Agglomerationen

02. Juli 2014 17:59; Akt: 02.07.2014 18:00 Print

«Wir müssen weg von der Kirchturmpolitik»

von N. Glaus - Die SP will sich zukünftig der Agglomerationen annehmen. Deren Herausforderungen bräuchten dringend Lösungen, erklärt der Agglomerations-Experte Paul Schneeberger.

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Schlieren gehört zum Agglomerationsgürtel von Zürich. «Der Wandel in der Schweiz, der Zuwachs der Bevölkerung und der wachsende Wohlstand machen sich vor allem in den Agglomerationen bemerkbar», so der Agglomerationsexperte Paul Schneeberger. (Bild: Keystone/Christian Beutler)

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Mit einem neuen Projekt startet die SP eine Agglomerations-Offensive. Denn verschiedene Abstimmungsresultate zeigen, dass die Bewohner in den Agglomerationen eher konservativ stimmen. Herr Schneeberger, gibt es dementsprechend einen speziellen Typ, der in den Agglomerationen wohnt?
So verschieden, wie die Agglomerationen sind, so unterschiedlich sind auch die Leute, die dort wohnen. Wenn man die Zürcher Agglomerationsgemeinden anschaut, ist die Bevölkerungsstruktur von Wollerau eine völlig andere als die von Schlieren. In Bezug auf die Politik heisst das, dass die SP vor allem dort verliert, wo die traditionelle Arbeiterschaft zu Hause ist, also in den Industriegemeinden. In Agglomerationen, wo es etwa einen hohen Lehreranteil hat, gewinnt wiederum eher die SP. Heute findet man in den Agglos irgendwie alle Typen: solche, die eher die Ruhe von der Stadt suchen, diejenigen, die in der Stadt keine bezahlbare Wohnung finden und deshalb in die Vororte ziehen, und auch solche, die Stadtnähe bevorzugen.

Hat sich das im Laufe der Zeit verändert?
Früher war es so, dass entweder die soziale Oberschicht in den luxuriösen Agglomerationen gewohnt haben und die einfache Arbeiterschicht in den Industrievororten. Seit den Fünfzigerjahren sind die Agglomerationen aber auch die Region der Mittelschicht geworden. Deshalb würde ich sagen, dass die Agglomerationen heute die reale Schweiz verkörpern – in ihrer ganzen Vielfalt.

Wo liegen denn heute die Unterschiede zwischen der Agglomeration und der Stadt?
Der grösste Unterschied ist nach wie vor, dass die traditionellen kulturellen Institutionen wie ein Kunstmuseum oder das Opernhaus nach wie vor in den Städten angesiedelt sind. Hingegen hat sich die Vielfalt, die früher typisch für die Stadt war, ausgebreitet. Viele Arbeitsplätze sind heute in die Agglomerationen ausgelagert. Das heisst, die Agglomerationen sind nicht mehr nur Schlaf-, sondern auch Lebensraum zugleich. Auch die dichte Bauweise erinnert heute mehr an ein Stadtbild. Ich meine, dass in diesem Sinne die Unterschiede geringer werden und die Grenzen immer weniger sichtbar sind.

Welches sind die Herausforderungen der Agglomerationen für die Zukunft?
Der Wandel in der Schweiz, der Zuwachs der Bevölkerung und der wachsende Wohlstand machen sich vor allem in den Agglomerationen bemerkbar. So gibt es etwa Leute, die mit einem ländlichen Ideal in die Agglomerationen gezogen sind und heute in einem dicht besiedelten städtischen Gebiet wohnen. Das birgt grosses Konfliktpotenzial. Als Beispiel für die rasante Veränderung gilt die Masseneinwanderungsinitiative. Die Agglomerationen in der Deutschschweiz haben diese mehrheitlich angenommen. Im Vergleich dazu fand die EWR-Abstimmung zu Beginn der Neunzigerjahren dort jedoch noch Zustimmung. Man könnte daraus schliessen, dass die Agglos konservativer geworden sind. Das glaube ich aber nicht. Der Druck ist gestiegen und die Bevölkerung nutzt solche Abstimmungen als Ventil.

Was braucht es, um diesem Druck entgegenzuwirken?
Es braucht ein grösseres Bewusstsein für die Probleme der Agglomerationen und auch einen intensiveren Dialog mit der Bevölkerung. Nötig wären etwa auch Kompetenzzentren über die Gemeindegrenzen hinweg. Man muss wegkommen von der Kirchturmpolitik, wo jeder für sich selber schaut. In diesem Sinne wäre es ein Gewinn, wenn sich nicht nur die SP um die spezifischen Herausforderungen der Agglomerationen kümmern würde, sondern sich mehrere Parteien dies auf die Fahne schrieben.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • franz am 02.07.2014 18:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vergessen

    Sie dies, liebe SP, ich werde nie, so lange ich lebe, meine Stimme der SP geben! Niemals!

