Pandemie-Angst

27. April 2009 14:16; Akt: 28.04.2009 12:30 Print

Experte: Schweinegrippe kommt in die Schweiz

von Marius Egger und Lukas Mäder - Die fünf Verdachtsfälle in der Schweiz werden nicht die einzigen bleiben. Ein Experte ist überzeugt, dass die Schweinegrippe auch hierzulande auftreten wird. Die Spitäler bereiten sich auf diesen Fall vor. Eine Arbeitsgruppe erarbeitet am Universitätsspital Basel Massnahmen.

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Die Schweinegrippe greift weiter um sich: In New York ist am 18. Mai 2009 erstmals ein Patient an der sogenannten Schweinegrippe gestorben. Der Mann war Rektor einer der Schulen im Stadtteil Queens. Die Gesundheitsbehörde von New York kündigt an, dass weitere Schulen in Queens vorübergehend geschlossen werden. In Japan wurden derzeit über 1000 Schulen und Kindergärten geschlossen. Die Schutzmasken sind in Japan immer noch an der Tagesordnung. Die Schweinegrippe hat nun auch die Türkei erreicht: Das Gesundheitsministerium teilte am 16. Mai 2009 mit, ein nach Istanbul von einer USA-Reise zurückgekehrter Mann sei mit dem Virus infiziert. Auch Schweden hat den ersten Fall von Schweinegrippe bestätigt. Weiter bestätigte auch Malaysia seinen ersten infizierten Patienten. Betroffen ist nach Angaben des Gesundheitsministeriums ein 21 Jahre alter Student, der kürzlich aus den USA zurückkam. Schüler in Panama, Zentralamerika. Eine Mutter schützt ihr Baby in Hongkong. Flughafen Beunos Aires, Argentinien: Eine Kellnerin bei der Arbeit. Auch Polizisten am Flughafen in Buenos Aires schützen sich mit Masken. Das Gleiche Bild in London und ... ... Indien. Gläubige stehen ausserhalb der «Basilica de Guadalupe» in Mexiko Stadt. Kirchen bleiben geschlossen. Gottesdienste finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Hier in der Basilica de Guadalupe. Der Kirchenchor. Reinigungspersonal mit Schutzmasken an der Arbeit auf dem Zocalo Platz in Mexiko Stadt. Velofahrer in Mexiko-Stadt. Ein Punk in Mexiko-Stadt. Ein Mime in Mexiko-Stadt. Eine Krankenschwester zeigt, wie man eine Spezialmaske zum Schutz vor dem Virus trägt im Kasturba Gandhi Spital in Mumbai. Hotel-Angestellte und der mexikanische Botschafter warten auf Essen und Trinken, das von der Botschaft für Mexikaner geliefert wird, die im Hotel unter Quarantäne stehen. Eine Touristin wartet vor der Ankunftshalle des Pekinger Flughafens. Feuerwehrleute sehen sich eine Partie der Ping Pong Weltmeisterschaft in der japanischen Stadt Yokohama an. Eine Wärmekamera überwacht die Körpertemteratur von Ankommenden am Flughafen von Seoul, Korea. Passagiere kommen am Ben Gurion Flughafen in Tel Aviv, Israel, an. Ein Gesundheitsinspektor bei einem aus Mexiko in Tschechien gelandeten Flugzeug. Prag, 3. Mai 2009. Auf dem internationalen Flughafen Katmandu: Zwei Beamte bei der Einreisekontrolle am 30. April 2009. In Bangkok reinigen thailändische Arbeiterinnen einen Airbus A340, der von Los Angeles angekommen war, 30. April 2009. Medizinisches Personal prüfen die Temperatur eines Kindes auf der Notfallstation am Universitätsspital in Singapore, 30. April 2009. Warnung auf Plakaten: Die britische Regierung hat eine Informationskampagne gestartet, die zur Einhaltung von Hygieneregeln aufruft, 30. April 2009. Die rückkehrenden Touristen aus Cancún schützen sich: Flughafen Düsseldorf am 30. April 2009. Gesichtsmasken auf dem Flughafen von Sydney, Australien: Ein Reisender nach Iran am 30. April 2009. In Ägypten beginnt das grosse Schlachten: Wegen der Schweinegrippe haben die Behörden angeordnet, 300 000 Schweine zu schlachten. Mitarbeiter eines Krankenhauses in Kairo, Ägypten. Einreisekontrolle in China: Zwei Gesundheitsbeamtinnen überwachen auf einem Monitor die Temperatur der ankommenden Passagiere am Hong Kong Airport, 30. April 2009. Asien hat Erfahrung mit der Vogelgrippe und reagiert entsprechend vorsichtig: Ein Sicherheitsmann verteilt Gesichtsmasken vor einem Spital in Hong Kong, 30. April 2009. In der Schweiz finden Gesichtsmasken reissenden Absatz: Eine Apotheke in Stans verkauft die letzten noch vorhandenen Masken am 29. April 2009. Fotos weisen auf Grippesymptome hin, wie sie auch bei einer Schweinegrippe auftreten: Notfallstation des Universitätsspitals Genf am 29. April 2009. Auch