Religion in der Schweiz

29. März 2011 10:49; Akt: 29.03.2011 11:40 Print

Alles andere sein als gläubiger Christ

Konfessionslose, Distanzierte, Säkulare, Alternative, Nicht-Christen: Die Landeskirche in der Schweiz hat laut einer Studie ausgedient. Ist die Schweiz trotzdem ein christliches Land?

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Fünf Symbole stehen auf dem Friedhof Gerliswil, Gemeinde Emmen, für die Weltreligionen Judentum, Christentum, Hinduismus, Islam und Buddhismus (von links). (Bild: Keystone)

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Immer mehr Menschen in der Schweiz distanzieren sich von der christlichen Religion. Zu diesem Schluss kommt eine gross angelegte Studie. Trotzdem sprechen die meisten den Landeskirchen eine grosse Bedeutung zu - weniger für sich selbst als für sozial Schwache.

Die beiden Landeskirchen haben in den letzten 40 Jahren enorm an Boden verloren: Anfang der 1970er-Jahre gehörten je über 45 Prozent der Schweizer Bevölkerung der katholischen und der reformierten Kirche an. Heute sind noch 32 Prozent reformiert und 31 Prozent katholisch, wie der Schweizerische Nationalfonds (SNF) am Dienstag mitteilte.

Zugelegt haben nicht-christliche Religionen (heute 12 Prozent) und vor allem die Konfessionslosen, wie eine Studie im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms «Religionsgemeinschaften, Staat und Gesellschaft» (NFP 58) zeigt: Hatte noch vor 40 Jahren bloss ein Prozent der Bevölkerung keine Konfession, sind es heute 25 Prozent.

Distanziert, nicht ablehnend

Allerdings sagt die Konfession gemäss den Autoren um Jörg Stolz von der Universität Lausanne nicht viel aus über religiöse Praktiken und Glaubensvorstellungen. Auch Konfessionslose können an Gott glauben oder alternativ spirituell sein. Die Forscher teilten die 1229 Teilnehmer ihrer Umfrage deshalb in vier Religiositätstypen ein.

Die weitaus grösste Gruppe ist jene der Distanzierten (64 Prozent). «Distanzierte glauben nicht nichts, sie haben gewisse religiöse und spirituelle Vorstellungen und Praktiken», schreiben die Forscher in ihrem Schlussbericht. Diese seien aber im Leben dieser Menschen nicht besonders wichtig - so gehen sie zum Beispiel nur sporadisch in die Kirche.

17 Prozent der Befragten zählen zur Gruppe der Institutionellen. Sie sind Mitglieder der Landeskirchen oder von evangelischen Freikirchen und pflegen einen lebendigen Glauben an Gott. 10 Prozent gehören zum Typ der Säkularen, die jeglicher Form von Religiosität entweder gleichgültig oder gar ablehnend gegenüberstehen.

Männer religionsfeindlicher

Die vierte Gruppe, die Alternativen, umfasst 9 Prozent der Bevölkerung. Diesen Menschen bedeuten holistisch esoterische Ansichten und Praktiken im Leben viel. Sie schwören auf pflanzliche Heilmittel, Atem- oder Bewegungstechniken, lesen esoterische Bücher oder nehmen die Dienste spiritueller Heiler in Anspruch. Anhänger nicht-christlicher Religionen wurden nicht berücksichtigt.

Bei den meisten Konfessionslosen handelt es sich laut der Studie nicht um säkulare Menschen, sondern um distanzierte. Das Lager der Alternativen wird dominiert von Frauen. Umgekehrt sind mehr Männer säkular und damit religionsfeindlicher als Frauen.

Die zunehmende Distanziertheit der Bevölkerung von der Kirche widerspiegelt sich auch in der Entwicklung der Kirchenbesuche. Immer weniger Menschen gehen regelmässig in die Kirche. Ende der 1960er-Jahre taten dies noch knapp 30 Prozent wöchentlich oder öfter, heute sind es noch 8 Prozent.

