Arbeitslose Junge

16. Dezember 2013 07:12; Akt: 16.12.2013 07:16 Print

«Wir sind nicht faul – uns will einfach keiner»

10,4 Prozent der Jungen stehen in der Schweiz ohne Job da. Vier Arbeitslose erzählen 20 Minuten ihr Schicksal. Ihre Botschaft an Betroffene: «Ihr seid nicht allein!»

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Trotz über 300 Bewerbungen keine Stelle: Eine junge Frau am RAV in Hergiswil NW. (Bild: Keystone/urs Flueeler)

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Jeder zehnte Jugendliche ist arbeitslos. Rund 12 Prozent von ihnen suchen schon mehr als ein halbes Jahr nach einem Job oder einer Lehrstelle. Viele User von 20minuten.ch fühlen mit ihnen. Einige Kommentarschreiber bezeichnen sie aber auch als arbeitsscheu. So schreibt ein Leser: «Diese Leute sind einfach zu faul. Die geniessen das Leben, das wir ihnen finanzieren.»

Die Betroffenen sehen das komplett anders. Vier von ihnen haben sich bereit erklärt, ihre Erfahrung bei der Jobsuche mit anderen Jungen zu teilen. «Die anderen Jungen sollen wissen, dass sie nicht allein sind», sagt Kevin.

Sule (16)
«Seit dem Sommer bin ich aus der Schule. Ich habe mich überall beworben, wo es nur möglich ist. Eine Lehrstelle habe ich aber trotz 75 Bewerbungen nicht. Zum Glück habe ich jetzt wenigstens ein Praktikum als Fachfrau Gesundheit gefunden. Von unserer Klasse haben nur 4 von 20 eine Lehrstelle. Mehrere meiner Kollegen haben die Hoffnung schon fast aufgegeben und hängen die ganze Woche zu Hause rum. Es ist auch alles sehr frustrierend: Ich hatte immer gute Bewertungen in den Schnupperlehren und keine schlechten Noten. Doch die Anforderungen sind einfach zu krass. Viele geben einem Sek-C-Schüler keine Chance. Dass ich so viele Absagen erhalten habe, hat sicher auch mit meinem türkischen Namen zu tun. Mein RAV-Betreuer hilft mir aber nicht wirklich. Dabei wäre es so wichtig, dass mir jemand wieder Hoffnung machen würde. Wenn ich bis Ende Jahr keine Lehrstelle finde, weiss ich auch nicht mehr, was ich tun soll.»


Kevin (25)
«Im Juli 2012 habe ich die KV-Lehre abgeschlossen. Über 300 Bewerbungen habe ich seither geschrieben – ohne Erfolg. Es ist immer dasselbe: Die Firmen nehmen jemanden, der schon Berufserfahrung hat. Wie soll ich dann Erfahrung sammeln, wenn mich keiner will? Ich denke, es gibt einfach zu wenige Stellen und zu viele, die einen Job suchen. Sonst hätten die Firmen keine so grosse Auswahl. Vielleicht könnte man das System ändern: Zuerst würden jene eine Stelle bekommen, die am längsten arbeitslos sind – das wäre wenigstens gerecht. Oder der Staat würde die Firmen dazu verpflichten, Praktika für Lehrabgänger anzubieten, damit diese Berufserfahrung sammeln könnten. Denn die Jungen sind die Zukunft der Schweiz.»

Sandra (24)
«Ich habe Köchin gelernt und mich zur stellvertretenden Abteilungsleiterin hochgearbeitet. Da hatte ich 17 Personen unter mir. Danach war ich Managerin im Büro. Im letzten Februar habe ich gekündigt. Seither habe ich 250 Bewerbungen verschickt – wurde aber nur zu fünf Vorstellungsgesprächen eingeladen. Und da heisst es, wir Jungen seien faul? Wir sind nicht faul, uns will einfach keiner. Ich habe mich sogar als Verkäuferin an einer Tankstelle und bei McDonald's beworben, Hauptsache ich kann arbeiten. Doch da hiess es, ich sei überqualifiziert. Bei den Bürojobs sagen sie hingegen, dass mir die Diplome fehlten oder ich zu wenig Erfahrung hätte. Bis Ende Jahr bekomme ich noch Geld vom RAV, dann muss ich für Sozialhilfe auf die Gemeinde. Dabei will ich doch einfach nur arbeiten. Das ist extrem frustrierend.»

Janis (16)
«Ich habe an die 30 Bewerbungen geschrieben. Das klingt jetzt nicht nach besonders viel. Ich bewerbe mich aber nur auf Stellen, die zuvor von meiner IV-Beraterin informiert wurden. Denn ich habe das Asperger-Syndrom. Bei den Firmen heisst es dann: ‹Wir wären überfordert›, ‹Du wärst überfordert› oder ‹Das käme uns zu teuer›. Dabei übernimmt die IV die Ausbildungskosten. Viele Junge suchen in einem weiteren Schuljahr oder mit Sprachaufenthalten nach einer Lösung – obwohl das nicht das ist, was sie machen wollen. Und noch länger in die Schule? Darauf habe ich keine Lust mehr. Ich würde mir die Möglichkeit wünschen, in geschütztem Rahmen eine Lehre zu machen. Denn ich möchte von der IV weg und nicht auf eine Rente angewiesen sein. Mein Traumberuf wäre Informatiker.»

