Gefährliche Zebrastreifen

19. Dezember 2011 17:49; Akt: 19.12.2011 22:07 Print

5 Tote in drei Wochen - «Politik soll handeln»

von Jessica Pfister - Die Polizei reagiert auf die zahlreichen Zebrastreifen-Unfälle mit mehr Kontrollen und Bussen. Die Politiker streiten sich darüber, ob diese Bussengelder für sichere Zebrastreifen eingesetzt werden sollen.

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Der jüngste Unfall bei einem Fussgängerstreifen ereignete sich am Samstagnachmittag in Täuffelen (BE). Ein 34-jähriger Familienvater kam dabei ums Leben. (Bild: newspictures)

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Die Unfallserie auf Zebrastreifen will nicht abreissen. Allein am vergangenen Wochenende starben in der Schweiz zwei Personen nach Fussgängerunfällen auf oder gleich neben dem Fussgängerstreifen - drei weitere wurden schwer verletzt. Seit Anfang Dezember sind nun über 35 Menschen auf Zebrastreifen angefahren worden. Traurige Bilanz: 5 Tote und zahlreiche Verletzte. Damit ist die Zahl der Todesopfer höher als in vergleichbaren Wintermonaten. Ein kürzlich erstellter Vergleich der Beratungsstelle für Unfallverhütung bfu, der 20 Minuten Online vorliegt, zeigt: Von 2000 bis 2010 ist in den Monaten Dezember, Januar und Februar eine Person pro Woche nach Unfällen auf dem Zebrastreifen ums Leben gekommen.

Nachdem die Kantonspolizei Bern bereits im November mit vermehrten Kontrollen auf die Zunahme von Zebrastreifen-Unfällen reagiert hat, zog am Montag die Kantonspolizei Zürich nach. Sie will nicht nur die Autofahrer an Fussgängerstreifen vermehrt kontrollieren und allenfalls büssen, sondern auch die Unfallorte genau unter die Lupe nehmen und wo nötig die Beleuchtungsverhältnisse verbessern. «Allerdings ermahnen wir auch die Fussgänger, den Kopf im Verkehr mehr bei der Sache zu haben», sagt Verkehrspolizei-Chef Uely Zoelly.

«Polizei nimmt Entwicklung ernst»

Die Strassenopferstiftung Roadcross wertet die Bemühungen der Polizei als positives Signal. «Sie zeigen, dass die momentane Entwicklung von der Polizei ernst genommen wird», sagt Mediensprecher Silvan Granig. Gleichzeitig appelliert Roadcross an die Politik, die Fussgängersicherheit nicht länger links liegen zu lassen. «Es braucht dringend eine Aufrüstung, beziehungsweise Entschärfung gefährlicher Fussgängerstreifen.»

Eine Sanierung der 22 000 Fussgängerstreifen, die in der Schweiz nicht den Sicherheitsnormen entsprechen, hat SP-Nationalrat Matthias Aebischer ins Visier genommen. Voraussichtlich am Dienstag behandelt der Nationalrat im Rahmen des Verkehrssicherheitsprogramms Via Sicura seinen Antrag, alle gefährlichen Zebrastreifen bis 2018 zu sanieren. «Es kann doch nicht sein, dass zuerst Menschen sterben müssen, damit ein Fussgängerstreifen erneuert wird», sagt Aebischer. Für alle baulichen Massnahmen wie Mittelinseln oder Beleuchtungen rechnet der SP-Nationalrat mit 200 Millionen Franken - das Geld dafür sollen die Kantone aus dem Bussentopf schöpfen können.

Kantone sollen frei entscheiden

Diese Finanzierungsart passt CVP-Nationalrat Martin Candinas allerdings nicht. «Ich finde es gefährlich, Gelder plötzlich zweckgebunden für nur einen Bereich einzusetzen», sagt er. Die Verkehrssicherheit sei sicher wichtig, doch die Kantone sollen weiter frei über die Bussengelder verfügen können.

