Forderung von Gynäkologin

16. Februar 2015 14:47; Akt: 16.02.2015 16:06 Print

Ärzte sollen häusliche Gewalt ansprechen

Häusliche Gewalt betrifft auch die Medizin, sagt die Gynäkologin Sibil Tschudin. Ärzte sollen ihre Patientinnen bereits beim Aufnahmegespräch darauf ansprechen.

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Ein Screening beim Arzt soll Frauen helfen, über häusliche Gewalt zu sprechen. (Bild: Keystone/Guillaume Bonnefont)

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Jede vierte Frau ist im Laufe ihres Lebens und jede zehnte Frau im aktuellen Jahr von häuslicher Gewalt betroffen. Ärzte, die Frauen jedes Alters betreuen, können davon ausgehen, dass zehn Prozent ihrer Patientinnen Erfahrungen mit häuslicher Gewalt haben. Heutzutage suchen die Opfer öfter medizinische Hilfe und erstatten häufiger Anzeige als früher. Aber viele Frauen scheuen diesen Schritt noch immer.

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Finden Sie ein Screening auf häusliche Gewalt sollte in allen Spitälern eingeführt werden?
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Denn: Die Hoffnung, dass sich der Partner vielleicht doch noch bessert oder die Angst vor der Reaktion des Partners halten viele Frauen davon ab, sich bei der Polizei oder einer Anlaufstelle zu melden. Sibil Tschudin, Leitende Ärztin an der Frauenklinik des Unispitals Basel, appelliert deshalb in der aktuellen Ausgabe der «Schweizerischen Ärztezeitung» an ihre Kollegen, das Thema häusliche Gewalt ernst zu nehmen.

«Rauchen Sie, trinken Sie, sind Sie Opfer häuslicher Gewalt?»

«Wäre es nicht sinnvoll, dass Ärzte im Anamnesegespräch routinemässig danach fragen würden?», schreibt Tschudin. Der Arzt würde die Patientin also im Gespräch über ihre Krankheitsgeschichte nebst der Frage nach Rauchen oder Alkoholkonsum auch auf häusliche Gewalt ansprechen. Das Ziel eines solchen Screenings sei es, den Frauen zu vermitteln, dass ihr Arzt auch diesem Thema gegenüber offen ist, um ihnen die Möglichkeit zu geben, über ihre Gewalterfahrungen zu sprechen.

«Dies setzt aber voraus, dass das Personal geschult ist und weiss, wie eine Frau unterstützt und wo sie hingewiesen werden kann, wenn sie die Frage nach häuslicher Gewalt mit Ja beantwortet», sagt Tschudin auf Anfrage. Ausserdem müsse man sorgfältig, im richtigen Tonfall und mit einer Erklärung an die Sache herangehen. Die Frau dürfe sich nicht vor den Kopf gestossen fühlen. «Es ist hilfreich, wenn der Arzt beispielsweise sagt, dass es sich dabei um eine Routinefrage handelt.»

«Screening sollte in allen Spitälern eingeführt werden»

Die Frauenklinik am Triemlispital in Zürich ist bislang die einzige Institution in der Schweiz, die dieses Screening durchführt. Annelis Eichenberger, Sozialarbeiterin im Frauenhaus Luzern, bedauert dies. Ein Screening sollte ihrer Meinung nach in allen Spitälern eingeführt werden.

«Wir hatten gerade kürzlich einen Fall, bei dem eine Frau zu uns gekommen ist, nachdem ihr Mann ihr den Oberarm gebrochen hatte.» Den Ärzten im Notfall habe sie erzählt, sie sei die Kellertreppe hinuntergefallen. «Sie haben nicht nachgefragt, erst in der Physiotherapie, als sie den genauen Unfallhergang erklären musste, flog die Sache auf», so Eichenberger.

«Die Frage darf nicht nach Routine klingen»

Auch Mirjam Della Betta, Psychologin bei der Frauenberatung sexuelle Gewalt in Zürich, sagt ein solches Screening sollte gefördert werden. «Es hilft, das Thema häusliche Gewalt zu enttabuisieren, damit es nicht mehr herumschwirrt wie ein Phantom.» Nach wie vor werde nur hinter vorgehaltener Hand über Frauen gesprochen, die von ihren Männern zu Hause misshandelt werden.

Miriam Reber, Co-Präsidentin der Schweizerischen Konferenz gegen häusliche Gewalt, ist ebenfalls der Meinung, dass man mehr auf das Thema häusliche Gewalt aufmerksam machen sollte. «Weiterbildungen auf diesem Gebiet für Ärzte halte ich für sehr sinnvoll.» Ein Screening funktioniere nur dann, wenn das Personal vorbereitet und geschult sei. «Ausserdem muss die Frage ernsthaft und sorgfältig gestellt werden. Wenn sie nach Routine klingt, so wie man fragt, ob jemand rauche, dann nützt es nichts.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Vor/Urteil am 16.02.2015 14:59 Report Diesen Beitrag melden

    Und die Männer?