(hal)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ben Diskrill am 16.12.2013 05:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Normaler Bürojob

    Gesucht wird 25 Jähriger, Muttersprache Deutsch, fliessend F, E, I, Hochschulabschluss und 20jähriger Erfahrung. Kein Wunder findet niemand einen Job.

  • Manuela G. am 16.12.2013 08:27 Report Diesen Beitrag melden

    Es gibt zwei Seiten

    Ich bekomme auch mit wie schwer es die Jungen heutzutage haben. Im Gegenzug muss man aber auch beachten, dass es viele (NICHT alle) gibt, welche sich durch das RAV ein schönes Leben finanzieren lassen. Hatte letzten Monat Vorstellungsgespräche für eine offene Stelle bei uns. Es gab 4 Kandidaten. Davon waren 3 zwischen 20 und 29. von diesen 3 kam genau EINER pünktlich (sprich auf die Minute). Der Rest kam zwischen 15 und 30 Minuten zu spät. Entschuldigung was ist das für eine Einstellung? Des Weiteren war keiner von den dreien auch nur angemessen gekleidet. Es gibt leider auch solche....

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  • Pit Rorschach am 16.12.2013 07:32 Report Diesen Beitrag melden

    Verkehrte Welt

    Es ist eine Katastrophe, dass unsere Jugend auf der Strasse steht und keine Arbeit finden. Man kann jetzt die Schuld der Personenfreizügigkeit geben. Das tue ich auch, gleichzeitig jedoch stelle ich fest, dass die ganze Computerisierung unsere Arbeitswelt kapput macht. Früher dachten wir, dank PC könne der Mensch früher in Rente - heute weiss ich, dass die Einsparungen nur als Dividende an die Aktionäre ausgeschüttet werden. verkehrte Welt.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Kevin am 17.12.2013 03:55 Report Diesen Beitrag melden

    Lehrstelle us Informatiker (geschützt)

    @ Janis (16) Es gibt eine Stiftung namens Band (band-werkstaetten) die Ausbildungsplätze im geschützten Rahmen anbietet unter anderem auch die Ausbildung zum Informatiker EFZ. Allerdings weiss ich nicht ob sie die Lehre in Richtung Systemtechniker oder Applikationsentwickler anbieten. Dein IV-Berater sollte darüber informiert sein welche Ausbildungs-Werkstätten oder Stiftungen die Lehre als Informatiker anbieten. Wichtig ist, dass du den IV-Berater und am besten noch dein Arzt davon überzeugst. Du müsstest aber bereit sein durch die Woche dort zu schlafen in einer Art Wohnstätte (WG) LG

  • J. Meyer am 16.12.2013 22:32 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht jeder Jugendliche, der ohne

    Job ist, ist auch faul. Das ist eine pauschalisierende Behauptung u ebenso kann man auch sagen, jeder arbeitslose Erwachsene ist einfauler Siech. Meine Tochter hatte 2 Jahre einen Job gesucht u Hunderte von Bewerbungen geschrieben in verschiedenen Richtung. Doch zwischenzeitlich eine weiterführende Schule besucht u einjähriges Berufspraktikum absolviert, um am Ende dann doch eine Lehrstelle zu finden. Die RAV habe ich vor vielen Jahren selbst erfahren dürfen, zum Glück nur kurz, denn die Inkompetenz dieser Leute war sagenhaft. In der freien Wirtschaft wären diese nämlich ohne Job.

  • hulu bulu am 16.12.2013 16:12 Report Diesen Beitrag melden

    keine arbeit nicht=keine lust zu arbeite

    Kevin, würde mich interessieren wies bei dir momentan aussieht..? ich habe auch im Sommer 12 meine Ausbildung zur Kauffrau fertig gebracht,doch stehe jetzt sozusagen bei null. in diesem Beruf kann ich bis jetzt keinen Fuss fassen und stehe jetzt kurz vor einer Zweitausbildung. Doch ist das der Sinn der Sache? zuerst sagt man, man müsse unbedingt eine Ausbildung machen und dann kämpft man und macht diese auch. Aber jeder Betrieb will das man Berufserfahrung vorweist, aber wie will man das vorweisen, wenn keiner einem die Chance gibt erste richtige Berufserfahrungen zu sammeln?

  • Jeremy prescott am 16.12.2013 14:25 Report Diesen Beitrag melden

    rav nur für arbeitende?

    Mir kam grad die Idee, dass Arbeitslose für ihr RAV Geld arbeiten sollten. Widerspruch? Nein! z.B 30% Soziale-Stelle, damit man das Geld vom RAV erhält und mit der 70% freien Zeit Bewerbungen schreiben. Die Stelle macht mann dann z.B bei Grün Stadt Zürich (Laub Räken, Abfallkübel pollieren, Sitzbänke streichen, etc.), in Pflegeanstalten mit den Senioren spazieren oder den Wald säubern, etc. So bleibt man im flow des Arbeitslebens, leistet etwas an den Steuerzahler und man kommt vor 17Uhr aus seinen 4 Wänden raus. Ich glaube das würde fantastisch funktionieren!

  • Urs42 am 16.12.2013 11:47 Report Diesen Beitrag melden

    @Janis

    Ich würde es an deiner Stelle unbedingt ohne Vorankündigung probieren! Eine vorankündigung schreckt doch eventuelle Ausbildungsbetriebe nur ab. Ich bin selber auch betroffen, und keiner auf der Arbeit weiss das.