Atomausstieg

17. Oktober 2016 07:30; Akt: 17.10.2016 08:18 Print

«Wir machen es gescheiter als Deutschland»

von P. Michel/ J. Büchi - Bundesrätin Doris Leuthard ist von der Sicherheit der AKW überzeugt. Bei einem frühzeitigen Ausstieg befürchtet sie Blackouts und Klagen.

Bevor der Bundesrat nach dem Atomunfall von Fukushima beschloss, keine neuen Kernkraftwerke zu bauen, war Energieministerin Doris Leuthard als «Atom-Doris» bekannt. Im Video-Interview erklärt die Bundesrätin, warum sie der frühere Spitzname heute nicht mehr stört. (Video: pam)
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Frau Leuthard, Beznau I ist mit 46 Jahren das älteste Atomkraftwerk der Welt. Sie wohnen nur 40 Kilometer davon entfernt. Fühlen Sie sich sicher?
Ja. Die Betreiber sind verpflichtet, hohe Sicherheitsstandards und Kontrollen zu garantieren. Ich vertraue ihnen, denn die Messlatte ist sehr hoch angesetzt. Aber ein Null-Risiko gibt es nirgends: Entscheidend ist, stets für grösste Sicherheit zu sorgen. Das gilt auch für andere Bereiche wie den Verkehr.

Die Atomausstiegsinitiative der Grünen fordert, dass die Schweiz bis 2029 schrittweise aus der Kernkraft aussteigt. Sie hingegen wollen die AKW unbeschränkt weiterlaufen lassen. Nehmen Sie das Risiko eines Super-GAU in Kauf?

Keinesfalls. Die Schweizer AKW dürfen unter der Bedingung weiterlaufen, dass sie zu jedem Zeitpunkt sicher sind – egal, ob sie 30, 40 oder 50 Jahre laufen. Um das zu garantieren, haben die Betreiber in den letzten Jahren Milliarden investiert. Beznau I als altes und somit unsicheres Kraftwerk zu bezeichnen, ist deshalb nicht zulässig: Dank Nachrüstungen wurden viele Systeme modernisiert.

Umfrage
Sind unsere AKW sicher?
22 %
40 %
38 %
Insgesamt 5272 Teilnehmer

AKW-Gegner kritisieren unter anderem, dass die Sicherheitsanalyse der Atomaufsichtsbehörde Ensi neue Bedrohungen wie terroristische Angriffe gar nicht berücksichtigt.
Wir haben in den letzten Jahren jegliche Risiken von Flugzeugabstürzen bis zu Terroranschlägen durchgespielt. Es gibt verschiedene Studien, die beweisen, dass die Schweizer AKW gut geschützt sind. Ich finde es nicht korrekt, wenn die Initianten den Leuten Angst machen wollen. Noch mehr Sicherheitstests, als all die AKW durchlaufen mussten, gibt es einfach nicht.

Erinnern Sie sich noch an den Moment, als Sie vom Reaktorunglück in Fukushima erfahren haben?
Ja, das Schicksal der betroffenen Menschen ging mir nahe, solche Katastrophen sind für die Bevölkerung enorm belastend. In erster Linie sah ich mich damals aber als Politikerin gefordert.

Sie galten damals als treibende Kraft für die Energiewende. Und nun sind Sie gegen ein verbindliches Abschalten von alten AKW?
An meiner Haltung und jener des Bundesrats hat sich seit Fukushima überhaupt nichts geändert. Wir haben eine klare Linie: Unmittelbar nach dem Unglück wurden die Gesuche der Betreiber sistiert, die neue AKW bauen wollten. Dann haben wir beschlossen, schrittweise aus der Kernkraft auszusteigen. Die bestehenden Werke sollen bis zu ihrem Ende noch laufen, es dürfen aber keine neuen AKW mehr gebaut werden. Atomkraft ist ein Auslaufmodell. Aber wir brauchen Zeit, um sie mit heimischer, sauberer Energie zu ersetzen.