Deutschland hat die Schweinegrippe erreicht: Ein Mann mit Maske vor dem Universitätsklinikum Regensburg, wo ein Patient mit dem Schweinegrippevirus behandelt wird. Die Schweinegrippe an der Grenze abfangen: Ärzte besteigen am 29. April 2009 am Flughafen von München eine Maschine, die aus Mexiko kommend gelandet ist. Die Ferienstimmung ist verflogen: Touristen aus Mexiko am Flughafen München, 29. April 2009. Vorsichtsmassnahmen in Asien: Angestellte der indonesischen Landwirtschaftsbehörden desinfizieren einen Schweinestall in Bali, 29. April 2009. Mittelamerika wappnet sich für die Schweinegrippe: Ein Verkäufer von Gesichtsmasken in San Jose, Costa Rica, am 29. April 2009. In den USA gibt es inzwischen ebenfalls zahlreiche Fälle von Schweinegrippe: Touristen kehren aus Mexiko zurück, 29. April 2009 in Phoenix. Ein Bus aus Mexiko ist in Houston angekommen. Ein Angestellter der Busfirma lädt mit Gesichtsmaske Gepäck aus, aufgenommen am 29. April 2009. Sie bestätigen die Schweinegrippe-Fälle in der Schweiz: Ein Mikorbiologe am Houston Departement of Health and Human Services, 29. April 2009. Messe in Mexiko-Stadt: Ein Priesteranwärter während einer Freiluft-Messe am 29. April 2009. Die Kirchen sind wegen Schweinegrippe geschlossen. Die Touristen verlassen geschützt Mexiko: In der Touristenhochburg Cancún am 29. April 2009. Alltag in Mexiko-Stadt: U-Bahn-Passagiere am 29. April 2009. Die Justiz arbeitet weiterhin — allerdings mit Gesichtsmasken: Ein Mitglied des Gulf-Kartells wird am 29. April 2009 an eine Pressekonferenz in Mexiko-Stadt geführt. Am Ursprungsort der Schweinegrippe: Journalisten besuchen den Ort La Gloria in Mexiko, von wo der 4-jährige Edgar Hernandez stammt, der sich als Erster mit dem Virus infiziert haben soll, 29. April 2009. Lagerhallen mit Medikamenten für den Notfall: Die Nationalgarde im amerikanischen Bundesstaat Ohio lagert Tamiflu ein, 28. April 2009. Während in Europa Flugpassagiere nur sporadisch kontrolliert werden, herrscht in Asien ein strengeres Regime, wie ein Bild vom 28. April 2009 aus Tokio zeigt. Auch Südkorea hält ein wachsames Auge auf ankommende Passagiere. Taiwan ist bereit für die Quarantäne: Ein Beamter am Taoyuan International Airport am 28. April 2009. Ein Passagier wartet im Flughafen von Mexiko-Stadt, dem grössten Airport in Süd- und Mittelamerika. Mit Schutzmaske auf Stadtrundfahrt in Mexiko-Stadt. Stadtbummel mit Gesichtsmaske: Zwei ausländische Touristinnen im Zentrum von Mexiko-Stadt am 27. April 2009. In Oakland, Californien üben Spitalangestellte den Gebrauch von speziellen Anti-Virus-Masken. Selbst zum essen zieht dieser Mann seine Schutzmaske nicht ab. Ein Mann telefoniert mit selbst dekorierter Maske. Die Schweinegrippe ist am 27. April 2009 in Europa angekommen: In Valencia stellten die Ärzte das Virus bei einem 24-jährigen Mann fest, der sich vor Kurzem in Mexiko aufgehalten hat. Ein Sicherheitsbeamter patrouilliert mit griffbereiter Maske vor dem Spital 'La Fe' in Valencia. Auch in Katalanien geht die Angst vor der Schweinegrippe um: Polizisten mit Mundschutz am Flughafen von Barcelona. In Mexiko ist die Situation dramatisch: Bereits starben über 100 Menschen am heimtückischen Virus - 1300 sind infiziert. Mexiko-Stadt steht still: Schulen und Universitäten sind bereits geschlossen. Je nach Situation werden heute sogar der Flughafen, die U-Bahn und alle Restaurants geschlossen. Geisterspiel wegen der Schweinegrippe: Aus Angst vor der Verbreitung der Krankheit erliessen die Behörden am gestrigen Spieltag ein Stadionverbot für die Fans. Nicht nur in Mexiko, sondern auf der ganzen Welt werden Flugpassagiere auf Schweinegrippe-Anzeichen überprüft: Hier in Bali, Indonesien. Die Menschen versuchen sich mit Masken vor den Schweinegrippe-Erregern zu schützen. Mexikos Präsident Felipe Calderon (rechts) und der Gesundheitsminister José Ángel Córdova beraten an einer Sitzung über das weitere Vorgehen im Kampf gegen die Schweinegrippe. Junge mexikanische Promotorinnen lassen sich durch die Schweinegrippe nicht abschrecken. Die Menschen warten vor den mexikanischen Spitälern, hier in Toluca, Mexico. Da hilft nur noch Beten. Die Armee verteilt Schutzmasken an die Bevölkerung. Auch auf den Phillipinen geht die Angst vor dem aggressiven Virus um.

