Tamil-Tigers-Chef

06. November 2011 18:32; Akt: 06.11.2011 20:31 Print

«Wir sind keine kriminelle Organisation»

von Joel Bedetti - Zwischen Hoffnung und Resignation: Erstmals spricht der Schweizer Kommandant der Tamil Tigers über seine Zukunft in Sri Lanka, die Jahre im Exil und seine 25 Tage Untersuchungshaft.

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«Unsere Heimat ist nicht verloren»: Der Chef der Tamil Tigers Schweiz, Rakupathi (links); Tamil-Tigers-Proteste in Genf im Februar 2009 (rechts). (Bild: Keystone/Martial Trezzini)

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Der Schweizer Kommandant der Tamil Tigers ist von Beruf Hilfskoch in einer Kantine im Kanton Freiburg. Er ist 41 Jahre alt und hat zwei kleine Kinder. Er trägt Jeans und ein weissblau gestreiftes Shirt. Er hat ein ansteckendes Lachen. Wir treffen Rakupathi, so sein «Nom de Guerre» und seine kleine Entourage in einem tamilischen Imbiss im Zürcher Kreis 5, einer Hochburg der tamilischen Diaspora. Wir trinken zwei Stunden lang grossartigen, überzuckerten Chai (Tee), den die Inhaber des Restaurants selbstverständlich offerieren.

Wann waren Sie letztmals in Ihrer Heimat?
Vor 21 Jahren, als ich das Land verliess. Aber ich werde der erste sein, der heimreist, wenn ich in ein freies Land reisen kann. Ich bin felsenfest überzeugt, dass es bald so weit ist. Deshalb habe ich auch nie einen Schweizer Pass beantragt.

Die militärische Niederlage der Tamil Tigers 2009 hat die Diaspora geschockt. Ist Sri Lanka verloren?
Unsere Heimat ist nicht verloren. Am 19. September gab es vor der UN in Genf eine grosse Kundgebung, an der fast 8000 Leute teilnahmen. Wir haben die Flinte nicht ins Korn geworfen.

Für wen sprechen Sie: Für sich selbst, für die Tamil Tigers oder die Tamilen in der Schweiz?
Hier geht es nicht um mich, wir setzen uns für die tamilische Bevölkerung ein – ich rede in ihrem Namen. Das Ziel unseres Befreiungskampfes ist noch nicht erreicht. Mit den Waffen ist es uns misslungen. Nun geht der Kampf auf dem rechtlichen und politischen Weg weiter.

Wie sind Sie Chef der Tamil Tigers in der Schweiz geworden?
Ich bin 1990 in die Schweiz geflohen, seither habe ich immer 100 Prozent gearbeitet und mich nebenbei bei den Tamil Tigers engagiert und stieg ins Kader auf. Ein Jahr vor unserer militärischen Niederlage im Mai 2009 bin ich Stellvertreter der Schweizer LTTE geworden. Nach der Kapitulation der Tamil Tigers in Sri Lanka hat der hiesige Tiger-Chef Kulam die Leitung an mich abgegeben.

Hat er aufgegeben?
Das müssen Sie ihn fragen. Der Wechsel erfolgte jedenfalls freiwillig.

Wie verstehen Sie die Aufgabe der Tigers heute?
Die neuformierte LTTE versucht, unseren Kampf auf politisch-rechtlichem Weg fortzuführen. Unsere Aufgabe besteht nun darin, die verschuldeten Tamilen hier und die Verwundeten und Hinterbliebenen in der Heimat zu unterstützen. Dies geschieht jedoch nicht mehr zentral, sondern durch Patenschaften.

Am 11. Januar wurden Sie und neun weitere Kader verhaftet. Wo waren Sie zu dem Zeitpunkt?
Ich war zuhause und schlief. Um halb sieben am Morgen klingelte es. Meine Frau öffnete die Tür, und da standen die Zivilpolizisten, die erklärten, dass sie mich verhaften müssten. Sie konfiszierten meine Festplatte, meine Mobiltelefone und Sim-Karten sowie eine Jacke mit einem Tamil-Tigers-Logo auf dem Rücken. Alles lief korrekt, die Beamten waren freundlich. Aber seither haben meine Frau und meine Kinder immer Angst, wenn es klingelt.

Was geschah dann?
Es war absurd. Schon bei der ersten Einvernahme merkte ich, dass die Ermittler wussten, dass Sie mir nichts vorwerfen konnten.

