Krankenkasse

30. August 2016 13:32; Akt: 30.08.2016 13:32 Print

Über 100'000 Schweizer zahlen ihre Prämien nicht

von J. Büchi - Die Zahl der Personen, die ihre Krankenkassen-Rechnungen nicht begleichen, steigt. In neun Kantonen landen Prämiensünder auf schwarzen Listen.

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Immer mehr Schweizer wollen oder können ihre Prämien nicht bezahlen. Allein im Kanton Zürich blieben 2014 Krankenkassen-Rechnungen im Wert von 37,8 Millionen Franken offen – die Summe hat sich in den letzten sieben Jahren beinahe verdoppelt.
Auch andernorts schossen die Kosten durch die Decke: Landesweit verursachten mindestens 126'000 Prämiensünder Kosten von über 236 Millionen Franken.

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Heinz Brand (SVP), Präsident des Krankenkassenverbands Santésuisse, spricht von einem grossen Problem: «Die Kosten werden dann zwangsläufig auf die anderen Versicherten beziehungsweise auf den Steuerzahler abgewälzt.» Zahlt eine Person ihre Prämien nicht, begleicht der Kanton 85 Prozent der Rechnung, den Rest tragen die Versicherungen.

Brand räumt ein, die Prämien hätten eine Höhe erreicht, bei der es für gewisse Einkommensschichten kritisch werde. Er ist aber überzeugt: «Es gibt aber auch eine Kategorie von Kunden, die ihr Geld lieber für ein neues Auto oder Ferien ausgeben als für die Krankenkassenprämien.»

Schwarze Listen

Mehrere Kantone haben auf die Entwicklung reagiert und schwarze Listen mit den Namen säumiger Prämienzahler eingerichtet (siehe Grafik). Im Kanton Aargau etwa sind aktuell über 10'000 Personen erfasst, in Luzern 6900 und im Thurgau gut 5000. Bis sie ihre Schulden beglichen haben, bezahlt die Krankenkasse den Betroffenen nur noch medizinische Notfallbehandlungen.

Rausan Noori, Juristin bei der Schuldenberatung von Caritas Schweiz, ist alarmiert: «Der Leistungsstopp kann gravierende Folgen haben.» Erhielten Kranke keine medizinische Leistungen, sei das nicht nur ein Bruch mit der Verfassung – auch die Folgekosten seien beträchtlich. Sie verweist auf ein Beispiel aus dem Kanton Luzern: Dort bezahlte die Krankenkasse einem Diabetiker aufgrund seines Listeneintrags das Insulin nicht. Der Mann erlitt einen Kollaps, es folgte ein längerer Spitalaufenthalt. Bis heute soll der Mann praktisch arbeitsunfähig sein.

Sparen bei Prämienverbilligungen

Kaum jemand ignoriere Rechnungen und Mahnungen aus Prinzip, so Noori. «Die Prämien sind in den letzten Jahren so stark gestiegen, dass viele Haushalte diese finanzielle Herausforderung schlicht nicht mehr stemmen können.» Dazu komme, dass viele Kantone unter Spardruck ausgerechnet bei den Prämienverbilligungen den Rotstift angesetzt hätten. Inzwischen hätten bereits sechs von zehn Personen, die sich bei einer Schuldenberatungsstelle melden, mit Zahlungsrückständen bei den Prämien zu kämpfen. Noori fordert die Politik auf, «endlich Lösungen im Interesse der schuldenbetroffenen Menschen zu finden».

Alain Rogger, Leiter der Stelle für ausstehende Prämien und Kostenbeteiligungen in Luzern, will die Massnahme jedoch nicht als Strafe für Armutsbetroffene verstanden wissen: «Auf die Liste kommt, wer zahlungsunwillig ist – und nicht, wer zahlungsunfähig ist.» Personen unter 18 Jahren sowie die Bezüger von Sozialhilfe und Ergänzungsleistungen würden nicht erfasst. Rogger räumt zwar ein, viele Personen landeten immer wieder auf der Liste: «Werden sie nach Bezahlung der Ausstände von der Liste gelöscht, erfolgt im folgenden Quartal häufig eine neue Betreibung durch den Krankenversicherer.» Dennoch ist er von der abschreckenden Wirkung der Massnahmen überzeugt: «Ohne die Liste gäbe es noch viel mehr säumige Prämienzahler und die Ausstände wären höher.»

Nutzen nicht erwiesen

Von einer präventiven Wirkung spricht auch Susanna Schuppisser, Stv. Chefin des kantonalen Thurgauer Amtes für Gesundheit. Der Thurgau war 2007 der erste Kanton, der eine Liste für säumige Steuerzahler eingeführt hat. Dort werden auch die Gemeinden eingebunden: «Wir fordern sie auf, die Personen auf der Liste zu kontaktieren und mit ihnen die Situation individuell anzuschauen», so Schuppisser.