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Jetzt hat auch die Schweiz ihre ersten Schweinegrippe-Verdachtsfälle. Derzeit werden fünf Patienten auf das H1N1-Virus untersucht. Experten gehen mittlerweile davon aus, dass eine Verbreitung der Krankheit auf alle Kontinente kaum verhindert werden kann. «Ich rechne mit einer Pandemie», sagt Pietro Vernazza, Chefarzt der Abteilung Infektiologie und Spitalhygiene vom Kantonsspital St. Gallen. Dass auch die Schweiz in absehbarer Zeit betroffen sein wird, «davon müssen wir ausgehen», so Vernazza gegenüber 20 Minuten Online. Bekannt ist, dass die Grippe bisher vor allem durch Reiserückkehrer weiterverbreitet wurde. Davor sei die Schweiz nicht geschützt.

Beunruhigend sei, dass sich Virus von Mensch zu Mensch überträgt

Über das Ausmass der Grippe wird derzeit spekuliert. Gesundheitsdirektor Thomas Zeltner wies in einem Gespräch mit Radio DRS darauf hin, dass die Welt noch relativ wenig über die Grippe wisse. «Es ist noch zu früh, die Gefährlichkeit des Virus zu beurteilen.» Insbesondere stelle sich die Frage, wieso die Fälle in den USA bisher glimpflich abgelaufen seien, während in Mexiko mehrere Leute starben. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) kläre derzeit die Lage ab, so Zeltner.

Auch Vernazza sagt, es sei derzeit offen, ob es sich bei dem H1N1-Virus um eine milde Form handelt. «Das ist gut möglich», so der Infektologe. «Würde es sich um das Vogelgrippe-Virus handeln, wäre ich maximal besorgt.» Dieses H5N1-Virus führte damals in rund 50 Prozent der Fälle zum Tod und ist laut Vernazza «viel aggressiver» als das H1N1. Doch Letzteres birgt vor allem eine grosse Gefahr. Das «Besorgniserregende» an dem Virus sei, so Jörg Hacker, Leiter des Robert-Koch-Instituts in Deutschland, gegenüber «Süddeutsche.de», dass es eindeutig von Mensch zu Mensch übertragbar ist. «Es haben sich Menschen angesteckt, die keinen Kontakt mit Schweinen oder Bauernhöfen hatten», so Hacker. Auch Zeltner zeigte sich besorgt. Vor allem drei Dinge am neuen Virus stimmen den Chef des Bundesamts für Gesundheit (BAG) nachdenklich: Die Neuartigkeit des Virus, die Übertragbarkeit von Mensch zu Mensch sowie die Tatsache, dass auch gesunde Menschen mittleren Alters erkranken.

