Schicksal

11. Juli 2019 20:55; Akt: 11.07.2019 20:55 Print

«Wir hätten uns nie gegen Noelia entschieden!»

von Zora Schaad - 90 Prozent aller Paare treiben ab, wenn sie erfahren, dass ihr Kind eine Trisomie hat. Nicht so Nicole.

90 Prozent aller Paare treiben ab, wenn sie erfahren, dass ihr Kind eine Trisomie hat. Nicht so Nicole: Ihre Tochter leidet am Down-Syndrom – doch hergeben würde sie sie um keinen Preis.(Video: Helena Müller)
Zum Thema
Fehler gesehen?

«Wenn ihr das in der Schwangerschaft schon gewusst hättet, hättet ihr abtreiben können.» Nicole wird jetzt noch wütend, wenn sie an die Bemerkung zurückdenkt, die ihr ein Unbekannter an den Kopf geworfen hat. Ihre Tochter Noelia ist 20 Monate alt. Die schräg stehenden Augen mit der feinen Hautfalte und die typische Kopfform verraten, dass die Kleine das Down-Syndrom hat.

«Unsere Kinder dürfen so sein, wie sie sind»
«Noelia ist eine riesige Bereicherung», stellt Nicole (34) klar. «Auch wenn wir in der Schwangerschaft von der Trisomie 21 gewusst hätten, wir hätten uns nie gegen sie entschieden. Unsere Kinder dürfen so sein, wie sie sind.» Damit gehören Nicole und ihr Mann einer Minderheit an: Liegt ein Trisomiebefund vor, entscheiden sich gemäss Studien 90 Prozent der Paare für einen Schwangerschaftsabbruch. So auch Susanne*, die ihren Fötus in der 15 Woche abtrieb, weil sie sich kein Leben mit einem behinderten Kind vorstellen konnte. «Ein behindertes Kind hätte mich meinen Job gekostet und unsere Beziehung aus dem Gleichgewicht gebracht», sagte die 35-Jährige im Rahmen einer Serie zum Thema Abtreibungen gegenüber 20 Minuten. Nicole widerspricht: «Dass Noelia am Down-Syndrom leidet, hat meinen Mann und mich eher noch näher zusammengebracht. Und meine Tätigkeit als selbstständige Kosmetikerin führe ich wie geplant in einem Teilzeitpensum fort.»

Die Diagnose kam erst nach der Geburt
Die Schwangerschaft sei normal verlaufen, erzählt Nicole. Während der Routineuntersuchungen zeigten sich keine Auffälligkeiten. Doch kurz nach der Geburt entdeckten die Kinderärzte einen für für das Down-Syndrom typischen Herzfehler. «Das war ein Schock. Bis die Diagnose feststand, vergingen einige Wochen. Das war eine emotionale Achterbahnfahrt.» Die Sorge um die Gesundheit des Neugeborenen, der administrative Aufwand mit den Versicherungen und dass sich einige Freunde aus Überforderung von der Familie abwandten, überschatteten die erste Zeit. Heute jedoch habe sich alles eingependelt. «Noelia entdeckt die Welt in ihrem Tempo. Gerade lernt sie laufen. Wir nehmen alles vorneweg», erzählt die Mutter, während ihre Tochter Stühle durch die Gegend schiebt, mit Bauklötzen spielt und fröhlich vor sich hin brabbelt.

«Dass so viele Babys mit Down-Syndrom abgetrieben werden, macht mich sehr traurig. Ich möchte allen, die je in diese Situation kommen, sagen, überlegt euch das gut. Es geht so viel Liebe verloren, wenn diese Kinder nicht auf die Welt kommen dürfen.»