Es gibt Berechnungen, wonach die Lücke im Inland kompensiert werden könnte, wenn rasch viele Solarpanels, Windturbinen und Biomasse-Kraftwerke gebaut würden.
Mit der Energiestrategie, die das Parlament verabschiedet hat, wollen wir in Zukunft erneuerbare Energien stärker fördern. Die Instrumente dazu haben wir aber erst, wenn das neue Gesetz in Kraft ist – und das ist frühestens 2018 der Fall. Die Initiative will jedoch schon 2017 drei AKW vom Netz nehmen. Damit würden bereits im nächsten Jahr 15 Prozent des Strombedarfs fehlen. Es ist nicht möglich, bereits 2017 genug heimischen, sauberen Strom zu produzieren. Für die Bewilligung und Erstellung der Anlagen braucht es Jahre. Im Inland haben wir derzeit neben der Wasserkraft vier Prozent Erneuerbare, das reicht nicht als Ersatz. Die Initiative brächte darum schlagartig mehr Importe.

Man könnte doch einfach sauberen Strom importieren.
Wenn Sie importieren, können Sie nicht sagen: Ich will nur Windstrom aus Norddeutschland und Solarstrom aus Spanien. Sondern Sie importieren das, was im Netz physisch vorhanden ist. Deutschland hat nun einmal über 40 Prozent Kohlestrom, und Frankreich über 70 Prozent Kernkraft – genau das, was man nicht mehr will.

Beznau I und Leibstadt liefern wegen Wartungsarbeiten zurzeit keinen Strom. Im letzten Sommer standen gar einmal alle Schweizer AKW gleichzeitig still. Versorgungssicherheit sieht anders aus.
Im Sommer ist es natürlich kein Problem, weil wir nicht heizen müssen. Aber in einem strengen Winter wird der Bedarf heute zu einem Grossteil durch Atomstrom gedeckt. Fällt er weg, braucht es mehr Importe, solange wir mit dem Aufbau der heimischen erneuerbaren Energien noch nicht so weit sind. Und durch massiv mehr Importe droht eine Überlastung der Stromnetze und damit das Risiko eines Blackouts. Schon ein Tag ohne Strom würde für unsere Volkswirtschaft Milliardenschäden bedeuten.

Unser Nachbar Deutschland will seine AKW bis 2022 abschalten. Warum können wir das nicht?
Ich glaube, wir machen es gescheiter. Deutschland hat den Fehler gemacht, ein politisches Abschaltdatum zu setzen. Jetzt hat es mehr Kohlestrom, was klimapolitisch verheerend ist. Das würde bei einem übereilten Ausstieg auch uns drohen. Deutschland hat zweifellos auch viel für die Förderung der erneuerbaren Energien getan, aber die Zeche dafür zahlen die Haushalte – 29 Cent pro Kilowattstunde. Bei uns gibt schon ein Netzzuschlag von zwei Rappen zu reden.

Atomstrom ist bei den zurzeit tiefen Strompreisen nicht einmal rentabel.
Tatsächlich verdienen die Betreiber mit Atomstrom derzeit wohl fast kein Geld mehr. Wahrscheinlich legen einige sogar drauf. Trotzdem stehen die Stromkonzerne besser da, wenn sie ihre Werke noch weiterlaufen lassen, weil sie dann immerhin noch ein wenig Ertrag erwirtschaften und so die Stilllegung finanzieren können. Denn ein AKW verursacht auch Jahre nach der Abschaltung noch hohe Betriebskosten.

Sie rechnen bei einem frühzeitigen Atomausstieg mit Schadensersatzforderungen. Können die Betreiber diese überhaupt verlangen, wenn sie schon heute Verluste machen?
Ja. Die Betreiber würden in diesem Fall enteignet – denn heute haben sie eine unbefristete Betriebsbewilligung. Wenn jetzt das Volk plötzlich eine Befristung beschliesst, dann können die Betreiber Entschädigungen geltend machen, das ist juristisch unbestritten. Wir kennen die genaue Summe noch nicht, aber es ist mit Sicherheit mindestens ein dreistelliger Millionenbetrag pro Werk. Das wären happige Forderungen, die der Steuerzahler begleichen müsste.