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  • Unternehmer am 02.07.2014 18:18 Report Diesen Beitrag melden

    Wachsender Wohlstand?

    Wer sagt dass der Wohlstand in der Schweiz wächst? Einige Volkswirtschaftler im Namen des Bundes mit ihren mathematischen Berechnungen? Also für mich ist der Wohlstand nicht berechenbar. Es ist mehr ein subjektives Empfinden des Bürgers. Darum nimmt der Wohlstand mit der heutigen Einwanderungspolitik deutlich ab! Denn für mich zählen andere Faktoren die zum Wohlstand führen als die klassischen BIP pro Kopf und Wachstum/Bevölkerung.

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  • Edgar Oberholzer am 02.07.2014 18:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Surreal

    Die Bewohnerinnen und Bewohner der Agglomerationen stimmen so, weil sie die durchwegs nur noch akademisch geprägten Ideen der Linkspopulisten der SP nicht brauchen. Sie haben bemerkt, auf was es an kommt. Sie benötigen keine surreale Vorschläge der JUSOS, die am liebsten alles abschaffen würden, das nur schon wenig nach Kapital riecht. Sie sympathiseren mit unser Land gefährdenden Ideen aus dem Ausland. Die SP hat längst verlernt, für eine offene Schweiz zu kämpfen. Sie möchte letztere am liebsten in die EU-Isolation treiben. Das merken die Leute.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • LadinaM am 03.07.2014 16:38 Report Diesen Beitrag melden

    Viel Glück....

    Bitte SP bleibt wo ihr seid. Ich werde im leben nie SP wählen. Die vertreten einfach nicht meine Meinung und meine Ansicht daran wird sich bei der politischen Einstellung die die SP vorweist auch nie was ändern.

  • Joel Eberle am 03.07.2014 16:34 Report Diesen Beitrag melden

    Wählt anders

    Hört auf die SP zu wählen, dann wird es (langsam) wieder besser. In der Stadt haben wir nämlich dankt dauerabo der SP genau das was die auch haben wollten. verdichtetes Bauen, keine neue Infrastruktur, Staus und überlastete SBB, unnütze Velowege...und im Rathaus sitzen dank Papis/Mamis Brieftasche nur noch Leute mit zwar noblen Zielen aber ohne Ahnung vom Leben, welche nicht wissen wie es ist wenn man fürs Geld Arbeiten muss und keine 2600.- für eine 3 Zimmerwohnung hat und daher gezwungen ist mit ÖV/PW jeden Tag 40 km zu Pendeln (daher macht das Velo grad noch weniger Sinn).

  • Peter P@n am 03.07.2014 15:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lesen und verstehen

    Zu all den SP kritischen Kommentaren kann ich nur eines beifügen: Hoffentlich werden sie von der SP gelesen und vor allem verstanden.

  • patrick h. am 03.07.2014 15:01 Report Diesen Beitrag melden

    weiter so!

    Ich muss einfach immer grinsen an den Kommentaren. Ihr wählt lieber eine Partei die nichts aber auch gar nichts für den Mittelstand und "den kleinen Mann" gemacht hat. Ihr wählt diese Partei weil sie gegen Ausländer wettern aber niemals eine Lösung präsentieren würden weil sie an einer Lösung nicht intressiert sind. Warum auch? Wäre es kein Problem mehr würden sie Wähler verlieren. Gross Sorgen mache ich mir aber nicht, die Linken Städte wachsen und gedeien während die konservativen Gemeinden irgendwo draussen je länger je weniger Geld für ihre Infrastruktur haben. Weiter so SP!

  • Vorörtler D. am 03.07.2014 15:00 Report Diesen Beitrag melden

    aha! Reale Schweiz!

    Zitat:> Sehr spannende Aussage! Im Umkehrschluss heisst das ja dann Folgendes: Die Reale-Schweiz braucht euch nicht! Wir brauchen in der Politik keine Wort-Kosmetiker und Bauchpinsler, Blender und Schönredner - wir brauchen Real-Politiker, welche sich selber als Volksvertreter sehen, und unsere Anliegen in den Gesetzen verankern. Berufspolitiker sollten zu Hause bleiben! Ich hoffe, dass ihr Cüpli-Sozis nun selber bemerkt, dass euer Modell eben nur Theorie ist!