Hygienemängel

15. Juli 2014 15:48; Akt: 16.07.2014 08:40 Print

Ärzte trauen ihren eigenen Spitälern nicht

von J. Büchi - Die Hygiene in den Spitälern hat sich gemäss einer Umfrage verschlechtert. Manche Ärzte würden deshalb eine OP in der eigenen Klinik ablehnen.

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In einer Comparis-Umfrage gibt fast ein Viertel an, die Hygienevorschriften würden «nicht von allen Spitalmitarbeitern eingehalten». (Bild: Keystone/Aline Staub)

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Wenn ein Koch nicht in seinem eigenen Restaurant essen will, muss das die Gäste skeptisch stimmen. Noch viel gravierender ist es jedoch, wenn sich Medizinpersonal nicht im eigenen Operationssaal unters Messer legen will. Genau dies ist laut einer Umfrage von Comparis.ch aber in vielen Schweizer Spitälern der Fall. Demnach würden sich drei von zehn befragten Pflegern nicht im eigenen Spital operieren lassen – bei den Ärzten ist es einer von zehn.

Fast ein Viertel der Befragten gibt an, die Hygienevorschriften würden «nicht von allen Spitalmitarbeitern eingehalten». Gleich viele glauben, die Situation habe sich in den letzten zwei Jahren verschlechtert. Felix Schneuwly, der Krankenkassenexperte von Comparis.ch, bezeichnet die Umfrageresultate als «erschreckend». «Vom viel gelobten Schweizer Gesundheitssystem hätten die Versicherten sicher mehr erwartet.»

Arbeitslast soll schuld sein

Schätzungsweise 70'000 Menschen erkranken im Spital jährlich an Harn-, Wund- oder anderen Infektionen, rund 200 sterben daran. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) beziffert die dadurch entstehenden Kosten auf 230 Millionen Franken pro Jahr. «Gerade weil das Problem bekannt ist, sind die Umfrageresultate bedenklich», sagt Margrit Kessler, GLP-Nationalrätin und Patientenschützerin.

Für den Missstand macht sie zwei Faktoren verantwortlich: einerseits die Arbeitsbelastung in den Spitälern, die laut den befragten Ärzten zugenommen hat. «Auf der anderen Seite ist aber auch eine gewisse Bequemlichkeit des Personals feststellbar – die Einstellung: ‹Es wird schon nichts passieren, wenn ich die Hände nicht wasche.›»

Transparenz gefordert

Auch SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher fordert deshalb, dass nun das medizinische Personal aufgestockt wird. Zudem müssten Patienten die Spitäler im Falle einer Infektion leichter zur Rechenschaft ziehen können. Mit einer entsprechenden Motion ist die Thurgauerin im März im Ständerat gescheitert. Für sie steht dennoch fest: «Könnten sich die Patienten leichter wehren, würden die Spitäler mehr in Hygienemassnahmen investieren.»

Eine wichtige Massnahme wäre laut Patientenschützerin Kessler, dass in jeder Klinik ein Oberarzt mit der Hygieneschulung und -kontrolle betraut würde. Zudem müssten die Infektionsraten der einzelnen Spitäler transparenter kommuniziert werden. «Die Patienten müssen in Erfahrung bringen können, in welchen Kliniken das Infektionsrisiko am höchsten ist.» Die Statistiken, die derzeit dazu erhältlich seien, seien für Laien nur schwer verständlich.

Reduktion um 30 Prozent möglich

Darüber, wo am meisten gepfuscht wird, gibt auch die Studie von Comparis keinen Aufschluss. Der Vergleichsdienst hat seine Befragung unter 350 Ärzten und Pflegekräften anonym durchgeführt. Auch Comparis-Experte Schneuwly ist jedoch der Meinung, die Patienten seien heute unzureichend informiert. «Wir planen deshalb per nächstes Jahr eine Internetplattform, auf der die Versicherten ihre Zufriedenheit mit den Spitälern bewerten können.» In erster Linie müssten aber die Kantone ihre gesundheitspolizeiliche Verantwortung wahrnehmen, damit die Patienten sich sicher fühlten.

