Placebo-Effekt

13. Februar 2017 17:03; Akt: 13.02.2017 17:03 Print

Ärzte geben Ihnen oft nicht das, was sie sagen

Patienten fordern auch bei Bagatellfällen Medikamente. Notfallärzte verschreiben deshalb Placebos – und sparen dadurch Kosten.

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Eine Zuckerpille gegen Kopfschmerzen: Bei Haus- und Kinderärzten sind solche Methoden zur Behandlung verbreitet. Laut Untersuchung greifen zwei Drittel der Zürcher Hausärzte gelegentlich auf solche Methoden zurück. Und auch Notfallstationen, die zunehmend von Patienten mit Bagatellerkrankungen überschwemmt werden, setzen auf Placebos. Roland Bingisser, Chefarzt der Notfallstation am Universitätsspital Basel, sieht darin ein Mittel, um die steigenden Gesundheitskosten einzudämmen. «Die Erwartungen der Patienten sind insbesondere bei Notfallbehandlungen gestiegen. Auch wenn sie mit einer Bagatelle zu uns kommen, erwarten Sie eine Behandlung – ein Pflaster oder ein paar aufmunternde Worte, die auch gute Placebos sein können, reichen da oft nicht», sagt Bingisser. Bei Placebos wird unterschieden zwischen «unreinen» und «reinen» Placebos. Als unrein gelten Mittel, die zwar eine wirksame Substanz freigeben, die aber für die Behandlung keine medizinische Wirkung haben. Etwa Vitamin C für die Behandlung einer Erkältung. Ein weiteres Beispiel ist ein Pflaster, das auf eine intakte Hautstelle geklebt wird. Als «reine» Placebos dagegen gelten Medikamente, die keinerlei Wirkstoff enthalten, etwa Schmerzmittel, die nur aus Zucker bestehen, oder Kochsalzinjektionen. Auch das Verhalten des Arztes spielt eine Rolle: So wirkt etwa ein Medikament, das von einem Arzt in weissem Kittel verschrieben wurde, besser, als jenes, das eine Pflegerin verabreicht. Dabei gehe es nicht darum, eine Zuckerpille oder ein Vitaminpräparat als Scharlatan-Trick einzusetzen, sondern um die Überzeugung, dass das Mittel zum Wohle des Patienten wirken könne. «Statt dass die Patienten auf der Suche nach einer Behandlung von Arzt zu Arzt hetzen und die Gesundheitskosten in die Höhe treiben, sollte man es auch mal mit einem Placebo probieren», sagt Arzt Jürg Kesselring. Philippe Luchsinger, Präsident des Verbands Hausärzte Schweiz, sagt: «Es besteht das Risiko eines Vertrauensverlusts.» Er fordert darum, dass der Arzt die Patienten aufklärt und ihnen sagt, dass etwa das verabreichte Schlafmittel keine Wirkstoffe enthalte.

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Vitamin C gegen die Erkältung, ein Pflaster auf eine intakte Hautstelle oder eine Zuckerpille gegen Kopfschmerzen: Bei Haus- und Kinderärzten sind solche Behandlungen, bei denen keine medizinische Wirkung nachweisbar ist, verbreitet. Laut Untersuchungen greifen zwei Drittel der Zürcher Hausärzte gelegentlich darauf zurück.

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Die sogenannten Placebos wirken dadurch, dass bereits die Erwartung, dass ein Mittel hilft, zur Ausschüttung schmerzlindernder Stoffe führt. «Wenn Ärzte und Pflegende diese Vorgänge unterstützen, müssen sie weniger Medikamente verabreichen», kommt Neuropsychologe Peter Krummenacher in einer neuen Studie zum Schluss.

Und auch in Notfallstationen, die zunehmend von Patienten mit Bagatellerkrankungen überrannt werden, setzen auf Placebos.

In der Notfallstation reicht oft ein Placebo

«Die Erwartungen der Patienten sind insbesondere bei Notfallbehandlungen gestiegen. Auch wenn sie mit einer Bagatelle zu uns kommen, erwarten Sie eine Behandlung – ein Pflaster oder ein paar aufmunternde Worte, die auch gute Placebos sein können, reichen da oft nicht», sagt Roland Bingisser, Chefarzt der Notfallstation am Universitätsspital Basel.

Komme beispielsweise jemand mit Übelkeit in die Notfallstation, mache es Sinn, dagegen ein Mittel zu verschreiben – auch wenn es erwiesen sei, dass gewisse Medikamente kaum einen Effekt hätten. «Statt dies zu erklären und dem Patienten zu sagen, dass er wegen einer Bagatelle gar nicht in den Notfall kommen müsse, fühlt sich der Patient bei der Einnahme der Medizin sofort besser», so Bingisser.

Denn statt sich weiterhin Sorgen zu machen und weitere Ärzte für die vermeintlich drohende schlimme Krankheit aufzusuchen, sei das Problem damit oft erledigt, «falls die Kommunikation gut war». Laut Bingisser können so Placebos dabei helfen, die steigenden Gesundheitskosten einzudämmen.

