Sexualerziehung bei den Kleinsten

04. Juni 2018 19:30; Akt: 04.06.2018 19:30 Print

«Kindergärtler sollen überall aufgeklärt werden»

von Simon Ulrich - Beratungsstellen klären pro Jahr 4000 Kindergärtler auf. Wegen guter Erfahrungen wollen sie die Frühaufklärung ausbauen. Die Gegner befürchten, dass die Kinder traumatisiert werden.

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Sexueller Aufklärungsunterricht in einem Bündner Kindergarten. Buben und Mädchen erhalten je ein Blatt Papier mit einer Körpersilhouette. Mit grünen und roten Punkten markieren sie Stellen, an denen sie gerne berührt werden – und wo nicht. Im Anschluss thront jedes Kind einmal mit Krone auf dem Stuhl, während ein anderes ihm entgegentritt. Der König bestimmt, wie weit sich sein Gegenüber ihm nähern darf, und ob und wo er angefasst werden will.

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Sollen Kinder schon im Kindergarten sexuell aufgeklärt werden?

«Die Kinder sollen lernen, ihre eigenen und die Grenzen der anderen wahrzunehmen und diese gegebenenfalls zu verteidigen», sagt Ruth Niederreiter von der Fachstelle Adebar in Chur. Die Motivation der Kleinen bei den beschriebenen Übungen sei jeweils hoch. Gerade bei den Kindergärten sei das Interesse an den Programmen der Fachstelle immens. «Im Moment sind wir ausgebucht und können keine weiteren Anfragen annehmen.»

4000 Vier- bis Sechsjährige aufgeklärt

Landesweit wurden im Jahr 2016 rund 4000 Kindergärtler allein von Beratungsstellen sexuell aufgeklärt, wie ein kürzlich veröffentlichtes Monitoring der Stiftung Sexuelle Gesundheit Schweiz (SGCH) zeigt. Christine Sieber, Projektleiterin des Monitorings, spricht von einer «äusserst niedrigen Zahl». Der Grund sei, dass bislang nur wenige Kantone ein Mandat für die Sexualerziehung im Kindergarten erlassen hätten. Über die einzelnen Fachstellen hat SGCH derzeit Angebote in den Kantonen Wallis, Graubünden, Freiburg und Thurgau.

Wegen der positiven Erfahrungen gehen die Sexualpädagogen nun in die Offensive: «Kindergarten-Kinder müssen in allen Kantonen sexuell aufgeklärt werden», fordert Sieber. Denn Übungen wie die eingangs beschriebenen würden ihnen dabei helfen, Gefahrensituationen zu erkennen und sie darin bestärken, Nein zu sagen. «Die Kinder können sich so besser vor sexuellen Übergriffen schützen», so die ausgebildete Sexualpädagogin.

«Angstzustände und Schlafstörungen sind mögliche Folgen»

Ganz anders sehen das die Mitglieder des Vereins Schutzinitiative, der Sexualkunde vor dem neunten Lebensjahr ablehnt. Sie stossen sich an den eingangs erwähnten Beispielen mit den Körpersilhouetten und dem Königsspiel. Laut der SVP-Nationalrätin und ausgebildeten Kindergärtnerin Verena Herzog muss verhindert werden, dass solche Angebote ausgebaut werden: «Mit solchen Übungen greift man in die Intimsphäre der Kinder ein und verletzt ihre Schamgefühle.» Dies könne zu emotionaler Verunsicherungen, Angstzuständen oder gar Schlafstörungen führen.

Durch die Einmischung des Staates, so Herzog, fühlten sich manche Mütter und Väter entmündigt. «Sexualaufklärung im Kindergarten stellt einen massiven Eingriff in den Erziehungsauftrag der Eltern dar.»

Auch Parteikollege Sebastian Frehner sagt: «Grundsätzlich habe ich zwar nichts gegen eine Aufklärungskampagne gegen sexuelle Gewalt und Missbrauch schon im Kindergarten», sagt er. Ihn störe es aber, wenn diese Aufklärung nicht altersgerecht erfolge – wie beispielsweise in Basel. «Für vierjährige Kinder war eine Übung vorgesehen, in der ein Tuch über ein Kind gelegt wurde und die anderen Kinder die Geschlechtsorgane des zugedeckten Kindes abtasten konnten – was für eine Sauerei!»

Lob aus kritischen Kreisen

Für Ruth Niederreiter sind solche Argumente nicht nachvollziehbar. «Sie zeugen von einer Ethik, die auf Angst basiert.» Gerade auf die Zusammenarbeit mit den Eltern lege man viel Wert: «Bevor wir mit dem sexualpädagogischen Unterricht beginnen, werden sie an einem Elternabend genaustens über die Inhalte informiert.»

Die Rückmeldungen aus den vergangenen Jahren seien durchwegs positiv gewesen, noch nie hätten sich Eltern über traumatisierte Kinder beschwert. Niederreiter: «Sogar aus kritischen Kreisen erhielten wir nach einer Eltern-Informationsveranstaltung Lob für unsere Arbeit.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Der SeheR am 04.06.2018 19:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nein

    Keine Frage, das ist alleine Sache der Eltern. Die kennen ihre Kinder und Wissen wann der RICHTIGE Zeitpunkt gekommen ist.

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  • A. Huxley am 04.06.2018 19:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    brave new world

    ...und am Ende geben wir unsere Kinder nach der Geburt ab an den Staat und seine Sexperten... Die schöne neue Welt von Huxley ist nicht mehr fern.

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  • Kindergärtnerin am 04.06.2018 19:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Warum wird alles in die Schule delegiert?

    Oh bitte, lasst das die Eltern im vertrauten zu Hause machen!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • qwertz am 05.06.2018 09:15 Report Diesen Beitrag melden

    Warum in der Schule?

    weil es Eltern gibt die ihre Kinder nicht oder ungenügend aufklären, sei es aus Scham oder kulturell bedingten Gründen, wes auch immer. Deshalb hat die Schule auch eine Verantwortung diesbezüglich. Ist schon richtig so.

  • Oliver R. am 05.06.2018 09:14 Report Diesen Beitrag melden

    Das ist doch pervers

    Hört auf kleine Kinder mit Sexualdingen zu belästigen. Nein sagen zu lernen reicht aus, damit sich ein Kind wehren kann. Das wäre gescheiter in Kindergärten zu vermitteln. Warum wird das nicht getan, und statt dessen über Sexualität geredet?

  • Nicht mit Mir am 05.06.2018 09:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Frechheit vom Staat

    ich als Vater kenne wohl meine 5 jährige Tochter besser als all die möchtegern Experten.

  • Jan am 05.06.2018 08:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Eltern

    Dies ist die Aufgabe der Eltern!!!

  • Zeitzeuge am 05.06.2018 08:58 Report Diesen Beitrag melden

    Jedes einzelne Leben zählt

    Intervention im Bereich der Würde ist heikel. Die Auswirkungen von Verletzungen belasten Betroffene und die Gesellschaft, und können folgende Generationen prägen. Aber ja, in Machtstrukturen mag man devote Mitläufer besser als Menschen, die Ihre Grenzen mit einem klaren NEIN signalisieren.