Kein Kontakt zu den Eltern

07. Juni 2017 10:30; Akt: 07.06.2017 10:30 Print

«Wir litten Hunger und Durst, während sie feierte»

Maria I. spricht seit fast einem Jahrzehnt nicht mehr mit ihrer Mutter. Nachdem sie als Kind vernachlässigt und misshandelt worden war, hatte sie eines Tages genug.

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Wie viele Kinder mit ihren Eltern brechen, ist nicht untersucht – doch es kommt offenbar häufig vor. So gibt es inzwischen in Bern, Luzern, Winterthur oder St. Gallen Selbsthilfegruppen für Eltern oder Kinder, die unter der Funkstille leiden. Doch was bewegt Menschen zu einem so radikalen Schritt? Unzählige Leser sind unserem Aufruf gefolgt und haben erzählt, warum sie mit ihren Eltern gebrochen haben. 20 Minuten stellt drei von ihnen in einer Porträtserie vor – dies ist Teil eins.

Die 27-jährige Maria I.* hat seit fast zehn Jahren keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter. «Nach jahrelanger Misshandlung brachte ich endlich den Mut auf, mich gegen meine Mutter zu wehren», sagt die Aargauerin. Sie erinnert sich gut an den Tag, als sie ihre Mutter zum letzten Mal sah. «Sie wollte gerade meinen Halbbruder schlagen, als ich ihre Hand festhielt. Ich habe mich plötzlich gross und stark gefühlt. Ich wollte aber nicht so sein wie sie und liess von ihr ab. Sie schmiss mir noch einen harten Gegenstand an den Kopf.»

Die damals 17-jährige Maria wurde von der Mutter aus der Wohnung geworfen. «Meine Sachen hat sie einfach auf die Strasse geschmissen, ein grosser Teil davon wurde gestohlen.» Maria kam beim Vater unter, ihren Halbbruder musste sie aber vorerst zurücklassen. Dem Eklat war eine lange Leidensgeschichte vorausgegangen: Die Mutter hatte laut Maria nach der Scheidung von ihrem Vater – sie war damals fünf, ihre Schwester drei – die grosszügigen Alimente fürs Partymachen verjubelt. Sie sei oft tagelang einfach weg gewesen. «Wenn das bisschen Essen im Kühlschrank ausging, mussten wir hungern. Wir wussten anfangs nicht einmal, dass man das Wasser aus dem Hahn trinken konnte und litten unglaublichen Durst», erzählt Maria. Die Mutter habe auch ständig Männer in die Wohnung gebracht. «Es kam zu Prügel und sexuellen Übergriffen», erzählt sie.

«Mussten in Reis knien, bis die Knie bluteten»

Marias Halbbruder ist neun Jahre jünger als sie. «Sein Vater war ein unglaublicher Sadist. Er hat uns und auch das Baby völlig grundlos gefoltert, es schien ihm Spass zu machen.» Die Mädchen hätten stundenlang in Reis knien müssen, bis ihre Knie bluteten, oder wurden mit heissen Feuerwerkskörpern verbrannt. «Wir wurden ihn nur los, weil er auch meine Mutter schlug und sie mit uns ins Frauenhaus ging.» Der Mann kam für neun Monate ins Gefängnis.

Der schwerste Schlag für Maria kam einige Jahre später. Ihre jüngere Schwester beging mit 15 Jahren Suizid. «Sie erhängte sich und ich habe sie gefunden.» In einem Abschiedsbrief habe die Schwester mit der Mutter abgerechnet. «Meine Mutter hat vor der Polizei ein richtiges Theaterstück aufgezogen, sie sei unglaublich traurig und wisse nicht, wieso meine Schwester das getan habe. Es macht mich stocksauer, daran zu denken», sagt Maria.

«Sie war nie eine Mutter für mich»

Maria hat trotzdem Halt im Leben gefunden und arbeitet derzeit als Verkaufsberaterin. Sie ist seit fast neun Jahren in einer festen Beziehung. Der Halbbruder wurde dank eines Tipps von Maria der Mutter weggenommen und kam mithilfe der Kesb in einem Heim unter. «Die Wohnung meiner Mutter war die reinste Drogenhölle, ich musste ihn unbedingt da rausholen», sagt Maria bestimmt. Der Halbbruder besucht Maria regelmässig. «Es vergeht aber kein Tag, an dem ich nicht an meine Schwester denke», sagt sie mit trauriger Stimme. «Ich frage mich einfach immer wieso. Wieso hat meine Mutter uns so behandelt? Wieso mussten wir so leiden?»

Maria vermisst ihre Mutter nicht, im Gegenteil. «Sie war nie eine Mutter für mich. Ich musste selbst lernen, mein Leben zu bewältigen.» An eine mögliche Hochzeit mit ihrem Freund zu denken, deprimiert sie ein wenig: «Andere Frauen haben eine Mutter oder Geschwister, mit denen sie ein Kleid aussuchen und sich zusammen darauf freuen können. Ich habe keine Familie, die diesen schönen Moment mit mir teilen könnte.»

* Name geändert

(laz)