12. Juli 2007 17:08; Akt: 14.07.2007 22:18 Print

Bergdrama: Opfer stammten aus der Romandie

Im Berner Oberland ereignete sich eines der schwersten Unglücke der Schweizer Militärgeschichte, als sechs Westschweizer Soldaten in die Tiefe stürzten. Bereits vor einem Jahr ereignete sich dort ein tödlicher Unfall. Laut der Militärführung war der Aufstieg aber «kein Risikojob».

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Im Berner Oberland ereignete sich eines der schwersten Unglücke der Schweizer Militärgeschichte. Acht Armeeangehörige wurden Augenzeugen, wie ihre sechs Kameraden starben. «Sie mussten zusehen, wie ihre Kollegen das Tal abrutschten», sagte REGA-Sprecher Thomas Kenner gegenüber 20minuten.ch. Die Rettungsaktion der acht Überlebenden sei aufwändig gewesen. «Wir konnten sie nur mit Rettungswinden an einen sicheren Ort bringen», so Kenner weiter. Jeweils zwei Personen konnte die Rega pro Flug evakuieren. Die Armeeangehörigen wurden zunächst auf den Rottalsattel gebracht, ehe sie in zwei Flügen nach Lauterbrunnen gebracht wurden. Kenner: «Die Rettungsaktion dauerte ungefähr zwei Stunden.» Zur Zeit würden die Überlebenden psychologisch betreut.

Wie der Einsatzleiter der Rettungsstation Lauterbrunnen, Rene Feuz, auf Anfrage der AP bestätigte, befanden sich die Bergsteiger in zwei Dreierseilschaften auf der Normalroute für den Aufstieg zur 4158 Meter hohen Jungfrau. Auf einer Höhe von rund 3800 Metern über Meer habe sich kurz vor 10.00 Uhr vermutlich Neuschnee der vergangenen Tage gelöst und die beiden Seilschaften mitgerissen. Die sechs Personen seien über eine steile Bergflanke mehrere hundert Meter tief ins Rottal abgestürzt. Alle sechs hätten nur noch tot geborgen werden können.

Die Opfer wurden mit Helikoptern der Rega und Air Glacier aus einem Gebiet geborgen, das zu Fuss nicht zugänglich ist, und auf dem Heliport Lauterbrunnen gebracht, wie Feuz in einem Interview von «Radio 24» weiter sagte. Weitere Bergsteiger, die Richtung Jungfrau unterwegs waren, wurden vorsorglich evakuiert. Von ihnen sei niemand verletzt worden, sagte der Einsatzleiter. Er sprach von einem sehr schlimmen Unfall, wie er ihn noch nie erlebt habe.

Die sechs Opfer stammen alle aus der Westschweiz. Vier stammen aus dem Kanton Wallis, je einer aus den Kantonen Waadt und Freiburg.

Bei den Getöteten handelt es sich um fünf Rekruten und einen Wachtmeister, wie Fred Heer, stellvertretender Chef Heer der Armee auf Anfrage sagte.
Sie absolvierten die Gebirgsspezialisten-RS in Andermatt UR.

Unverständnis über Aufstieg

Der Chef der Rottalhütte kann nicht nachvollziehen, dass Armeeangehörige in Richtung Jungfrau unterwegs waren. Die Bedingungen seien schwierig. Der Unfallort ist eine Stelle, an der sich schon viele Unfälle ereigneten.

Ob ein Aufstieg vertretbar sei, müsse aber immer vor Ort entschieden werden, sagte Hüttenchef Hans Möhl der Nachrichtenagentur SDA. Möhl befindet sich derzeit im Tal, nicht in der nur am Wochenende offenen Rottalhütte. Die Bedingungen seien schwierig, weil es zuletzt recht stark geschneit habe.

Auch letztes Jahr habe sich am Rottalsattel auf rund 3800 Metern über Meer ein tödlicher Unfall ereignet, sagte Hans Möhl weiter. Die Leichen der drei Getöteten befänden sich immer noch am Berg.

Möhl ist sicher, dass sich der Unfall vom Donnerstag an der gleichen Stelle wie letztes Jahr ereignete: Nur dort verlaufe die Normalroute in Richtung Jungfrau auf der Südseite. Es handle sich um eine berüchtigte Stelle, an der zwischen 1966 und 1981 25 Personen ums Leben gekommen seien.