Wie haben Sie das gemerkt?
Sie wussten nicht, auf was sie hinaus wollten. Erst warfen sie mir Zugehörigkeit zu einer kriminellen Organisation vor. Nach der dritten Befragung beschuldigten sie mich, Geld erpresst zu haben. Aber wieder legten sie keine Beweise vor.

Wann wurden Sie entlassen?
Anfang Februar, nach 25 Tagen Untersuchungshaft. Im März wurde ich erneut für eine Befragung aufgeboten. Seither habe ich on der Bundesanwaltschaft nichts mehr gehört. Das ganze Verfahren ist eine Verschwendung von Steuergeldern. Wie kann es sein, dass die LTTE bis 2007 für Friedensgespräche eingeladen, unterstützt und beraten wurden, nun plötzlich eine kriminelle Organisation sein sollen? Noch heute verstehen wir nicht, worum es bei dieser Razzia ging.

Das Verfahren gegen Sie läuft noch. Wie sehen Sie einem Prozess entgegen?
Ich fürchte mich nicht davor. Wir sind keine kriminelle Organisation. Mitte April wurden die letzten Verdächtigen aus der Haft entlassen, nur gegen fünf Personen laufen noch Verfahren. Ich denke, dass sich das Bild der Tamil Tigers nach all den Gräueln der Sri Lankischen Armee, die nun nach und nach ans Licht kommen, verändert.

Viele Tamilen verdächtigen die Schweizer Behörden, mit der Regierung von Sri Lanka unter einer Decke zu stecken.
Ich vermute, dass die Regierung von Sri Lanka die Bundesanwaltschaft beeinflusste und sie gezielt mit falschen Informationen versorgte, vor allem über General Jagath Dias.

Die Bundesanwaltschaft verschickte eine Liste mit mutmasslich verdächtigen Telefonnummern nach Sri Lanka. Wie schätzen Sie das ein?
Es ist unfassbar. Ich dachte immer, die Schweiz gehe vorsichtig mit Daten um – besonders wenn sie es mit einem Staat zu tun hat, der politische Gegner unterdrückt und verschwinden lässt. Wir haben Beweise, dass Leute wegen der Liste geflohen und jetzt in benachbarten Ländern, die Sri Lanka wohlgesinnt sind, verhaftet worden sind. Die Ermittler hätten wissen müssen, dass die Tigers in Sri Lanka nicht mit eigenen Telefonen kommunizieren. Deshalb sind auf der Liste vor allem Zivilisten. Wir werden irgendwann rechtliche Schritte gegen die Bundesanwaltschaft einleiten.

Die Bundesanwaltschaft beschuldigt die Tigers, nicht nur Geld gewaschen, sondern auch hiesige Tamilen erpresst zu haben.
Eine Organisation kann nicht über zehn Jahre lang Leute erpressen. Wenn man heute in der Schweiz ein Kind schlägt, kommt die Polizei. Wieso sollten wir jahrelang erpressen können, ohne dass uns jemand vor Gericht bringt? Unsere Veranstaltungen besuchen tausende Tamilen – freiwillig. Wir respektieren den Rechtsstaat, wir sind ja auch nicht erst seit einigen Wochen hier, sondern seit über zehn Jahren. Die Diaspora ist die Basis der LTTE, mit ihr wollen wir es uns nicht verscherzen

Es gibt Leute, die erzählen, dass man ihnen zwar nicht ein Messer an den Hals gehalten habe, aber dass der Druck nicht auszuhalten sei, der von den Tigers ausgehe. Die Rede ist von Telefon- und Klingelterror. «Die Tigers machen dir den Alltag kaputt und sorgen dafür, dass du nicht mehr schlafen kannst.»
Die meisten Tamilen in der Schweiz spenden uns 50 bis 200 Franken im Monat, meistens per Dauerauftrag. Was für ein unverhältnismässiger Aufwand, den Leuten wegen 50 Franken im Monat nachzustellen! Um diese Vorwürfe zu entkräften, stellten wir an einer grossen Versammlung einmal eine Kasse in die Mitte und sagten unseren Landsleuten: Beweist, dass wir euer Geld nicht erpressen, sondern dass ihr es freiwillig spendet. Am Schluss waren über 100 000 Franken im Topf.

