Abtreibung

25. Juni 2019 19:56; Akt: 28.06.2019 22:55 Print

«Wir wollten kein Kind mit dem Down-Syndrom»

von Désirée Pomper - Nach der Diagnose Down-Syndrom entschied sich Susanne* in der 15. Schwangerschaftswoche für eine Abtreibung. Dafür musste sie den Fötus normal zur Welt bringen. Den Entscheid bereut sie nicht.

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Gleich beim ersten Versuch klappte es. Susanne war schwanger. Ein absolutes Wunschkind. Nach acht Wochen sah sie im Ultraschall das Herzchen schlagen. «Alles okay», sagte der Arzt. Sie weihte die Familie ein. Doch dann die Hiobsbotschaft in der 12. Woche nach der Nackenfaltenmessung: Der Bub wird höchstwahrscheinlich behindert sein. Eine Fruchtwasserpunktion zwei Wochen später bestätigte den Verdacht des Down-Syndroms.

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Das ist das erste Ultraschallbild, das Susanne in den Händen hielt.

«In diesem Moment ist für mich die Welt zusammengebrochen», sagt Susanne. «Warum trifft es ausgerechnet mich?» Auf dem Weg zurück ins Büro schüttelte sie ein Weinkrampf. Es habe ihr leid getan für das kleine Menschlein. «Es war von Anfang an klar, dass wir es nicht behalten würden.» Schon vor der Schwangerschaft hatten Susanne und ihren Mann beschlossen: «Wir wollen kein Kind mit Down-Syndrom.»

«Ich wollte mein eigenes Leben nicht aufgeben»

Susanne hat BWL studiert und arbeitet als Assistentin einer Geschäftsleitung. Auch als Mami wollte sie wieder voll ins Arbeitsleben einsteigen. Sie mag die intellektuelle Herausforderung, Spielplatzgespräche langweilen sie. Susanne ist es wichtig, finanziell unabhängig durchs Leben zu gehen und die Haushaltsarbeit gleichberechtigt mit ihrem Mann aufzuteilen. «Ein behindertes Kind hätte mich meinen Job gekostet und unsere Beziehung aus dem Gleichgewicht gebracht», sagt die 35-Jährige.

Nach der Diagnose habe sie zwar viel über Trisomie 21 gelesen. Über Kinder, die trotz der Behinderung ein glückliches Leben führten. «Aber ich konnte mich einfach nicht dafür erwärmen, wollte mein eigenes Leben nicht aufgeben. Ich sah mich schlicht nicht als Vollzeitmutter eines behinderten Kindes.»

«Verzeih mir, was ich dir angetan habe»

Am Tag, an dem Susanne und ihr Mann definitiv beschlossen, das Ungeborene abzutreiben, schrieb Susanne dem Buben im Bauch einen Brief.

Liebes Sternli

Bitte verzeih mir, was ich dir heute angetan habe. Ich habe dir einen Start in ein (viel zu kurzes) Leben ermöglicht und nun habe ich es dir nach nur 14 Wochen wieder genommen. Es tut mir so unendlich leid. Ich tue es aber auch für dich. Du hast so ein Leben voller Schmerzen einfach nicht verdient. Und ich bin mir sicher, du hättest auf dieser Welt nicht annähernd das bekommen, was ich dir bieten möchte. Deshalb sollst du im Himmel auf dein Mami und deinen Papi warten. Wir freuen uns unendlich, dich dort kennenzulernen. Wem du wirklich ähnlich siehst, wessen Temperament du erhalten hast. Ich bin mir sicher, du bist ein wunderbares Kind.

Und auch wenn wir tun, was wir heute getan haben, du bist ein absolutes Wunschbaby und ich genoss jede Sekunde, in der ich wusste, dass du in mir wächst. Wir haben uns so sehr auf dich gefreut. Es zerreist mir und auch deinem Papi das Herz, dass es einfach nicht sein soll. (...) Ich liebe dich mehr als alle andere auf der Welt! (...)