In der Folge habe man beschlossen, die Stelle mit Stangen zu sichern. In den letzten Jahren hätten sich wegen dieser Sicherheitsmassnahme weniger Unfälle ereignet. Es seien aber dennoch fast jedes Jahr Bergsteiger dort ums Leben gekommen.

«Kein Risikojob»

Die an der Jungfrau verunglückten Armeeangehörigen haben nach Auffassung von Divisionär Fred Heer keinen Risikojob gemacht. Auf der Übung für die Führung einer Seilschaft hätten sie getan, «was tausende in unseren Bergen machen».

Die angehenden Gebirgsspezialisten seien auf der Normalroute zur Jungfrau unterwegs gewesen, sagte der Stellvertreter des Kommandanten Heer im «Echo der Zeit» von Schweizer Radio DRS.

So wie er es heute beurteile, seien sie dabei kein zu grosses Risiko eingegangen. Es sei vermessen, vom Boden aus zu beurteilen, ob die Lage für die Übung zu gefährlich gewesen sei oder nicht. Dies müsse nun die militärgerichtliche Untersuchung zeigen.

Es sei auch nicht so, dass die Rekruten von ihren Ausbildnern im Stich gelassen worden seien. Sie hätten sich am Ende ihrer Ausbildung befunden und seien deshalb in der Lage, eine Seilschaft selbst zu führen. Die Coaches, die den Aufstieg begleitet hätten, hätten die Arbeit der Seilschaften zu beurteilen, sagte Heer.

Samuel Schmid: «Worte wirken in solchen Momenten leer»

Verteidigungsminister Samuel Schmid hat am frühen Donnerstagabend seine grosse Bestürzung über das Lawinenglück im Jungfraugebiet ausgedrückt. Im Namen des Bundesrates, vorab auch der Bundespräsidentin, spreche er den Angehörigen der sechs Opfer «unser tief empfundenes Beileid» aus, sagte Schmid vor den Medien in Bern. «Worte wirken in solchen Momenten leer», so Schmid. «Dennoch sollen sie unser Mitgefühl und unsere Verbundenheit zum Ausdruck bringen. So sind in diesen Momenten unsere Gedanken bei den Angehörigen, Freunden und Dienstkollegen der jungen Opfer.»

Das Unglück an der Jungfrau ist der schlimmste Armee- Unfall in der Schweiz seit 1992. Bei der Explosion eines Munitionsdepots im Sustengebiet starben damals sechs Personen. Die meisten Unfälle der Armee betreffen Flugzeuge und Helikopter.

Im Unfallgebiet herrschte erhöhte Lawinengefahr

Im Jungfraugebiet herrschte am Donnerstag eine erhöhte Lawinengefahr. Allein seit Montag gab es am westlichen Alpennordhang in der Höhenlage um 3800 Meter rund 50 Zentimeter Neuschnee.

Weil im Sommer keine entsprechenden Erhebungen gemacht würden, könne für das Jungfraugebiet zur Zeit keine konkrete Gefahrenstufe der Lawinengefährdung gemacht werden, sagte auf Anfrage Thomas Stucki vom Eidgenössischen Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos (SLF).

Auf Grund der Neuschneemengen sei aber «von einer erhöhten Lawinengefahr» auszugehen. Ob die Routenwahl der verunglückten Soldaten zum entsprechenden Zeitpunkt allenfalls zu gefährlich gewesen sei, könne nur auf Grund der konkreten örtlichen Gegebenheiten beurteilt werden.

Eine Lawinenwarnung publizierte das SLF nicht, wie Stucki weiter sagte. Üblich sei dies im Hochsommer nur bei ausserordentlich hohen Schneemengen bis an die Waldgrenze. Eine solche Situation sei jedoch nicht vorgelegen.

Zur Unglückzeit herrschte im Unfallgebiet schönes Wetter bei einer Temperatur von minus sieben Grad. Rein vom Wetter her seien diese Bedingungen problemlos, sagte Christophe Voisard, Prognostiker von MeteoSchweiz, auf Anfrage.

(ap)