Wagen Sie eine Prognose: Wann wird das letzte AKW abgestellt, falls die Initiative abgelehnt wird?
Das ist schwierig, ich kann den Sicherheitszustand nicht über 15 Jahre beurteilen. Aber mit zunehmendem Alter lohnt es sich für die Betreiber schlicht nicht mehr, weiter in ihr Werk zu investieren. Wir sehen es am Beispiel Mühleberg, das 2019 vom Netz geht. Vielleicht hätte es noch ein paar Jahre weiter betrieben werden können, wenn man nochmals 200 Millionen in die Hand genommen hätte. Aber das wollte der Verwaltungsrat offenbar nicht, womit sich das Problem schon aus wirtschaftlichen Gründen löst.

Schliessen Sie aus, dass in der Schweiz je wieder AKW gebaut werden?
Bundesrat und Parlament haben mit der Energiestrategie klar entschieden: Es dürfen keine neuen AKW gebaut werden. Bei einer allfälligen Referendumsabstimmung hat das Stimmvolk das letzte Wort. Natürlich ist es möglich, dass es in 30 Jahren eine Technologie gibt, die praktisch risikofrei ist und mit der es keine Abfälle mehr gäbe, wie sich dies manche von Thorium-Reaktoren erhoffen. Für mich gehört die Zukunft aber den Erneuerbaren.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Kikon Kudu am 17.10.2016 07:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lobhudelei

    Schon wieder ein Eigenlob von den Oberen. Selbstüberschätzung. Wollen dann sehen was besser sein soll.

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  • Robert Oppenheimer am 17.10.2016 07:47 Report Diesen Beitrag melden

    Wer bezahtlt eigentlich?

    Neben dem Wann interessiert uns doch vorallem WER den Rückbau bezahlt? Dies muss alles vom Betreiber kommen! Es muss heute eigentlich jedem bewusst geworden sein dass es kein zurück auf Stunde Null gibt. Der radioaktive Abfall der jedes AKW vom Start bis Rückbau generiert, wird die Welt für X tausende Jahre belasten. Ergo MUSS zumindest ALLER Verdienst der Betreiber für den Rückbau eingesetzt werden!!!

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  • Berni Mühleberg am 17.10.2016 07:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wo sind die vielen Dachsonnenkollektoren?

    Ich erwarte, dass sie und die Verantwortlichen im Katastrophenfall zuvorderst als Liquidatoren arbeiten sollen! Und dass der Umstieg nun endlich angepackt wird, was die Deutschen schon lange realisiert haben: Sonnenergie fördern, Grimselprojekt realisieren usw.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Rüeblitorte am 17.10.2016 13:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    BR Leuthard Büro räumen

    Wenn ich die 353 Kommentare zum Thema Atomausstieg zusammenfasse komme ich zum Schluss, dass Leuthard das Büro als Bundesrätin noch heute räumen muss. Keine weiteren Gehaltszahlungen mehr.

    • Biker63 am 17.10.2016 17:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Rüeblitorte

      Die hätte gar nicht erst auf den Stuhl gehört

    • Mario M. am 17.10.2016 18:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Rüeblitorte

      Ah und du denkst wirklich die Kommentare hier seien repräsentativ? Zum Glück nicht, sonst wäre die DSI angenommen und Ameisen würden ein eigenes Schutzprogramm erhalten

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  • Marco am 17.10.2016 13:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schlechte Idee

    Wisst ihr was das paradoxe daran ist? Der Bau von Wasser- und Windkraftwerken würde wahrscheinlich sogar von den Grünen verhindert werden, da diese ja das Landschaftsbild verschmutzen würden usw. In der Schweiz läuft das so: "Seid ihr gegen Atomstrom?" "JA" " Sollen wir die AKW's abschalten?" "JA" "Wollt ihr stattdessen in diesem Tal ein Wasserkraftwerk?" "NEIN, das ist hässlich" " Sollen wir auf diesem Feld ein Windkraftwerk aufstellen?" "NEIN, da sterben Vögel!" "Wollt ihr Strom importieren?" "JA, aber nur sauberen!" Und so funktioniert das eben nicht. Seht es ein, so kann das nicht klappen

  • Markus B. am 17.10.2016 13:02 Report Diesen Beitrag melden

    Vegane Revoulution & AKW ?

