Ausgeschafft

30. März 2011 16:56; Akt: 30.03.2011 16:56 Print

Allein in der Fremde

Der Türke Baris musste die Schweiz verlassen, weil er nach einer Gewalttat erneut straffällig wurde. Ein Kamerateam begleitete den 25-Jährigen in seiner neuen, ihm noch fremden Heimat.

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Baris versucht sich in seiner neuen Heimat zurechtzufinden.
(Bild: SRF)

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Zürich, 14. Januar 2011. Baris steht mit seinem Gepäck am Flughafen. In der Hand hält er seinen türkischen Pass und ein Flugticket nach Istanbul – one way. Für ihn gibt es kein Zurück mehr in das Land, für das seine Eltern vor über 30 Jahren ihre Heimat verlassen hatten. Eine Heimat, die Baris nur aus den Ferien kennt, denn Zuhause, das ist für ihn die Schweiz – doch dort will man ihn nicht mehr. Baris wird ausgewiesen, weil er mehrfach gewalttätig wurde.

Noch greift sie nicht – die durch das Stimmvolk verabschiedete Ausschaffungsregelung. Trotzdem werden jedes Jahr rund 700 kriminelle Ausländer des Landes verwiesen. Bei Secondos – also bei Menschen mit Migrationshintergrund, die in der Schweiz geboren wurden – verfuhr die Schweiz bislang eher milde. Nach Inkrafttreten der neuen Ausschaffungsregelung sollen zukünftig alle straffällig gewordenen Ausländer ausgeschafft werden – unabhängig von der Schwere des verübten Delikts und davon, wie lange der Betroffene bereits in der Schweiz lebt.

Er bestreitet die Tat

Vor 25 Jahren wird Baris in der Schweiz geboren. In der Schule ist er ein Aussenseiter, der Einzige mit Migrationshintergrund, der Ausländer. Sich auf Deutsch zu artikulieren fällt ihm schwer – stattdessen lässt er seine Fäuste «sprechen». Früh wird er kriminell. Baris ist gerade 13, da passt er seine Opfer zusammen mit Kollegen am Bankautomaten ab, raubt ihnen Geld. Es folgt die Einweisung ins Erziehungsheim, dort soll er lernen, ein strukturiertes Leben zu führen. Doch an Struktur soll es ihm auch später noch fehlen. Seine Eltern lieben und bewundern ihn – verehren ihn vielleicht ein bisschen zu sehr.

Baris ist 20 Jahre alt, als er mit zwei minderjährigen Kollegen nachts ein Fest besucht. Einer seiner Begleiter versucht, einem Mann den Rucksack zu entreissen. Welcher der beiden Kollegen das Opfer danach bewusstlos schlägt, bleibt ungeklärt. Baris selbst wird später zwar nicht als Haupttäter angeklagt, muss sich aber trotzdem vor Gericht verantworten: Zeugen sagen aus, dass er das Opfer mindestens einmal mit dem Fuss getreten habe, als es schon ohnmächtig auf dem Boden lag. Er bekommt 15 Monate unbedingt – auch wenn er die Tat bis heute bestreitet.

Verkehrsleitkegel war ausschlaggebend

Jetzt darf er sich nichts mehr zu Schulden kommen lassen, sonst droht die Ausweisung. Als er eines Nachts stark alkoholisiert einen Verkehrsleitkegel von einer Brücke wirft, ist das Mass voll: Im Januar muss er in ein für ihn fremdes Land ausreisen. Er kann sich zwar verständigen – doch bis heute hat der junge Mann in der Türkei keinen Job gefunden.

Die Autorin Karin Bauer hat Baris für die SF-Reihe «Reporter» während seiner letzten Tage in der Schweiz und während der ersten Zeit nach seiner unfreiwilligen Auswanderung in die Türkei begleitet. Sie zeigt, wie Baris vor seiner Ausweisung in der Schweiz lebte, die Ohnmacht seiner Eltern und die Startschwierigkeiten in seiner neuen Heimat.

(rre)