«Es geht nicht um einen Scharlatan-Trick»

Jürg Kesselring, Chefarzt für Neurologie an der Klinik Valens, plädiert dafür, dass auch Hausärzte neben wissenschaftlich wirksamen Medikamenten auch die Placebos in die Behandlung einbeziehen, etwa wenn sie bei einer Behandlung nicht mehr weiterwissen.

«Statt dass die Patienten auf der Suche nach einer Behandlung von Arzt zu Arzt hetzen und die Gesundheitskosten in die Höhe treiben, sollte man es auch mal mit einem Placebo probieren», sagt Kesselring. Dabei gehe es nicht darum, eine Zuckerpille oder ein Vitaminpräparat als Scharlatan-Trick einzusetzen, sondern um die Überzeugung, dass das Mittel zum Wohle des Patienten wirken könne. Das könne bereits beim Auftreten des Arzts beginnen: Erhält ein Patient ein Medikament vom Arzt im weissen Kittel, wirkt es besser.

Die Tablette «Nixdrin» sorgte für Schmerzlinderung

Einer schmerzgeplagten Patientin hatte Kesselring auch schon das Medikament «Nixdrin» verabreicht, wonach sie komplett schmerzfrei war – bis sie erfuhr, dass es sich dabei um eine Zuckertablette mit «nix drin» handelte.

Aufgrund dieser Erfahrung betont Kesselring, dass sich der Arzt beim Einsatz von Placebos auf ein heikles Terrain begebe, wenn die Patienten merkten, was ihnen verabreicht werde. Philippe Luchsinger, Präsident der Hausärzte Schweiz, findet darum: «Es besteht das Risiko eines Vertrauensverlusts.» Er fordert, dass der Arzt die Patienten aufklärt und ihnen sagt, dass etwa das verabreichte Schlafmittel keine Wirkstoffe enthalte.

Jürg Kesselring erklärt, dass auch bei vermeintlich wirksamen Medikamenten, etwa bei Schmerzmitteln, ein Grossteil der Wirkung auf Einbildung beruhe und sogar bei Operationen ein Placebo-Effekt mitspiele. «Jede ärztliche Handlung wirkt als Placebo, dabei kommt es nicht darauf an, ob es eine Zuckertablette oder das Auftreten des Arztes ist.» Wichtig sei, dass sich der Arzt authentisch verhalte und selbst von der Wirkung überzeugt sei.

(pam)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Gustaff am 13.02.2017 17:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Trinkgelder?

    Mich interessiert nur, was die "Sugus" schlussendlich kosten. Wie werden sie den KK verrechnet und was zahlen die Ärzte.

  • Mensch am 13.02.2017 17:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Finde ich gut....

    ...wenn es wirklich nur um Bagatellen geht. So können extrem Kosten gespart werden, und es können auch z.B. Antibiotikaresistenzen verhindert werden. Geht es aber um einen richtigen Notfall, würde ich natürlich auch richtige Medikamente erwarten.

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  • Bari am 13.02.2017 17:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Manchmal besser so.

    Was soll der Arzt denen geben, die nach meiner Ansicht wegen jedem Husten, Kopfweh oder sonstigen Kleinigkeiten immer zum Arzt oder sich ins Spital begeben . Kenne eine solche Person.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Fcz92 am 14.02.2017 11:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    haha

    ich bim so oder so gegen chemie darum nimm ich erst chemie wends nicht mehr anderst geht und wen man ja eh placebo bekommt kann ich mir ja auch einreden das ein ingwertee mit cbdhanf im tee ei wunder bewirkt nur bewirkt er wirklich wunder :-) oder nicht? :-) bei mir schon und wends auch eon placebo effekt ist bei mir hilfts und ist sicher gesünder als eine zuckertablette

  • Flamme am 14.02.2017 09:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wieso...

    in die Notfallstation gehen, bei z.B. Übelkeit?? Wenn ich mir nicht sicher bin, rufe ich die Apotheke an, oder ich geh gleich dort hin. In grösseren Bahnhöfen haben die auch an Wochenenden offen und man kann sich da sehr wohl auch gut beraten lassen.

  • Sulejka am 13.02.2017 23:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Placebo Pillen

    für Menschen welche 365 Krankheiten haben im Jahr reichen Placebo Pillen vollkommen. Es gibt leider nicht wenige, die sich Schmerzen einreden und sie dann auch verspüren jedoch der Arzt grosse Mühe hat, der Person Medikamente zu verschreiben die dann weit schlimmere Reaktionen auslösen könnten, da helfen solche Placebo Pillen.

  • René B. am 13.02.2017 19:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die beste Medizin..

    .. ist wohl wenn es solchen Patienten im eigenen Portemonnaie weh tut, sprich sie sollten selber bezahlt werden müssen.

  • Malose am 13.02.2017 18:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Placebo erkennen

    Also wenn dir der Arzt Tabletten verschreibt, bei denen alle eine andere Farbe haben und mit Smartis angeschrieben sind, kannst du fast sicher sein, dass es sich um ein Placebo handelt.