«Dann müssten Schulen geschlossen werden»

Über das Gefahrenpotenzial lasse sich erst in den nächsten ein bis zwei Tagen Genaueres sagen, sagt Vernazza. Jetzt gelte es abzuwarten. Die Schweiz sei zudem in Bereitschaft. Sollte die Schweinegrippe die Schweiz tatsächlich in grobem Ausmass treffen, liegen Notfallszenarien bereit. «Dann müssten Schulen geschlossen oder Grossansammlungen verhindert werden». So weit sei man aber längst nicht.

Was die Vorsichtsmassnahmen in der Schweiz angeht, verwies BAG-Direktor Zeltner auf die WHO. Gegenwärtig seien keine weiteren Massnahmen nötig. Am Dienstag werde das Expertengremium erneut tagen. Spreche die WHO neue Empfehlungen aus, ändere sich die Lage der Schweiz. Auch die Reisewarnungen stünden dann zur Disposition. Laut Zeltner ist die Schweiz aber «so gut vorbereitet wie noch nie».

Universitätsspital Basel hat Arbeitsgruppe gebildet

Bereits angelaufen sind die Vorbereitungen in den grossen Spitäler der Schweiz. Das Universitätsspital Basel hat heute Morgen eine Arbeitsgruppe gebildet, die erste Massnahmen ergriffen hat. Patienten mit Verdacht auf Schweinegrippe werden auf der Notfallstation in Isolationskabinen geleitet, sagt Sprecher Andreas Bitterlin auf Anfrage. Das soll die Übertragung der Krankheit auf andere Patienten und auf die Mitarbeiter verhindern. Die Behandlung in den Isolationskabinen erfolgt mit speziellen Vorkehrungen, so trägt das medizinische Personal dort Schutzmasken.

Weitere Massnahmen hat das Universitätsspital Basel im logistischen Bereich ergriffen. Sie sollen die interne Verteilung von Schutzmasken und Grippemedikamenten regeln. Auch die Anfragen von verunsicherten Personen oder auswärtigen Ärzten hat das Spital kanalisiert. Die Arbeitsgruppe befasst sich nun mit der Planung für die weitere Entwicklung der Krankheit. «Wir bemühen uns, Szenarien zu entwickeln, wenn beispielsweise die Patientenzahl stark ansteigt», sagt Bitterlin. Denn die bestehenden Möglichkeiten, Patienten zu isolieren, sind beschränkt. Bei einer Häufung von Verdachtsfällen müssten die Patienten zusammengelegt werden. Nun laufen auch Vorbereitungen, entsprechenden Räumlichkeiten bereitzustellen.

Vorbereitungen für Vogelgrippe nützen

Die drohende Schweinegrippe trifft die Schweizer Spitäler nicht unvorbereitet. Sie haben vor zwei Jahren, als die Vogelgrippe für Unruhe sorgte, Konzepte ausgearbeitet. Diese dienen nun als Basis für aktuelle Massnahmen, auch wenn es laut Bitterlin gewisse medizinische Unterschiede zur Vogelgrippe gibt.

Beim Inselspital Bern laufen die Vorbereitungen auf die Schweinegrippe ebenfalls gemäss den vorhandenen Massnahmenplänen der Vogelgrippe. «Wir sind gewappnet», sagt Sprecher Markus Hächler. So seien heute den Verantwortlichen nochmals die Abläufe der Pandemiepläne in Erinnerung gerufen worden. Über Details der Vorbereitungen will sich Hächler nicht äussern. Schliesslich seien ausserordentliche Situationen in den Spitälern der Courant normal.

Karte: Die Ausbreitung der Seuche


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