Im Kanton Zürich ist eine schwarze Liste hingegen kein Thema – trotz der rund 20'000 säumigen Prämienzahler jährlich. Regierungsrat und Kantonsparlament hätten das Modell schon 2013 abgelehnt, weil sie überzeugt gewesen seien, dass der Aufwand den allfälligen Nutzen bei Weitem übersteigen würde, sagt Daniel Winter von der Gesundheitsdirektion. Er verweist auf eine externe Studie des Basler Büros B,S,S. Die Autoren kamen vergangenes Jahr ebenfalls zum Schluss, dass eine positive Auswirkung einer schwarzen Liste auf das Zahlungsverhalten «nicht belegt» werden könne.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Diana am 30.08.2016 13:40 Report Diesen Beitrag melden

    KK sind selber schuld

    vielleicht sollte niemand mehr zahlen damit sie endlich begreifen, dass die Prämien viel zu hoch sind....

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  • brunschi Ostschweiz am 30.08.2016 13:50 Report Diesen Beitrag melden

    Holt das Geld bei der Verursacherin!

    Holt das fehlende Geld bei der Verursacherin Frau Dreyfuss. Die hat das "Krankenkasse- Chaos" angezettelt.

  • maria am 30.08.2016 13:40 Report Diesen Beitrag melden

    Kosten

    Danke, dass wir das auch noch ausbügeln dürfen! Als hätten wir nicht schon genug zu zahlen...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Timo am 09.12.2016 04:00 Report Diesen Beitrag melden

    Volksferne Politiker

    Tja, Lösung = Einheitskasse und Prozentsatz direkt vom Lohn abgezogen und Schluss mit nix zahlen wollen. Aber dieser Ansatz wurde ja in der letzten Abstimmung verworfen und jetzt jammern wieder alle über steigende KK Prämie und säumige Zahlende... ich kann mir KK auch bald nicht mehr leisten, zahle jetzt für Frau, Kind und mich knapp 1200.- im Monat, dass da nix für Ferien oder ähnliches übrigbleibt nervt gewaltig und Aussagen wie die von dem Politfritzen machen mich rasend. Gebt dem mal einen Lohn von 4000.- im Monat, wollen sehen, ob er dann immernoch so grosse Töne spuckt.

  • MikeMU am 31.08.2016 11:18 Report Diesen Beitrag melden

    Einheitskasse 2.0?

    Der Schuldige ist der Staat selber, der "Neubürger" behandlungen über die KK abwickelt mit einer 300 Franchise, psychologische Betreuung und Kostspielige Operationen werden mehr Allgemeinkosten verursacht. Zudem wird bei den Kassen nicht Sozial agiert, sprich man bedient sich selber am Beitragstopf.

  • Fritz am 31.08.2016 11:09 Report Diesen Beitrag melden

    KK-Prämien

    Könnten wir mal erfahren, wieso diese Prämien dermassen steigen? Jeder, der in den Notfall geht, sollte schon mal eine Pauschale von 200.- bezahlen, damit wären wohl die Hälfte der Besuche hinfällig. Ausserdem sollten endlich die Medi-Preise gesenkt werden, aber unsere Verwaltung pennt einfach. Verdient wahrscheinlich sehr gut daran. Ausserdem sollte der Katalog der bezahlbaren Behandlungen massiv gekürzt werden auf die NOTWENDIGEN Behandlungen. Und nein, eine Erkältung gehört nicht zu einer lebensnotwendigen Behandlung...

  • annabella am 31.08.2016 08:52 Report Diesen Beitrag melden

    So nicht!

    Ich persönlich zahle zuerst alle meine Rechnungen wenn ich Zahltag habe, dann erstelle ich mir mein Budget. Ich finde es tragisch das man als zuverlässiger Zahler büssen muss für solche die ihre Finanzen nicht im Griff haben...

  • Kritiker S. am 31.08.2016 07:29 Report Diesen Beitrag melden

    Frechheit

    Kein Wunder steigen die Prämien, wenn wir noch für andere mit zahlen müssen. Die Krankenkassen sollten Prämien direkt beim Arbeitgeber vom Lohn abziehen dürfen, bevor dieser ausgezahlt wird. Das gleiche gilt für die Steuern. So tappen Menschen, welche mit Geld nicht umgehen können, nicht in die Schuldenfalle. Mein Nachbar ist genau gleich: jammern, er habe kein Geld, aber immer noch rauchen und sich immer wieder was neues kaufen. Was für eine Frechheit!

    • Trinity am 31.08.2016 08:25 Report Diesen Beitrag melden

      @Kritiker S.

      So einen kenn ich auch. Ein Audi A3 leasen aber kein Geld für die Krankenkasse. Und dann auch noch voller stolz rum prahlen, dass er die Rechnung nie zahlt... Finde ich eine gute Idee, direkt vom Lohn abzuziehen, die Rechnung muss ja sowieso gezahlt werden.

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