Verunglückte Fussballerin

04. Juli 2019 17:48; Akt: 05.07.2019 01:28 Print

«YB sollte die Nummer 9 ewig für Flo reservieren»

Am Samstag kam die Fussballerin Florijana Ismaili ums Leben. Ein Wegbegleiter erzählt von einer herzensguten Spielerin, die für ihren Sport und alle Mädchen mit demselben Traum kämpfte.

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Die Schweizer Fussballerin Florijana Ismaili (24) ist am vergangenen Wochenende bei einem tragischen Badeunfall auf dem Comersee gestorben. André Moita Saraiva, Chefredaktor von Abseits.ch und Frauenfussball-Experte, hat sie im Rahmen seiner journalistischen Tätigkeit immer wieder begleitet. In einem Nachruf erinnert er sich an die aussergewöhnliche Schweizer Fussballerin.

20 Minuten erzählt er, welche Bedeutung die 24-jährige YB-Spielerin für den Frauenfussball hatte.

Herr Moita Saraiva, woran denken Sie als Erstes, wenn Sie sich an Florijana Ismaili erinnern?
Florijana war ein herzensguter Mensch. Sie war eine humorvolle, zuversichtliche und stets gut gelaunte junge Frau. Ihre Persönlichkeit ging Hand in Hand mit ihrer Rolle auf dem Fussballplatz. Florijanas positive Grundeinstellung färbte auf ihre Mitspielerinnen ab. Auch neben dem Platz wurde sie sehr geschätzt. Sie interessierte sich für ihre Mitmenschen, war offen und kannte deshalb viele Leute. Sie reichte jedem die Hand.

Wie würden Sie Florijana als Fussballerin beschreiben?
Sie konnte mit ihrer positiven Haltung sämtliche Mitspielerinnen motivieren und mit ihrer entschlossenen, aber liebenswürdigen Art eine ganze Mannschaft führen. Als Spielmacherin blühte sie bei YB vollkommen auf und konnte ihr Talent und ihre Spielstärke in vollem Ausmass zeigen. In der Nationalmannschaft hatte sie eine eher untergeordnete Rolle, was ihr ein bisschen weniger entsprach.

Welche Bedeutung hatte Florijana Ismaili für den Schweizer Frauenfussball?
Florijana war in zweierlei Hinsicht herausragend. Einerseits hatte sie mit ihren erst 24 Jahren – obwohl sie in der Schweiz spielte – bereits 33 Länderspiele absolviert und galt als grosse Hoffnung. Ihre fussballerische Qualität spiegelte sich in Statistiken wider und zeigte sich auch in einzelnen Matches. So konnte sie in einem einzelnen Cup-Spiel für YB vier Tore erzielen. Andererseits war sie auch abseits des Spielfelds unglaublich wichtig für den Frauenfussball. Der Frauenfussball hat eine wunderbare Botschafterin verloren. Flo war ein Nati-Star und dennoch berührbar.

Wie genau meinen Sie das?
Florijana war stets bereit, an Events oder Aktionen diverser Sponsoren teilzunehmen, obwohl sie daran privat nicht verdiente. Auch für Fans hat sie sich viel Zeit genommen. Sie war eine Pionierin, die vollumfänglich bereit war, für den Frauenfussball einzustehen. Flo hatte verstanden, dass sie als Spielerin gesehen werden musste, um etwas für den Frauenfussball hier zu tun. Obwohl sie persönlich nicht gerne im Rampenlicht stand, hat sie die Öffentlichkeitsarbeit auf sich genommen, um die Bedingungen für zukünftige Fussballerinnen zu verbessern.

Könnte man sie als eine Art Vorkämpferin bezeichnen?
Ihr Idol, die deutsche Fussballerin Fatmire Alushi, hat zur Erinnerung eine Instagram-Nachricht gepostet, die Florijana ihr geschickt hatte. Darin schrieb Flo, sie wolle für Mädchen ein ebenso gutes Vorbild sein, wie Alushi es für sie gewesen sei. Sie wollte jungen Mädchen zeigen, dass es möglich ist, den eigenen Fussballtraum zu leben. Das hat sie geschafft, finde ich. Sie war ein gutes Vorbild für junge Fussballerinnen – und auch für junge Secondas. Florijana hat das gelebt, wofür sie kämpfte.

Fussball war für Florijana Ismaili demnach weit mehr als ihre eigene Karriere?
Ja, sie liebte den Sport, er stand für sie immer im Zentrum. Als eine Zeit lang überall darüber geschrieben wurde, dass sie als erste Albanerin für die Schweiz auflaufe, hat mir Flo im Vorfeld eines Interviews gesagt: «Reden wir über Fussball.» Das darf nicht falsch verstanden werden: Sie war stolz auf ihr Heimatland. Doch Florijana wollte nicht, dass solche Themen im Vordergrund standen. Sie wollte einfach Fussballerin sein. Und sie wollte die Grundlagen ihres geliebten Sports in der Schweiz verbessern.

Was hat sich Florijana Ismaili für den Schweizer Frauenfussball gewünscht?
Sie wollte erreichen, dass Frauen hier vom Fussball leben können. Florijana hat Angebote aus dem Ausland erhalten, weil sie eine grossartige Fussballerin war. Sie war eine der wenigen Spielerinnen aus der Schweizer Liga, die regelmässig im Nati-Aufgebot standen. Und trotzdem hatte sie sich vorerst gegen einen Wechsel entschieden. Ihr Traum war es, hier vom Fussball leben zu können – am liebsten bei ihrem Club YB. Es ist schade, dass ihr das nicht mehr ermöglicht wurde.

Wie sollte man ihrer gedenken?
Diese Entscheidung liegt natürlich bei ihrer Familie. Auch YB als ihr Verein wird sich momentan sehr wahrscheinlich mit dieser Frage auseinandersetzen. Ein schönes Zeichen wäre es, wenn die YB-Frauen die Nummer 9, die Florijana auf dem Rücken trug, zur Ruhe setzen würde, damit die 9 ewig für Flo reserviert wäre.

(jk)