Sexuelle Gewalt

22. Mai 2019 04:42; Akt: 22.05.2019 04:42 Print

Jede zweite Frau wurde im ÖV schon mal belästigt

46 Prozent der Frauen erlebten im Zug oder Tram sexuelle Belästigung. Eine Expertin rät Frauen, im Zug lautstark auf Grapscher aufmerksam zu machen.

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Insbesondere junge Frauen gaben an, im öffentlichen Verkehr von sexueller Belästigung betroffen zu sein. Im Vergleich zu den älteren Kategorien (beide 41 Prozent) stehen die 16- bis 39-Jährigen mit über 50 Prozent an der Spitze. Nach der Strasse (56 Prozent) folgt ... ... der öffentliche Verkehr als zweitgrösster Hotspot für unangemessene Verhaltensweisen gegenüber dem weiblichen Geschlecht. Vertreterinnen von Opferberatungsstellen bestätigen das Phänomen. «Im ÖV sind Frauen oft unangenehmen Blicken, Bemerkungen und zufälligen Berührungen von Männern ausgesetzt», sagt Corina Elmer, Geschäftsführerin der Opferberatungsstelle Frauenberatung sexuelle Gewalt. «Junge Frauen fühlen sich oft belästigt, wenn betrunkene Männer sie offensiv anmachen und ihre Grenzen nicht respektieren», sagt Elmer. Bereits heute schrecke die Videoüberwachung viele Täter ab, sagt Lucie Waser, Gleichstellungsbeauftragte bei der Gewerkschaft des Verkehrspersonals (SEV). «Es würde jedoch helfen, eine Kampagne in der Schweiz zu starten. Dadurch werden andere Fahrgäste sensibilisiert und schalten sich eher ein, wenn etwas sein sollte.» «Ich habe jedoch die Vermutung, dass solche Vorfälle meist in Zügen passieren, die nicht begleitet werden», erklärt Waser. «Ist jemand unbelehrbar, darf man ihn ruhig auch laut werden und auf sich oder den Grapscher aufmerksam machen», rät Elmer. So könne man etwa durch den Wagen rufen: «Das ist ein Grapscher!» In ein Schema lassen sich die Opfer sexueller Belästigung nicht pressen. «Sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt kann alle Frauen aus allen sozialen Schichten, Altersklassen und Wohnorten betreffen», hält Agota Lavoyer von der Opferberatungsstelle Lantana fest.

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Der grösste Teil der sexuellen Belästigung an Frauen spielt sich im öffentlichen Raum ab. Nach der Strasse (56 Prozent) folgt der öffentliche Verkehr als zweitgrösster Hotspot für unangemessene Verhaltensweisen gegenüber dem weiblichen Geschlecht. 46 Prozent – oder jede zweite Frau – wurden laut einer neuen Studie des GFS Bern dort schon sexuell belästigt.

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Insbesondere junge Frauen gaben an, betroffen zu sein. Im Vergleich zu den älteren Kategorien (beide 41 Prozent) stehen die 16- bis 39-Jährigen mit über 50 Prozent an der Spitze.

«Berührungen und anzügliche Bemerkungen»

Vertreterinnen von Opferberatungsstellen bestätigen das Phänomen. «Im ÖV sind Frauen oft unangenehmen Blicken, Bemerkungen und zufälligen Berührungen von Männern ausgesetzt», sagt Corina Elmer, Geschäftsführerin der Opferberatungsstelle Frauenberatung sexuelle Gewalt. Sie beobachte oft im Zug oder Tram entsprechende Szenen.

Elmer: «Zum Beispiel setzen sich einige Männer zielstrebig zu vor allem jungen Frauen. Andere suchen die Berührung mit dem Knie der Pendlerin oder machen anzügliche Bemerkungen.» Es gebe auch Männer, die vermeintlich zufällig die Brust oder den Po einer Frau berührten.

«Belästigt durch Menspreading»

Insbesondere im Nachtleben kommt es laut Elmer zu Grenzüberschreitungen. «Junge Frauen fühlen sich oft belästigt, wenn betrunkene Männer sie offensiv anmachen und ihre Grenzen nicht respektieren.» Viele Pendlerinnen würden aber auch belästigt, wenn sich ein Passagier breitbeinig hinsetze. «Das sogenannte Menspreading wird als unangenehm wahrgenommen, weil der Mann dabei sehr viel Raum einnimmt und es so oft zu ungewolltem Körperkontakt zwischen ihm und einer Passagierin kommt.»

Auch Lucie Waser, Gleichstellungsbeauftragte bei der Gewerkschaft des Verkehrspersonals (SEV), weiss: «Dass es in öffentlichen Verkehrsmitteln immer wieder zu sexuellen Belästigungen an Frauen kommt, ist den verschiedenen Organisationen bereits seit einer Weile bekannt. Bisher beruht aber alles nur auf Hören-Sagen und Beobachtungen. Es gibt keine wissenschaftlichen Daten, wir bewegen uns in einem Graubereich.» Die aktuelle Studie der GFS Bern sei nicht differenziert genug. Es sei dringend nötig, dass eine detaillierte Kundenbefragung stattfinde.

Doppelt begleitete Züge seien wichtig

«Ich habe jedoch die Vermutung, dass solche Vorfälle meist in Zügen passieren, die nicht begleitet werden», erklärt Waser. Deshalb sei es dem SEV wichtig, dass die Züge immer doppelt begleitet würden. «Dadurch können sich die Frauen sicherer fühlen.»