Seit dem Frühling arbeitet auch der Bund an einer Strategie, mit der die bestehenden Massnahmen und Anforderungen schweizweit koordiniert und überwacht werden sollen. Das Ergebnis soll Ende 2015 vorliegen. Laut BAG liessen sich mit den richtigen Massnahmen bis zu ein Drittel aller Spitalinfektionen verhindern.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Chemiker am 16.07.2014 07:43 Report Diesen Beitrag melden

    System ist krank. Herr Berset bitte

    unternehmen sie etwas. Eines der teuersten Gesundheitssysteme, welches zugrunde geht. Es gibt neue technische Mittel welche zur Hygiene beitragen können. Kolloidales Silber in einer Polymermatrix (Kunststoff). Der Keim stirbt bei Berührung. Seine Aussenhüllle (Zellmembran) platzt. Könnte auch für versiffte Einkaufswägeli eingesetzt werden.

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  • McGeek am 16.07.2014 07:19 Report Diesen Beitrag melden

    200 Tote ?

    Das ist mehr als Strassenverkehr und der Schusswaffenmissbrauch miteinander fordern!

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  • Pro Zess am 16.07.2014 07:21 Report Diesen Beitrag melden

    Schadenersatzforderungen

    ...in amerikanischer Grössenordnung. Dann lohnt sich das Einhalten der Hygienevorschriften wieder. Aber ich wette, zum Theme Hygiene gibt es in jedem Spital bereits Tonnenweise Papier, das die "Prozesse" beschreibt......soviel zu dem Thema.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Schnüffel am 16.07.2014 12:50 Report Diesen Beitrag melden

    Resistenz

    Man darf auch nicht vergessen, dass wir Menschen mit all den medikamentösen Behandlungen unsere eigene Abwehr schwächen. Bei den kleinsten Symptomen wird heute gleich ein Medikament geschluckt, anstelle eines Auskurierens der Krankheit. So werden wir natürlich um einiges anfälliger. Somit muss auch die Hygiene immer besser angepasst und verschärft werden. Leider gewinnen die Keime das Rennen je länger je mehr! Ein Teufelskreis!

  • immun supressiv am 16.07.2014 12:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ohne immunsystem

    So oft wie man das in letzter Zeit hört und ich ins Spital muss, gefällt mir das nicht. Allerdings werde ich u.a mit Immunsupressivas behandelt und hatte noch keinen Infekt vom Spital... Glück? oder habe ich einfach das richtige Spital gewählt?

  • Reak Thor am 16.07.2014 12:16 Report Diesen Beitrag melden

    Logische Folgen!!

    Wenn überall am Personal gespahrt wird, und die jenigen die bleiben dürfen zu Hungerlöhnen arbeiten müssen, dann ist die logische Folge davon, dass die Qualität abnimmt!

  • Tom B. am 16.07.2014 12:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Grade mix

    Das Verhältnis dipl Plfegefachpersonal zu FaGes und Pflegehilfen ist sich aus Spargründen gleichzeitig am verschieben.

  • Harry Kellenberger am 16.07.2014 12:01 Report Diesen Beitrag melden

    Spital-Hygiene

    Kann ich mehrfach unterschreiben. Habe kürzlich im Spital nacheinander zwei Spital-Infektionen eingefangen, eine davon lebensbedrohlich. Aber der Chefarzt war mir gegenüber noch immer des Lobes voll über die Hygiene in seinem Betrieb. ( Wäre eine gute Idee gewesen, ihn zu fragen ob er selbst sich da auch operieren liesse ! ) Eine ehemalige Pflege-Fachperson dieses Spitals, die ich nach meinem Aufenthalt privat traf, redete eine andere Sprache.