urwald leben?»