    Der Beitrag erklärt sehr schön, weshalb es häusliche Gewalt nur gegen Frauen gibt. Wenn nur Frauen befragt werden, Männer aber nicht, steht von vornherein fest, dass auschliesslich Frauen Opfer von häusler Gewalt sind. Wenn man das Screening auch bei Männern machen würde und sie fragen: «Rauchen Sie, trinken Sie, sind Sie Opfer häuslicher Gewalt (körperlicher und/oder psychischer)?», gäbe es ein ganz anderes Bild. Aber eben: Männer sind Täter, Frauen Opfer, ein Vorurteil, das bestätigt werden will.

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  • Parteiloser am 16.02.2015 14:53 Report Diesen Beitrag melden

    Gleichberechtigung

    Ja, aber nicht nur für Frauen. Die Umfrage zeigt hat diese Auswahl leider nicht.

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  • Kajma am 16.02.2015 14:54 Report Diesen Beitrag melden

    Gute Idee, aber nicht so

    Gute Idee - aber sicher nicht auf die Art und Weise "Rauchen sie, trinken sie, sind sie Opfer häuslicher Gewalt?" Antwort: "Nein. Nein. Oh jaaa... Mein Mann schlägt mich dreimal die Woche grün und blau! Selbstverständlich vertraue ich ihnen als praktisch Fremde beim Aufnahmegespräch so schnell-schnell mein am krampfhaft gehütetes Geheimnis an!" Das müsste schon mit einer grösseren Sensibilität ablaufen...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Tom Meister am 17.02.2015 17:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Tür gehört mir

    Die Ärzte sollen den Mund halten und ihre Arbeit tun. Es meine Sache, wie ich mit meiner Frau umgehe. Sie ist ja freiwillig bei mir. Also last mich machen.

  • Morgane am 17.02.2015 14:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kinder brauchen Schutz

    Als kleines Baby bin ich aus einer Wippe, die mein Vater transportierte herausgerutscht und mit voller Wucht auf den steinigen Küchenboden gefallen. Das passierte vor 39 Jahren und schon damals nahmen sie mein Vater sehr genau unter die Lupe!

  • helmarpon am 17.02.2015 14:16 Report Diesen Beitrag melden

    Kinder?

    Fragt man eigentlich auch die Kinder, ob sie von Ihren Eltern mit physischer oder psychischer Gewalt gepeinigt werden? Macht man dort auch mal Screenings, die die Misshandlungen aufzeigen? Ich glaube, kaum jemand weiss, wie abhängig vor allem Kinder sind. Und manche/r Frau/Mann lässt so Vieles unausgesprochen, um ihre "heile" Welt, den "sicheren" Hafen nicht zu verlieren. Kaum eine/r ausser, mit Aussnahme, die solche Situationen aus eigener Erfahrung kennen, wissen überhaupt, was das bedeutet, was es im betroffenen Kind auslöst! Probleme in der Schule, Geschäftsleben, Freundeskreis, Partner..

    • Pinky am 17.02.2015 14:47 Report Diesen Beitrag melden

      Stimmt absolut!

      Meine Mutter hat mich auch hilflos einem Gewalttäter ausgeliefert, nur damit ihre Welt nicht zusammenbricht. Erst als mein Vater merkte, dass etwas mit mir nicht stimmt, hat er dem Einhalt geboten. Frauen sind praktisch immer Mittäter, Kindesmissbrauch ist nichts was vor der Mutter geheim gehalten werden kann.

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  • Kritiker am 17.02.2015 14:01 Report Diesen Beitrag melden

    @verwirrte Frauen in den Kommentaren

    Die Solidarität der Männer ist mit allen Opfern da. Aber es bleibt ein schaler Nachgeschmack, wenn dieses Screening per Definition nur bei Frauen durchgeführt wird. Es wird impliziert, dass diese Gewalt nur von Mann zu Frau stattfinden kann, was die Situation für männliche Opfer noch schwieriger macht, da sie nie ernst genommen werden würden. Es deutet ebenfalls an, dass man sich um das Wohl der Männer weniger Sorgen sollte und dass Männer den Archetypen des "Täters" verkörpern, was beides reinster Sexismus ist. Gerade Sie als Frau sollten dafür Verständnis aufbringen können.

  • Laut Denkende am 17.02.2015 13:22 Report Diesen Beitrag melden

    Urteile über Betroffene trifft man leich

    Was anscheinend die Meisten, welche hier schreiben, die Frauen (oder Männer) hätten ja viele Anlaufstellen oder eine Eigenverantwortung, nicht verstehen, ist, dass sich viele Betroffene schämen, nicht trauen, keinem vertrauen oder schon bereits so manipuliert sind, dass sie denken, sie hätten es verdient. Wer nicht selber betroffen war, kann sich nur schwer in die Lager versetzen. Deswegen, bitte, weniger urteilen und besser die Hand reichen, wo es geht. Diese Menschen ermutigen, aufklären, stärekn.