Militär-Unfälle

16. November 2009 11:36; Akt: 11.02.2010 11:05 Print

Lawinen, Blindgänger, tonnenweise Sprengstoff

von Daniel Huber - Das Bergdrama an der Jungfrau 2007 und der Bootsunfall auf der Kander 2008 trafen die Schweizer Armee schwer. Die Reihe der schlimmsten Armeeunfälle seit dem Krieg begann 1946 mit einem Donnerschlag.

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Chronologie ohne Vollständigkeitsanspruch: Die schlimmsten Unfälle der Schweizer Armee seit dem Zweiten Weltkrieg

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Vor dem Militärgericht in Chur beginnt heute Montag das Verfahren gegen die beiden Bergführer, die im Juli 2007 beim Unfall im Jungfrau-Massiv mit sechs Toten dabei waren. Nach dem Prozess gegen den verantwortlichen Offizier beim Schlauchbootunfall auf der Kander ist das bereits die zweite juristische Aufarbeitung eines schweren Armeeunfalls in jüngster Zeit.

Das Lawinenunglück von Reckingen

Die Armee wurde indes schon früher von schlimmen Unglücksfällen getroffen. Am meisten Menschen starben beim Lawinenunglück im Gomser Dorf Reckingen am 24. Februar 1970. Kurz nach fünf Uhr morgens fuhr die Bächital-Lawine zu Tal und begrub mehrere Häuser, die Offiziersunterkunft eines Flablagers, die Strasse und die Bahnlinie unter riesigen Schneemassen. 48 Menschen wurden im Schlaf verschüttet; 18 von ihnen konnten lebend geborgen werden. Unter den 30 Toten befanden sich sechs Kinder, fünf Frauen und 19 Angehörige der Fliegerabwehrtruppen. Erst nach vier Tagen wurden die letzten Opfer gefunden. Ein Untersuchungsbericht der Armee stellte später fest, dass «keiner militärischen Dienst- oder Kommandostelle ein Verschulden irgendwelcher Art an der Lawinenkatastrophe» zukomme.

Explosive Munitionslager

Heute weitgehend vergessen ist der 28. Mai 1946, als zehn Arbeiter bei der Explosion von zwei Munitionsmagazinen in Dailly in den Waadtländer Voralpen ums Leben kamen. Und auch an die Katastrophe von Mitholz im Berner Oberland, bei der kurz vor Weihnachten 1947 neun Menschen starben, erinnern sich nur noch wenige. Kurz vor Mitternacht am 19. Dezember explodierte in einem Munitionsstollen beim Bahnhof ein Teil der eingelagerten 7000 Tonnen Sprengstoff. Die gewaltige Druckwelle sprengte den Fels und zerstörte das Bahnhofsgebäude und Dutzende Häuser. Die überlebenden Bewohner flohen Richtung Kandergrund, manche im Schlafanzug und ohne Schuhe. Der ganze Talboden war danach von Granaten, Fliegerbomben und sonstiger Munition übersät. Noch am nächsten Tag kam es immer wieder zu kleineren Detonationen in dem zerstörten Munitionslager.

1992 knallte es wieder, diesmal am Sustenpass. Am Nachmittag des 2. November flogen in einer Kaverne beim Steingletscher, einem Munitionssprengplatz der Armee, über 300 Tonnen Munition in die Luft. Die Explosion verwandelte den Eingangsbereich der Kaverne in ein Trümmerfeld. Vier Angestellte der Munitionsfabrik Thun und zwei pensionierte Mitarbeiter der Firma, die mit einer Gruppe zu einer Besichtigung gekommen waren, fanden den Tod. Sie konnten nicht aus den Trümmern geborgen werden; die Unglücksursache wurde nie geklärt.

Tödliche Abstürze

Mit dem französischen Hubschrauber Alouette III, der in Emmen im Lizenzverfahren gefertigt wurde, kam es mehrfach zu tödlichen Unfällen. So starben beim Absturz einer Alouette III am 21. Oktober 1982 im Säntisgebiet — dem schlimmsten militärischen Flugunfall seit dem Zweiten Weltkrieg — fünf Soldaten und der Pilot. Fast genau zwei Jahre später, am 23. Oktober 1985, fanden drei von vier Insassen einer Alouette II den Tod, als die Maschine bei Rothenthurm Bäume touchierte und in einer Waldlichtung zerschellte. Im Jahr 2001 stürzten gar zwei der leichten Armeehelikopter ab: Am 25. Mai bei Delsberg im Jura und am 12. Oktober oberhalb von Crans-Montana im Wallis. Beide Male hatten die Hubschrauber Kabel touchiert; beide Male kamen sämtliche vier Insassen zu Tode.

Noch mehr Angehörige der Armee starben am 12. November 1997 beim Absturz eines Pilatus Turbo-Porter PC-6B im Simmental. Alle fünf Insassen kamen ums Leben, als die Maschine, die sich auf dem Rückflug von Payerne nach St. Stephan befand, am Dorfrand von Boltigen aufschlug. Unfallursache waren schlechte Wetterbedingungen. Schon am 27. April 1993 war ein PC-6 Porter der Armee in einer Felswand des Finsteraarhorns zerschellt. Damals starben drei Menschen. Ursache war ein Pilotenfehler.

Fatale Handgranaten und Blindgänger

Am 24. Juli 1992 expoldierten bei einer Demonstration von Übungshandgranaten in Luzern zwei Granaten. Zwei Korporale überlebten nicht, 20 Rekruten wurden verletzt. Nach dem Unfall verbot der Ausbildungschef der Armee zeitweise den Einsatz der beiden beteiligten Granaten EUHG 85 (Übungsmunition) und HG 85 (Kriegsmunition). Der Untersuchungsbericht nannte menschliches Versagen als Ursache.
Im März des folgenden Jahres gab es erneut zwei Unfälle mit einer EUHG 85; bei einem davon fand ein WK-Soldat den Tod.

Explodierende Blindgänger töteten zwar keine Soldaten, dafür aber Zivilisten. 1983 ereigneten sich gleich zwei tödliche Unfälle: Am 21. Juli tötete ein 8,1-Zentimeter-Minenwerfer-Geschoss bei Flums drei Menschen und am 28. August starben vier Wanderer unterhalb von Unterbäch im Wallis.

Kanderdrama und Bergdrama

Die eingangs erwähnten schweren Armeeunfälle am Jungfrau-Massiv und auf der Kander kosteten insgesamt elf Wehrmänner das Leben. Beim Bergdrama an der Jungfrau waren zwei Dreier-Seilschaften an einem Extremhang von einer wohl selber ausgelösten Lawine in den Tod gerissen worden. Sie hatten die gefährliche Direktroute gewählt statt die gesicherte Normalroute.

Für den Schlauchbootunfall auf der Kander, bei dem die Boote kenterten und fünf Armeeangehörige in den Wasserwalzen ertranken, wurde der verantwortliche Hauptmann im letzten Oktober schuldig gesprochen. Den beiden Bergführern, die beim Unglück an der Jungfrau dabei waren, drohen Freiheitsstrafen von bis zu drei Jahren oder eine Busse.

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