Berner Pädo-Monster

02. Februar 2011 09:30; Akt: 02.02.2011 09:51 Print

«Zum Glück ist er nun im Käfig»

Hansjürg S. hat 29 Jahre lang behinderte Menschen missbraucht. 114 meist wehrlose Behinderte fielen dem Sozialtherapeuten zum Opfer. Das skrupellose Vorgehen schockte selbst die Polizei.

Chefin Spezialfahndung Gabriele Berger über den Missbrauch. (Video: Mathieu Gilliand/Amir Mustedanagic)
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Ekel, Entsetzen, Wut: Einen Tag, nachdem der wohl grösste Missbrauchsfall in der Geschichte der Schweiz bekannt wurde, sitzt der Schock über die skrupellosen Missbräuche von Hansjürg S. noch immer tief. «Es verschlägt einem die Sprache», sagt Peter Niederhäuser, Präsident der Stiftung Nathalie in Gümligen BE. An seiner Institution vergriff sich der 54-jährige Sozialtherapeut zwischen 2002 und 2006 an rund 20 Kindern. «Als Anwalt habe ich schon in viele Dossiers geschaut», sagt Niederhäuser, «aber so etwas Erschütterndes ist mir in meiner ganzen Karriere noch nie begegnet.» Man habe nie irgendetwas geahnt.

Vorahnungen gab es hingegen im Wohnort von Hansjürg S. im Berner Oberland. «Ich wusste, dass er Pfleger ist und habe immer gesagt: 'Der missbraucht sicher Kinder’», sagt eine Nachbarin, die im selben Haus wie S. wohnte, gegenüber 20 Minuten Online. Nun hätten sich ihre schlimmsten Befürchtungen bewahrheitet. «Zum Glück ist er nun im Käfig», so die ältere Dame weiter. Über S. weiss sie wenig Schmeichelhaftes zu berichten: «Er war dick und abstossend. Seine Wohnung war richtiggehend zugemüllt. Das kann man sich gar nicht vorstellen.» Als diese nach der Verhaftung geräumt wurde, hätten die Reinigungskräfte Masken tragen müssen.

Gerichtspsychiater: «Er war der Hecht im Karpfenteich»

Dass der 54-jährige S. so lange unbehelligt Kinder missbrauchen konnte, ist auf sein ebenso perfides wie skrupelloses Vorgehen zurückzuführen. «Der Mann hat sich seine Opfer nach der Schwere der Behinderung ausgesucht», sagt die Chefin der Spezialfahndung, Gabriele Berger. Um die Missbräuche zu kaschieren, habe er seinen Opfern Ersatzwäsche angezogen. Zudem habe er abgewartet, bis er allein mit den Opfern war und meist während der Nachtwache oder der Intimpflege zugeschlagen.

Frank Urbaniok, Gerichtspsychiater beim Zürcher Amt für Justizvollzug, sagte gegenüber Radio «DRS 3», dies sei eine fatale Situation gewesen. Der Täter habe sich in einem Umfeld bewegt, das sich schlecht zur Wehr setzen kann. «So gab es eine geringe Entdeckungswahrscheinlichkeit», sagt Urbaniok. «Die Situation ist damit zu vergleichen, dass sich ein Täter wie ein Hecht im Karpfenteich bewegt und entsprechend lange seine Straftaten begehen kann.»

«Einen 100-prozentigen Schutz gibt es nicht»

Trotz der «geringen Entdeckungswahrscheinlichkeit» sieht Ivo Lötscher, Geschäftsführer des Nationalen Branchenverbandes der Institutionen für Menschen mit Behinderung (INSOS), keine Lücken im System. Dennoch müssten bereits bestehende Schutzmechanismen überprüft und besser aufeinander abgestimmt werden», sagte Lötscher in der Sendung «HeuteMorgen» von Schweizer Radio DRS. Er stellte allerdings klar: «Einen 100-prozentigen Schutz zu garantieren, das geht nicht.»

Überarbeitet wurden die Schutzmechanismen 2003 auch in der Stiftung Nathalie. Damals ermittelten die Behörden schon einmal gegen Hansjörg S. Der Fokus habe sich aber auf einen anderen Betreuer gerichtet, erklärten die Behörden am Dienstag an der Pressekonferenz. Der Verdacht gegen S. habe sich seinerzeit nicht erhärten lassen, trotz belastenden Aussagen einer 13-jährigen Schwerbehinderten. Stiftungspräsident Niederhäuser zeigt sich zerknirscht: «Mit Bitterkeit müssen wir feststellen, dass es trotzdem zu weiteren Vorfällen kam.»

Hansjürg S. hat selbst gewusst, dass er pädophil ist, wie er vor den Behörden sagte: «Ich bin froh, dass es endlich bekannt geworden ist. Ich wusste immer, dass es etwas Schlimmes ist.» Der 54-Jährige hat 114 Missbräuche und 8 Versuche gestanden und ist «sehr kooperationsbereit», teilte die Polizei mit. Weitere Fälle können die Behörden dennoch nicht ausschliessen.

Schaden bei den Opfern ist nicht abzuschätzen

Der Schaden für die Betroffenen ist nach Ansicht des Psychologen August Flammer schwer abzuschätzen. Gerade autistische Kinder seien manchmal nicht im Stande, das Vorgefallene einzuordnen, sagte er gegenüber der Nachrichtenagentur SDA. Es könne sein, dass der Missbrauch aus ihrem Bewusstsein verschwinde. Möglich sei aber auch, dass Autisten, die sonst wenig Zugang zur Aussenwelt haben, den Missbrauch besonders intensiv erlebten. Dann sei die Wirkung «stärker und fixierender». In jedem Fall sei es am wichtigsten, dass die Opfer wieder Vertrauen zu Pflegepersonen, Erziehern und Leitungspersonen aufbauen könnten.

Gabriele Berger liefert einen Überblick über die bisherigen Ermittlungen:

(amc/dp/daw/sda)