Es geht bei den Erpressungen ja auch nicht um Almosen. Ein Tamile erzählte dem «Tages-Anzeiger», wie er von Tamil Tigers gezwungen wurde, einen Kredit von 45 000 Franken aufzunehmen. Lügt er?
Wir können niemanden zwingen, einen Kredit aufzunehmen.

Der Mann sagte, die Tigers hätten ihm gedroht, dass seiner Familie in Sri Lanka etwas zustossen könnte.
Es gibt etwa 200 Personen, die mit dem Tigers eng verbunden waren und die Kredite in der Höhe bis 100 000 Franken aufgenommen haben, um unseren Kampf zu unterstützen. Das geschah freiwillig. Diese Personen haben nun das Problem, dass sie die Zinsen zahlen und den Kredit zurückzahlen müssen. Viele machen zwei oder drei Jobs.

Noch einmal: Lügt der Mann?
Wenn das hunderte von Menschen behaupten würden, könnte man es vielleicht glauben. Aber es sind nur ein paar wenige, die das sagen, das ist einfach nicht glaubwürdig. Es gab schon 1994 eine Kampagne gegen uns. Der damalige LTTE-Chef Moralidaran wurde verhaftet und der Erpressung beschuldigt. Später stellte sich heraus, dass ein Zeuge eine Falschaussage gemacht hatte. Moralidaran bekam 100000 Franken Schadenersatz zugesprochen.

Wenn jemand regelmässig spendet und dann plötzlich sagt, er könne nicht mehr, weil er sich ein neues Auto gekauft habe – was passiert?
Nichts, es ist sein Recht, nicht zu spenden. Übrigens stört mich, dass immer nur von den Spenden geredet wird. Wir tun auch etwas für die Tamilen. Wir organisieren Anlässe und Sportveranstaltungen, viele leisten freiwillig Hilfe dabei. Haben wir die auch unter Druck gesetzt? Wir haben den Schweizer Behörden viel Arbeit abgenommen, indem wir unsere Diaspora zusammengehalten haben. Davon redet niemand. Stattdessen werden wir in den Dreck gezogen. Solche Aktionen erschweren die Integration der Tamilen und schaden unserem Ruf in der Schweiz.

Wer will die Tamil Tigers in den Dreck ziehen?
Agenten der Regierung Sri Lankas. Das Land hat fünf Geheimdiensttruppen aufgebaut und in die tamilische Diaspora geschickt, um die Tamil Tigers zu bekämpfen. Sie sind auch in Zürich. Sie haben mehr Mittel als wir und sind gut vernetzt.

Wie arbeiten diese Geheimdienste?
Die Paramilitärs fotografieren und dokumentieren, wer in der LTTE aktiv ist oder wer an Demos geht. Die Daten schicken sie via Botschaft nach Sri Lanka. Am letzten ersten Mai sahen wir sie wieder. Wir schätzen, dass es in der Schweiz 50 Leute sind, unter ihnen auch Europäer. Es sind auch diejenigen, die in den Medien die Tamil Tigers kritisieren.

Haben die Tigers, abgesehen von den Agenten, nur Freunde in der Schweiz?
Die Tamilen stehen zu uns. Bis 80 Prozent haben in irgendeiner Form den Befreiungskampf unterstützt; der Rest ist gleichgültig. Aber auch sie werden Freude haben, wenn wir die Unabhängigkeit erlangt haben.

Wegen der stetigen Spannungen zwischen neuer und alter Heimat haben sich die Tamilen in der Schweiz kulturell kaum integriert. Wenn sich Junge Tamilen von der Tradition lossagen, kommt es oft zu dramatischen Zerwürfnissen. Ist es für Sie ein Problem, wenn eine junge Tamilin einen Schweizer heiratet?
Nein. Bei uns in Fribourg gibt es viele binationale Ehen. Ich war einer der ersten, der sich für die Paare eingesetzt und mit den tamilischen Eltern geredet hat.

Was würden Sie sagen, wenn sich Ihre Kinder mal vom Befreiungskampf lossagen und Schweizer heiraten würden?
Ich würde es akzeptieren. Ich habe nichts gegen die Schweiz. Sie hat uns Asyl gegeben und die Möglichkeit, hier ein neues Leben zu beginnen. Bis 2007 bemühte sich die Schweiz, eine Lösung für den Konflikt zu finden. Dafür danke ich dem Land.