Bereits heute schreckt die Videoüberwachung laut Waser viele Täter ab. «Es würde jedoch helfen, eine Kampagne in der Schweiz zu starten. Dadurch werden andere Fahrgäste sensibilisiert und schalten sich eher ein, wenn etwas sein sollte», sagt Waser. «Ausserdem ist der Einsatz der Bahnpolizei, Securitrans und Securitas vor allem in der Nacht immer wichtiger geworden. Das wird sicher zunehmend, beziehungsweise flächendeckender gebraucht werden gerade auch in den Bahnhöfen und Wartebereichen.»

Betroffene sollten klare Ansage machen

Hat ein Passagier seine Grenzen überschritten, rät Corina Elmer Frauen zu einer klaren Ansage. Am besten sei, den betreffenden Mann zu bitten, damit aufzuhören. «Ist jemand unbelehrbar, darf man ruhig auch laut werden und auf sich oder den Grapscher aufmerksam machen.» So könne man etwa durch den Wagen rufen: «Das ist ein Grapscher!» Zeige eine Frau Mühe, sich gegen die Belästigung zu wehren, sollten die Zeugen der Szene Zivilcourage zeigen und den Mann auffordern, die Frau in Ruhe zu lassen.

In ein Schema lassen sich die Opfer sexueller Belästigung nicht pressen. «Sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt kann alle Frauen aus allen sozialen Schichten, Altersklassen und Wohnorten betreffen», hält Agota Lavoyer von der Opferberatungsstelle Lantana fest. Im Fall von Belästigungen sei es falsch, zu fragen, warum sich die Frau nicht gewehrt habe. «Die Frage sollte sein: ‹Warum hat es der Täter gemacht?›»

(qll/bz)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • TheRealSchnauz am 22.05.2019 06:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    tja

    Jatte letzes Jahr einer jungen Fame zurückgelächelt, weil sie mich freundlich angeschaut hatte. Danach stand sie auf und sagte ich solle sie nicht belästigen und wechselte das Abteil. Alle Leute haben mich angestarrt. Werde in der Öffentlichkeit definitiv nie wieder eine Frau ansprechen/anschauen. Oftmals wird einfach nur gnadenlos übertrieben.

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  • pigru am 22.05.2019 06:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    unglaublich

    Es ist unglaublich, Ich wurde im ÖV aush schon von mehreren Frauen angeschaut.

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  • Akronymous am 22.05.2019 05:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Anrempeln

    Ist das wie bei der anderen Studie ausgewertet, wenn ja, gilt sogar ein "schubser" als sexuelle Belästigung. Ich denke jeder und jede hat im ÖV schon jemanden ausersehen angerempelt. Sexuelle Belästigung sollte klar definiert werden, sonst pushen sich irgendwelche irrelevante hoch und die echten Taten werden nicht aufgeklärt bzw. noch weniger aufgeklärt.

Die neusten Leser-Kommentare

  • erlika am 23.05.2019 14:36 Report Diesen Beitrag melden

    Ja, es kann passieren.

    Ich hasse einfach, wann jemand mich anfasst. Ich wurde im Betrieb von jüngeren Kollegen ohne meine Willen "freundlich" angefasst. Ich finde, dass es wirklich eine sexuelle Belästigung ist.

  • Anna am 23.05.2019 11:12 Report Diesen Beitrag melden

    Arme Männer

    Man kanns auch Übertreiben, arme Männerwelt, ich finde es als Frau schlimm was Heute alles so abläuft. Frau kann nach 40 Jahren einen Mann verklagen, wenn einer zu fest mich anschaut, könnte es schon sein das es eine Belästigung sein kann, wenn er Witze macht das selbe. Was ist Heute noch Normal?

  • Arn am 23.05.2019 08:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Pendel

    schlägt immer extrem in die andere Richtung aus, nachdem man Ungerechtigkeiten festgemacht hat. Man lerne, dass man einfach nie eine Menschengruppe unterdrücken sollte, da es danach immer zu Überkompensationen kommt.

  • LadyUnicorn am 23.05.2019 01:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Belästigung ist real!

    Aha, jetzt sind alle Männer beleidigte Leberwürste und drehen denn Spiess um und verharmlosen es! Es ist Fakt und Tatsache das Frauen sexuell belästigt werden!!! Das sehe ich im Ausgang sowie auch im Alltag. Vorallem schöne junge Frauen werden belästigt. Auch schon durch aufdringliche Blicke oder hinterherpfeiffen! Einmal habe ich erlebt wie ein ca. 50 jähriger Mann eine junge Frau ca. 17 jahre richtig aufdringlich angemacht hat. und das hat mich angeekelt. Es gibt einen Unterschied wie man eine Frau anspricht. Wenn Männer zu aufdringlich werden und die Frau nur als Sexobjekt sehen fühlen sich viele darin nicht wohl. Man kann eine Frau auch anständig ansprechen und höflich. Klar kann man auch dann einen Korb bekommen aber man hat es wenigstens auf niveauvolle art versucht!! Und mit Körben muss man halt rechnen, auch als Frau!! hmm.. dieser Kommentar wird vielee dislikes bekommen ;) vorallem von Männer die es nicht wahrhaben wollen ;)

  • Es Reicht Langsam! Beate am 22.05.2019 22:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich kenne das ...

    Mir hat im Tram auch schon ein Mann zugelächelt. Es hat auch schon solche gegeben die mir einen Sitzplatz angeboten haben oder die Tür aufgehalten und im Berufsverkehr bin ich sogar schon berührt worden!. Wirklich schlimm die sexuelle Belästigungen dene wir Frauen ausgesetzt sind! Man sollte unbedingt offener darüber sprechen.