Kundgebung in Bern

01. Februar 2011 21:57; Akt: 02.02.2011 11:12 Print

«Zum ersten Mal stolz, Ägypterin zu sein»

Wer kommt nach Mubarak, was passiert mit dem Friedensvertrag mit Israel, bekommt die christliche Minderheit dieselben Rechte? Die Hoffnungen der Demonstranten.

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Rund 120 Personen forderten am Dienstag in Bern die Absetzung der ägyptischen Regierung. (Bild: 20 Minuten Online/Pedro Codes)

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Millionen wie in Kairo waren es zwar nicht, doch immerhin rund 120 Personen fanden sich am Dienstag zu einem Protestmarsch auf dem Berner Helvetiaplatz ein, um sich mit dem Volksaufstand in Ägypten zu solidarisieren. Die Demonstranten, die meisten von ihnen Exil-Ägypter, forderten auf Transparenten und in Sprechchören die Absetzung des ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak. Zur Kundgebung aufgerufen hatten das ägyptischen Komitee für humanitäre Solidarität, der Verein der Ägypter in der Schweiz sowie eine Gruppierung ägyptischer Studenten an der Universität Zürich.

20 Minuten Online konnte die Demonstranten zu einigen brennenden Fragen im Zusammenhang mit den Protesten in ihrer Heimat befragen. Neben Mubaraks Nachfolge interessierten dabei vor allem die Beziehungen Ägyptens zu Israel und die Stellung der christlichen Minderheit.

Wer und was kommt nach Mubarak?
Am höchsten in der Gunst der Demonstranten steht Mohammad El Baradei, der ehemalige Chef der Internationalen Atomenergiebehörde. «Als Intellektueller wird er garantiert für freie und faire Wahlen sorgen und sich für die Gleichheit aller einsetzen», erklärte der 27-jährige Ägypter Ahmed Salem. Für seinen Landsmann Salah Ibrahim, 31, käme auch Amr Mussa, der aktuelle Generalsekretär der Arabischen Liga und ehemalige ägyptische Aussenminister in Frage. Sarah Nouh, 24, mag darüber noch nicht nachdenken: «Als erstes geht es darum, den Tyrannen Mubarak vom Thron zu stossen und dann eine echte Demokratie aufzubauen.»

Wie soll sich eine neue Regierung im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern verhalten?
Alle Befragten sprachen sich für eine neue Politik Ägyptens im Nahostkonflikt aus. Für Ahmed Salem hat sein Land in diesem Zusammenhang bisher «nur eine passive und unwürdige Rolle gespielt». Er und andere forderten mehr Unterstützung für die Palästinenser, etwa die konsequente Öffnung des Grenzübergangs Rafah zum Gazstreifen. Gleichzeitig soll der Friedensvertrag mit Israel nicht in Frage gestellt werden. Amr Abdelaziz wünscht sich mehr Druck sowohl auf Israel als auch auf die Hamas, um zu einer Lösung zu kommen.

Wird sich die Situation auch für die christliche Minderheit verbessern?
Für die Demonstranten war klar, dass eine künftige Regierung die Religionsfreiheit respektieren und religiöse Minderheiten schützen muss. «Religion ist Privatsache, hat in der Politik nichts zu suchen und sollte eine Person nicht benachteiligen», sagte Ahmed Salem. Auch für politische Ämter, die ihnen bisher verschlossen blieben, sollen sich die Christen bewerben können. Salah Ibrahim schränkte allerdings ein: «Ich bin für eine anteilsmässige Beteiligung der Christen. Mehr nicht. Es wäre auch hier befremdend, wenn ein Moslem plötzlich Bundesrat würde, oder?»

Während sich die Exil-Gemeinde in diesen wichtigen Fragen mehrheitlich einig ist, dürften sie in Ägytpen selbst noch Anlass zu intensiven Diskussionen geben. Dessen ungeachtet war ein grosses Stolz spürbar, dass sich im bevölkerungsreichsten arabischen Land das Volk gegen die Diktatur erhebt. Oder in den Worten Sarah Nouhs: «Ich bin zum ersten Mal in meinem Leben stolz darauf, eine Ägypterin zu sein.»

(pec/kri)