    Und taglich grüsst die Veganerin... könnte man meinen. In praktisch jedem Artikel findet man Werbung für die "Vegane Revoulution". Finde nur ich das etwas aufdringlich?

  • Markus Müller am 17.10.2016 12:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gekauft

    Wir alle wissen das Doris immer noch Geld von der Atomlobby bezieht und auch später noch eine gute Rente möchte

    • Till Sitter am 17.10.2016 13:02 Report Diesen Beitrag melden

      @ Markus Müller

      Nein wir wissen nichts dergleichen. Aber Sie erklären öffentlich, dass Frau Leuthard korrupt ist und Schmiergelder erhält ? Wo sind Ihre Beweise ?

    • Cartman1993 am 17.10.2016 15:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Markus Müller

      Beleg das mal und als BR bekommt sie die Rente anhand ihrer Dienstjahre und nicht anhand von Leistungen

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  • Thomas H. am 17.10.2016 12:41 Report Diesen Beitrag melden

    Einfache Lösung

    Was wir brauchen, ist planbarer Strom. Wasserkraft ja, Wind- und Sonnenenergie nein (macht nur in Kombinationen von grossen Stromspeichern Sinn, welche uns nur in Form von Pumpspeicherseen zur Verfügung stehen, deren Potential bereits ausgeschöpft ist). Will man auf Gasimporte (Pipelineabhängigkeit) und auf AKWs verzichten, muss man eben neue Wege gehen. Warum setzt man also nicht auf Thoriumreaktoren? 300 Jahre Halbwertszeit, braucht sehr wenig Uran (welches abgesehen davon noch reichlich verfügbar ist), keine GAU-Gefahr, 98%-Effizienz, günstig in der Errichtung. Das wär doch mal innovativ.

    • Markus am 17.10.2016 12:44 Report Diesen Beitrag melden

      @Thomas H

      Noch nie davon gehört. Wieder irgend so eine Youtube Verschwörungssache? Freie Energie, Flache Erde, oder so?

    • Erik Schiegg am 17.10.2016 13:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Markus

      Dass die Erde rund ist und sich um die Sonne dreht, DAS waren Verschwörungstheorien. Die mit dem Tod bestraft wurden. So wirklich viel weiter sind immer noch nicht... wer nichts weiß, muss alles glauben!

    • T. J. am 17.10.2016 13:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Thomas H.

      Warum haben wir denn nicht schon so viele dieser sagenhaften AKW? Richtig, weil sie nur auf dem Papier so toll sind und laut den involvierten Wissenschaftler noch 40 Jahre bis zur serienreife brauchen!

    • Adrian am 17.10.2016 13:28 Report Diesen Beitrag melden

      @Markus

      Es gibt 4 arten von AKWs, davon die schlechteste am meisten verbreitet ist. Sie braucht ja auch am meisten Uran!. Man kann mit wasser kühlen, schwerem wasser(glaub Deuterium genannt), besagte Thoriumreaktoren und Gas. Beim Gas gibt auch keine Gau Gefahr, da man dort mit der Kernschmelze arbeitet und nicht mit dem erwährmen der stäbe durch verzögerung der Reaktion. Nun Rate mal wer diese 4 Patente hat und nur das schlechteste verkauft/erlaubt? Richtig >> Atomlobby!

    • Peter Moosleitner am 17.10.2016 13:45 Report Diesen Beitrag melden

      @Thomas H. da hat die Forschung und

      Entwicklung zum Thema (Thorium) Flüssigsalzreaktor hier in der Schweiz leider verpennt. Die Chinesen scheinen hier schon bedeutend weiter zu sein. @Markus Im Gegensatz zu vielem anderen, ist dieser Reaktor kein Esoterisches Hirngespinnst.

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