Flüchtlingswelle

03. Juli 2014 09:10; Akt: 03.07.2014 18:03 Print

Aktionsplan zur Syrer-Integration gefordert

von J. Büchi - Flüchtlinge aus Eritrea und Syrien kommen in grosser Zahl in die Schweiz. Das Konfliktpotenzial ist bei ihnen laut einem Experten besonders gross – intensive Integrationsbemühungen seien nötig.

Zum Thema
Fehler gesehen?

In der Schweiz wird bald eine grössere Gruppe eritreischer und syrischer Flüchtlinge leben. Aus keinem anderen Land kommen zurzeit auch nur annähernd so viele in die Schweiz (siehe Grafik). Die meisten flüchten über das Mittelmeer vor den Krisen in ihrer Heimat.

Insgesamt werden dieses Jahr laut BFM-Sprecher Martin Reichlin wohl rund 24'000 Personen in der Schweiz Asyl beantragen. Das liege zwar im Rahmen der Prognosen – «allerdings dürfte es sich bei den neuen Gesuchstellern grossmehrheitlich um Menschen handeln, die eine Weile in der Schweiz bleiben werden». Also: Anders als die meisten Flüchtlinge aus Nordafrika oder dem Südbalkan, deren Heimatländer inzwischen als sicher gelten, sind Syrer und Eritreer dringend auf Schutz angewiesen.

Neues Konfliktpotenzial

Diese Situation stelle Bund und Kantone vor viele neue Herausforderungen, sagt Walter Leimgruber, Präsident der Eidgenössischen Kommission für Migrationsfragen. Die kulturellen Differenzen zur Schweizer Lebensweise seien grösser als etwa bei Flüchtlingen aus dem Balkan, «gerade Eritrea hat mit dem Westen praktisch nichts gemein». Das birgt Konfliktpotenzial:

• Familie: In Eritrea und Syrien herrschen andere Familien- und Clanstrukturen sowie Geschlechterrollen vor, Männer sind den Frauen übergeordnet. Das steht in krassem Gegensatz zur individualisierten Gesellschaft und den Rollenerwartungen in der Schweiz.

• Beschneidungen: In Eritrea sind rund 90 Prozent der Frauen beschnitten. In der Schweiz ist diese Genitalverstümmelung verboten.

• Bildung: Das Bildungsniveau der Flüchtlinge ist tief, viele Erwachsene sind Analphabeten. Zudem sind ihre Herkunftsstaaten kaum industrialisiert. Unser Arbeitsmarkt funktioniert nach ihnen komplett fremden Regeln.

• Verbindungen in die Heimat: Im Kosovo-Krieg hatten viele Flüchtlinge schon Verwandte und Bekannte in der Schweiz. Solche Anknüpfungspunkte fehlen weitgehend.

• Psychischer Zustand: Die Menschen aus Syrien und Eritrea sind oft schwer traumatisiert. Zudem haben sie auch kaum Möglichkeiten, etwas über den Verbleib ihrer Angehörigen in der Heimat oder auf der Flucht zu erfahren. Das belastet und mindert die Fähigkeit, sich an einem neuen Ort zu integrieren.

Aktionsplan gefordert

Leimgruber fordert einen Aktionsplan: Bund und Kantone müssten sicherstellen, dass die Flüchtlinge ihr Trauma bewältigen können, schnell die Sprache lernen und in den Arbeitsmarkt integriert werden: «Das Schlimmste, was einer Gesellschaft passieren kann, ist, wenn Flüchtlinge jahrelang herumsitzen – dann droht eine Ghettobildung.»

Die Flüchtlinge müssten sofort darüber informiert werden, wie unsere Gesellschaft funktioniert – und welche Konsequenzen es hat, wenn man sich nicht an die Regeln hält. «Es muss ganz klar sein, dass Beschneidungen in der Schweiz bestraft werden.» Die Frauen unterstütze man am besten, indem man ihnen Bildung und Integration in den Arbeitsmarkt biete.

Leimgruber will, dass sich die Wirtschaft mit flexiblen Lösungen beteiligt. Lehrstellen müssten geschaffen werden, die es auch schlecht Ausgebildeten erlauben, im Arbeitsmarkt Tritt zu fassen. «Es ist in unserem eigenen Interesse, dass nicht massenhaft junge Leute in der Sozialhilfe landen. Dass sie schnell wieder in ihre Heimat zurückkönnen, ist unwahrscheinlich.»