Sollte ich das Glück haben, noch einmal schwanger zu werden, ich verspreche dir, jedes einzelne meiner Kinder wird erfahren, dass es ein Brüderchen oder Schwesterchen hat, das hoch oben im Himmel über uns wacht und auf uns wartet. Das ist jetzt deine Aufgabe. Es tut mir von Herzen leid, dass ich dir keinen gesunden Start ins Leben ermöglichen konnte. Aber ich bereue nicht, dich in mir gehabt zu haben! Du warst ein grossartiges, das grossartigste Geschenk, das es gibt, und ich versuche dankbar zu sein. Du wirst immer in meinen Gedanken, meinem Kopf und meinem Herzen sein.


Diesen Brief schrieb Susanne an ihr «Sternli» an dem Tag, an dem sie und ihr Mann beschlossen hatten, das Kind abzutreiben.

«Dieses Menschlein so komplett zu sehen war heftig»

An einem warmen Augusttag lag Susanne im Spital Zollikerberg in einem Einzelzimmer und wartete auf die Wehen. Sie bekam Zäpfchen, die die Geburt einleiteten. Weil sie schon in der 15. Woche war, konnte der Fötus nicht mehr ausgekratzt werden. Sie musste ihn gebären. Acht Stunden später setzten die Wehen ein. Heraus kam eine intakte Fruchtblase. Darin schwamm Susannes Sohn. Er war ungefähr 15 Zentimeter gross. Die Hebamme fotografierte ihn zur Erinnerung.

«Dieses Menschlein so komplett zu sehen, war heftig. Das hatte ich nicht erwartet. Niemand hatte mich darauf vorbereitet», sagt Susanne. Nach einigen Minuten verschwand die Hebamme mit dem toten Fötus. Er sollte eingeäschert werden. Der Arzt schabte Susannes Gebärmutter aus. Am gleichen Abend kehrte sie nach Hause und einige Tage später zum Arbeitsplatz zurück.

«Werde ich jetzt bestraft? Werde ich nie mehr schwanger?»

Susanne ist kein gläubiger Mensch. Doch nach der Abtreibung hatte sie nur noch einen Gedanken: «Werde ich jetzt bestraft? Werde ich nie mehr schwanger?» Sie wollte so schnell wie möglich wieder in Erwartung sein. Vier Monate später war es so weit. Inzwischen hat Susanne zwei gesunde Töchter im Alter von fast vier und zwei Jahren. Manchmal denkt sie daran, dass es eigentlich noch einen grossen Bruder gäbe.

Ab und zu reden Susanne und ihr Mann über ihr «Stärnli». Dieses Jahr haben sie zum ersten Mal nach drei Jahren am errechneten Geburtstermin ihres Sohnes seine Gedenkstätte nicht mehr besucht. Seine Asche liegt mit derjeniger anderer Kinder, die vor der 24. Woche tot geboren wurden, auf einer Wiese beim Friedhof Zollikerberg in einem Grab. Dort haben sie nach der Abtreibung an einem Gottesdienst auch Abschied genommen.


Auf dem Friedhof Zollikerberg liegt die Asche von Susannes Sohn.

Susanne geht es heute gut. Die offenen Gespräche mit der Familie und Freunden haben ihr geholfen, die Abtreibung zu verarbeiten. Ausnahmslos alle zeigten Verständnis. Bereut hat Susanne den Schritt nie: «Ich bin ehrlich. Auch wenn es hart klingt, wir würden den Entscheid wieder fällen.»

*Name geändert

Abtreibungs-Serie

10'015 Frauen entschieden sich 2017 in der Schweiz für eine Abtreibung. 500 Schwangerschaftsabbrüche gab es nach der 12. Woche, 103 nach der 17. Woche und 41 nach der 21. Woche. Liegt ein Trisomiebefund vor, entscheiden sich gemäss Studien 90 Prozent der Paare für einen Schwangerschaftsabbruch.

Warum entscheiden sich Frauen für eine Abtreibung? Und wie geht es ihnen nach dieser Entscheidung? Auf einen Aufruf von 20 Minuten meldeten sich über 250 Frauen. Sie haben abgetrieben, weil sie sich zu jung für ein Kind fühlten, den falschen Partner hatten, ihre Mutter sie dazu drängte, vergewaltigt wurden oder ihr Kind eine Behinderung hatte. Manche der Frauen bereuen die Abtreibung, andere nicht.

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