Milliardenkosten

18. August 2014 08:01; Akt: 18.08.2014 08:33 Print

50'000 Hausfrauen haben ein Studium gemacht

von Désirée Pomper - Nicht jede Akademikerin will Karriere machen: In der Schweiz gibt es 50'000 Hausfrauen, die studiert haben. Das kostet Kantone und Bund über 5,5 Milliarden Franken.

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Nach der Matur stürzt sich Annina mit vollem Elan in ihr Studium. Sie entscheidet sich für das Studium der Politikwissenschaften, das sie nach fünf Jahren mit Bravour abschliesst. Vier Jahre arbeitet die junge Frau beim Bund. Dann wird sie schwanger. Für Annina ist klar: Sie will ganz für ihr Kind da sein. Fremdbetreuung ist ihr ein Gräuel und ausserdem auch ziemlich teuer. Also kündigt sie ihre Stelle und entscheidet sich für das Hausfrauendasein.

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Sollen Frauen mit einem Hochschulabschluss als Hausfrau tätig sein?
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Das Beispiel der studierten Hausfrau Annina ist fiktiv. Aber kein Einzelfall. 2013 gab es in der Schweiz 50'000 Hausfrauen, die an einer Hochschule studiert oder eine höhere Berufsbildung absolviert haben. 2011 waren es gar 58'000. 2003 waren es noch 32'000. Während die Anzahl studierter Hausfrauen in den letzten zehn Jahren angestiegen ist, sank die Anzahl aller Hausfrauen in der Schweiz von 317'000 auf 226'000. Das zeigen die Zahlen des Bundesamtes für Statistik BFS (siehe Grafik).

Finanziert wird ein Hochschulstudium von den Kantonen und vom Bund. Im Durchschnitt liegt der Preis für ein Studium an Universitäten oder Fachhochschulen im Durchschnitt bei 23'000 Franken pro Studienjahr. Ein fünfjähriges Studium kostet folglich im Schnitt 115'000 Franken. Der Aufwand für diese Studierenden wird von Bund, Kantonen und Privaten getragen. Das zeigt eine Berechnung der Industrie- und Handelskammer St. Gallen-Appenzell basierend auf Zahlen des BFS.

Das heisst: Es wurden rund 5,75 Milliarden Franken in die Hochschulausbildung von Frauen investiert, die momentan nicht erwerbstätig sind. Welches Fach diese Frauen studiert haben, wurde nicht untersucht. Man weiss aber, dass auf Masterstufe Frauen gerade in den Fachbereichen Sprachen- und Literaturwissenschaften (75,6%) wie auch Sozialwissenschaften (74,6%) und Geisteswissenschaften (65,6%) überdurchschnittlich stark vertreten sind. An der Pädagogischen Hochschule waren 2010 82% der neuen Studenten Frauen.

«Investitionen nützen der Wirtschaft nichts»

Doch warum entscheiden sich topausgebildete Frauen dafür, ihren Job an den Nagel zu hängen? Was für Folgen hat diese Entwicklung, und welche Massnahmen könnten ergriffen werden? Rudolf Minsch, Chefökonom der Economiesuisse, spricht von einem «miserablen Return of Investment»: «Es werden Milliarden in die Ausbildung von Frauen investiert, die schlussendlich der Wirtschaft nichts nützen.»

Auch wenn sie nach einem Unterbruch wieder ins Berufsleben einstiegen, sinke ihre Produktivität: «Wenn gut ausgebildete Frauen nach mehrjähriger Pause wieder in ihren Beruf einsteigen wollen, müssen sie oft eine Stelle annehmen, die ihrer ursprünglichen Qualifikation gar nicht mehr entspricht.» Diese sogenannte Humankapital-Erosion sei zum Beispiel bei Kaderfrauen oder Informatikerinnen gut feststellbar. Das wiederum schlage sich in tieferen Steuereinnahmen für den Staat nieder.

Ein Grund für diese Entwicklung ist laut Minsch das perverse Anreizsystem: «Es kann vorkommen, dass wenn eine Frau mehr arbeitet, das Netto-Familieneinkommen insgesamt sinkt. Denn mit dem Einkommen steigen auch die Steuern- und Krippenabgaben.» Dabei sollte doch, wer mehr arbeite, auch mehr verdienen.

Wer studieren will, soll zahlen

«Das brachliegende Potenzial in der Wirtschaft sollte genutzt werden», findet auch Kurt Weigelt, Direktor der Industrie- und Handelskammer St. Gallen-Appenzell. Es werde Geld von der Allgemeinheit investiert, das aber nie mehr der Allgemeinheit zu Gute komme.

Seiner Meinung nach würde ein kostenpflichtiges Studium die Selbstverantwortung erhöhen: «Wenn ein Studium fast gratis ist, dann tut es auch nicht weh, nach vier Jahren im Berufsleben den Job an den Nagel zu hängen. Muss man dagegen zahlen, dann überlegt sich eine Frau zweimal, ob sie ihren Job – in den sie auch finanziell viel investiert hat – aufgeben und Hausfrau werden will.» Deshalb fordert Weigelt eine nachlaufende Studiengebühr, wonach Studenten nach Abschluss oder Abbruch des Studiums ihre Studiengebühren zurückzahlen müssten.

Tiefere Krippenkosten für Karrierefrauen

«Mit diesen gut ausgebildeten Frauen, die aufhören zu arbeiten, verliert die Schweiz hochqualifizierte Arbeitskräfte», sagt Christina Felfe, Assistenzprofessorin an der HSG mit Fachgebiet Bildungsökonomie. Das ungenützte Potenzial an Müttern sei ein grosses Problem. «Frauen in der Schweiz bleiben unabhängig von ihrem Ausbildungsstandard zu Hause, sobald sie ein Kind bekommen.»