Die Nationalräte Markus Hutter (FDP), Ulrich Giezendanner (SVP) und Franzsika Teuscher (Grüne) schielen zwar auch auf den Bussentopf, wollen die Gelder jedoch nicht nur für Zebrastreifen einsetzen. «Der Fokus wäre einfach zu eng», sagt Teuscher. Sie und ihre zwei Kollegen der Verkehrskommission schlagen deshalb vor, ein Viertel des Bussengelds allgemein für die Verkehrssicherheit einzusetzen - dazu gehört die Infrastruktur der Zebrastreifen genauso, wie Polizeikontrollen oder Prävention. «Damit stellen wir sicher, dass auch nach der Sanierung der Zebrasstreifen Geld in die Verkehrssicherheit fliesst», so Teuscher.

Unterstützung erhält Aebischer hingegen von SVP-Nationalrat Walter Wobmann. «Bussengelder müssen gezielt eingesetzt werden und bei den Fussgängerstreifen ist der Handlungsbedarf am grössten», sagt er. Hier habe man im Gegensatz zu anderen Ländern verpasst, sich früher für die Verkehrssicherheit zu engagieren.

Paradebeispiel Holland

Rein an den Unfallzahlen gemessen, scheinen andere europäische Länder tatsächlich mehr in die Verkehrssicherheit investiert zu haben. Allen voran Holland. Während in der Schweiz über die letzten Jahre gerechnet auf eine Million Einwohner zehn Fussgänger pro Jahr getötet wurden, waren es in den Niederlanden bloss vier. Christine Steinmann, Projektleiterin Verkehrssicherheit beim Verkehrsclub der Schweiz (VCS), führt dies darauf zurück, dass in Holland die Verkehrssicherheit allgemein einen höheren Stellenwert hat als in der Schweiz. «Die ganze Gesellschaft in den Niederlanden stuft Verkehrssicherheit als wichtig ein.»

Für Thomas Schweizer, Geschäftsleiter Fussverkehr Schweiz haben die tieferen Unfallzahlen vor allem mit den Tempo-30-Zonen zu tun. «Gerade Holland hat die Zahl der Tempo-30-Zonen in den letzten Jahren stark erhöht.» Ausserdem setze sie auch auf Hauptachsen sogenannt vertikale Versätze ein. Damit sind Rampen und Schwellen auf Strassen gemeint, die für alle Verkehrsteilnehmenden ein spürbarer Hinweis sind, vorsichtig zu sein. In der Schweiz seien solche Verkehrsberuhigungselemente auf Hauptachsen bisher leider kein Thema. «Ich bin überzeugt, dass solche Massnahmen und vor allem Tempo 30 zwei von drei Unfällen auf Zebrastreifen verhindern können.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Walter Oberer am 19.12.2011 22:34 Report Diesen Beitrag melden

    Überholen obschon man anhält

    Ich wurde schon mehrmals überholt, als ich vor einem Fussgängerstreifen anhielt um jemand über die Strasse zu lassen! Es ist fatal, wie Lenker manchmal "schlafen"!

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  • Soru am 19.12.2011 20:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ein ewiges tamtam!

    Bin selber autofahrer & fussgänger. Die situation ist doch die; jeder tote ist einer zuviel! Auf beiden seiten gibts idioten, da braucht man nicht partei ergreifen, oder neue regeln, ein wenig den kopf gebrauchen und das problem ist schonmal halbiert. Anderen pauschal die schuldzuweisen ist denke ich nicht gerade produktiv

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  • D. Eino am 19.12.2011 19:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mehr Schwellen und Rampen?

    Dann werden sich noch mehr Leute einen SUV/Offroader kaufen um nicht im Kleinwagen durchgerüttelt zu werden. Mich, obwohl gegen meine Überzeugung, eingeschlossen!

Die neusten Leser-Kommentare

  • M der T am 20.12.2011 11:51 Report Diesen Beitrag melden

    Statistiken

    Habt ihr schon mal Statistiken über die Verkehrsunfälle (mit und ohne Tote) in der Schweiz angeschaut? Diese weichen keinen Millimeter von den jetztigen Ereignissen ab. Sprich, die Unfälle halten sich an die Statistiken der letzten Jahre und sind somit nicht aussergewöhnlicher als sonst. 2010 z.B. gab es 313 Tote nach Verkehrsunfällen (Fussgänger inbegriffen). Das ist fast jeden Tag einer! Damals wurde in der Zeitung auch nicht so intensiv darüber berichtet. Immerhin wird uns mal vor Augen geführt, wie oft so tragische Unfälle passieren.

  • Walter-R am 20.12.2011 04:27 Report Diesen Beitrag melden

    Auch Fussgänger sind Verkehrsteilnehmer.

    Wieviele Unfälle auf Fussgängerstreifen müssen noch geschehen, bis die zuständigen Behörden endlich reagieren und die geltende, vollkommen schwachsinnige Vortrittsregelung endlich abschaffen und durch die frühere Regelung ersetzen, in der auch Fussgänger als Verkehrsteilnemer nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten haben wie Handzeichen geben, anstatt, in der Überzeugung, uneingeschränkten Vortritt zu haben, wie aufgeschreckte Hühner über die Strasse zu laufen ohne auf den Vekehr zu achten. Auch Fussgängern kann zugemutet werden, auch einmal kurz zu warten, bis das Überqueren sicher ist.

  • Silvio am 20.12.2011 01:07 Report Diesen Beitrag melden

    Augen auf Ohren auf !!!

    Fussgänger Vortritt abschaffen und das Problem ist gelöst!

    • to silvio and back am 20.12.2011 13:37 Report Diesen Beitrag melden

      Oder umgekehrt

      Einen Stop vor jedem Fussgängerstreifen würde das Problem natürlich auch lösen!

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  • Daniel Meister am 20.12.2011 00:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vortritt erzwingen ist gefährlich...

    Wenn fussgänger ohne zu schauen einfach loslaufen, nur weil sie ja vortritt haben, sind solche unfälle programmiert! Sie mögen wohl recht haben, aber unter einem auto nützt das auch nicht mehr viel...

  • Roland Nägeli am 19.12.2011 23:43 Report Diesen Beitrag melden

    wie bei Motorrädern

    Man sollte wie bei Motorrädern, nur Autos bis 1.0 Liter Hubraum und nicht mehr als 50 Ps für Neulenker unter 25 Jahren zulsassen! Es ist heute auch mit technischen Miteln absolut möglich, Autos zu stutzen (PS)! Und die "Blackbox" sollte sowieso Serienmässig in allen Fahrzeugen eingebaut werden! Bei Rasern "Billet" weg für min. 5 Jahre und anschliessend neuer Führerprüfung! Und schafft endlich das der Fussgänger hat immer Vortritt Gesetz wieder ab! Da lassen sich viele gefährliche Situationen vermeiden. Mein tiefstes Beileid an die Familien beider Seiten.

    • Stefan am 20.12.2011 09:33 Report Diesen Beitrag melden

      Wie wärs mit nachdenken?

      Es ist natürlich so, dass jeder Unfall zuviel ist, aber das Autofahren noch teurer machen? Bin auch dagegen, dass 18 jährige mit 80000 Franken teuren Sportwagen herumfahren, aber wenn sie mal die Preise dieser Autos auf dem Gebrauchtwagenmarkt studiert haben sollten sie wissen, dass dieser Vorschlag nur noch mehr zu Verschuldung der Jungen führt. Unfälle Vermeiden ja, aber auf Kosten der Sozialen Gesundheit? Ist auf jedenfall der falsche Weg.

    • Der Junglenker mit 65ps am 20.12.2011 11:57 Report Diesen Beitrag melden

      Was soll das nützen?

      Auch mit 50ps und einer Blackbox kann man einen Fussgänger töten... Goldene Regeln für Fussgänger: Schauen, hören, schauen, gehen. Goldene Regeln für Autofahrer: Schauen, erhöhte Bremsbereitschaft innerorts, angemessenes Temp, noch genauer schauen, Rücksicht, Vorsicht, Voraussicht!

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