Grund dafür seien die horrenden Krippenkosten. Gutverdiener profitieren nicht von Subventionen. 2500 Franken kostet ein Platz pro Monat. «Vor allem für Frauen mit einem hohen Einkommen lohnt sich arbeiten gar nicht mehr.» Felfe ist überzeugt: «Dem Staat würde mit der Krippensubventionierung langfristig weniger Geld verloren gehen, als wenn er die klugen Hausfrauen am Herd lässt.»


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Patrick Hauser am 18.08.2014 08:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ist kindererziehung wertlos?

    wieviele brechen das studium ab. wieviele wandern aus. wieviele ausländer studieren hier.....eine kurzfristig finanzielle betrachtung ist sehr fehl am platz. frauen mit kindern und studium: die ausbildung (auch lehre etc.) kommt immer den kindern und somit der zukunft zugute. wem das nicht reicht, vielleicht arbeiten diese frauen in vereinen, in der schule oder gemeinde aktiv mit, pflegen verwandte.....und wenn die kinder grösser/älter sind, steigen diese 'teuren' frauen meist wieder in die bezahlte arbeitswelt ein. wenn nicht leisten sie sehr wertvolle arbeiten in vereinen...etc.. zufrieden? gute betreuung kostet halt. dafür werden sehr teure folgekosten vermieden....

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  • kiosk am 18.08.2014 08:31 Report Diesen Beitrag melden

    Günstige Bildung schlecht?

    Ich denke es gibt deutlich dümmere Investitionen als die Bildung der eigenen Bürger, auch wenn diese nicht zu 100% der Wirtschaft zugute kommen. Unser Bildungssystem auf den höheren Stufen finde ich äusserst vorbildlich, jeder der einen Lehrabschluss hat kann via BMS ein Hochschulstudium machen und sich dieses auch bei Vollzeitpensum mit Wochenend-/Abendjobs anständig finanzieren. Aber schön zu wissen dass gewisse Leute amerikanische Verhältnisse für besser halten, wo jeder Studienabgänger erstmal seinen Schuldenberg abarbeiten muss, wenn man nicht das Glück hat aus wohlhabendem Haus zu kommen

  • Zexxtra am 18.08.2014 08:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Jeder soll

    Also meiner Meinung nach, gehören Frauen an den Herd. Sie sollten eine Berufslehre abschliessen (bestenfalls Köchin, Coiffeuse oder Putzfrau) um sich später voll und ganz ihrem Balg zu widmen. Nein nur Spass! Frauen sollten wie auch Männer selber entscheiden was sie aus Ihrer Bildung machen. Intelligente Eltern ergeben oftmals ehrgeizige und erfolgreiche Kinder.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Bärbel am 18.08.2014 20:31 Report Diesen Beitrag melden

    Rette sich wer kann!

    Wow, Economiesuisse und die neoliberalen Wirtschaftsheinis starten eine Charmeoffensive im Stil Ueli Maurers beim Gripen!

  • Sandra am 18.08.2014 19:51 Report Diesen Beitrag melden

    Krippenangestellte subventionieren mit!

    Nicht nur der Staat würde subventionieren. Krippenangestellte tun dies nämlich schon seit langem und werden auch in der Zukunft diejenigen sein, die mitsubventionieren. Mit ihren jämmerlichen Löhnen werden sie nämlich nicht in der Lage sein, ihre eigenen Sprösslinge jemals in eine Krippe zu schicken. Aber Betreuerinnen und Betreuer wissen sowieso meistens selber, wie schlecht die Kinder dort aufgehoben sind, weil die Krippen im allgemeinen viel zu knapp an Arbeitskäften sind und zu viele unerfahrene Praktikanten eingesetzt werden. Mit wenigen Ausnahmen.

  • Lars am 18.08.2014 19:49 Report Diesen Beitrag melden

    Den Fünfer + Weggli darf es nicht geben

    Selbstverantwortung ist gefragt. Auf Kosten des Steuerzahlers zu Leben liegt leider in der heutigen Finanz- und Wirtschafts-Krise nicht mehr drin - und wär nicht genug Jahre in die AHV-Kasse einbezahlt sollte auch weniger im Alter bekommen - so einfach ist die Sache.

  • kafwkfb am 18.08.2014 19:38 Report Diesen Beitrag melden

    Viele andere Sparmöglichkeiten!

    wenn die SVP so sehr sparen will, können sie doch die Bauernsubventionen oder das Militär ein bisschen kürzen

  • Michael Palomino Ale am 18.08.2014 19:38 Report Diesen Beitrag melden

    Gebildete Mamis sind Gold Wert

    Tja, wo ist die Kinderkrippe im Bundeshaus? - Und gebildete Mamis sind Gold Wert, können bei den Hausaufgaben sehr effizient helfen oder sogar Nachhilfe geben. Sehen das die Journalisten nicht? Man muss doch nur etwas machen mit der Intelligenz, und dann machen es die Kinder nach.

    • Shimu Trachsel am 18.08.2014 21:07 Report Diesen Beitrag melden

      Ach so...

      Nur wer an der Uni war ist intelligent und alle Anderen sind Dösköpfe, die ihren Kindern nichts beibringen können? Man braucht sicher ein Jurastudium, um seine Kinder beim rechnen, lesen, schreiben zu unterstützen und z.B. die Natur näher zu bringen. Natürlich hilft so ein Jus-Studium auch, um mit dem Junior ein Baumhaus zu bauen, das Fahrrad zu reparieren und zu erklären, wie ein Benzinmotor funktioniert. Aber eben... Einbildung ist auch eine Art Bildung.

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