Ein christliches Land?

Kann aufgrund dieser Zahlen noch davon gesprochen werden, dass die Schweiz ein christlich geprägtes Land ist? Während die Gruppe der Institutionellen davon fest überzeugt ist, gaben sich die anderen drei Gruppen - also ein Grossteil der Bevölkerung - auf diese Frage zurückhaltend.

Das heisst aber nicht, dass die Bevölkerung die Institution Kirche für unwichtig hält: Zwar messen viele Menschen der Kirche für ihr eigenes Leben wenig Bedeutung zu. Unabhängig vom religiösen Typus spricht aber eine deutliche Mehrheit den Landeskirchen eine grosse Bedeutung zu für sozial benachteiligte Menschen.

(sda)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Cybot am 29.03.2011 12:12 Report Diesen Beitrag melden

    Christliches Land

    Trotzdem bleibt die Schweiz noch lange ein christliches Land. Der Glaube an Gott ist ja nicht alles. Ein grosser Teil macht ja die christliche Ethik, unsere Wertvorstellungen und Traditionen aus, die sterben so schnell nicht aus, nur weil wir nicht mehr in die Kirche gehen. Ich glaube sogar, dass wir damit dem noch näher kommen, was Jesus eigentlich wollte, der hat sich schliesslich auch gegen die institutionalisierte Kirche aufgelehnt.

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  • Ivan Jorns am 31.03.2011 15:33 Report Diesen Beitrag melden

    An was glauben die Schweizer?

    Ich denke eigentlich nur an das Vermögen für sich selbst verantwortlich zu sein, die Lage selbst kontrollieren zu können. Da ist Luxus und Selbstdarstellung der Gott, die Beschäftigung im Job die Religion. Wir haben das Leben gegen leere Inhalte, gegen Geld u.ä. eingetauscht. Wer mag schon überlegen, ob's Gott gibt, wenn abends nach der Arbeit der TV ruft. Man nehme die Meinung der Masse, denn selber überlegen, nachforschen und denken, um eventuell noch eine der Masse gegenläufige Meinung vertreten zu müssen, nein, das geht nicht. Die heutigen Schweizer hätten die CH nie gegründet.

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  • Markus am 29.03.2011 19:47 Report Diesen Beitrag melden

    Geprägt durch christliche Werte

    CH ist ein christlich geprägtes Land, fragt sich nur wer will diese Werte noch leben. Wer denkt es brauche keine Wertvorstellungen ist naiv. Jeder vertritt irgendwelche Werte. @alle Atheisten: Atheismus ist definitiv eine Religion, denn ihr glaubt, dass es keinen Gott gibt. Auch ein Glauben oder? Viel zu viele schreiben hier was und haben einfach keine Ahnung von der Thematik. Schade.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Prophet No 56246242 am 04.04.2011 16:51 Report Diesen Beitrag melden

    GENIESST EUER LEBEN

    ich finde diese Kommentare einfach lächerlich. die menschheit sucht immer woher wir kommen und wer uns erschaffen hat usw. wieso ist das so wichtig? wir sollten einfach unser leben geniessen und mitmenschen, tiere und natur respektieren und es geniessen, dass wir am leben sind. ich bin scho lange nicht mehr in der Kirche und ich muss nicht an gott glauben dass ich respekt vor anderen habe. und wenn man das zeitliche segnet sieht man doch schon was passiert. in der kirche sagt man gott hat alle lieb aber wenn man sündigt kommt man in die Hölle! LACH! Aber er liebt Euch alle! ;-)

    • Dan Zahed am 19.05.2011 19:24 Report Diesen Beitrag melden

      Gott ist tot

      dem kann ich mich nur anschliessen, genau diese diskrepanz zwischen dem menschen wohl gesinnten vermeintlich existierenden gott und einem der zu sklaverei und mord aufrufenden gott im alten und neuen testament ist wohl kaum vernönftig erklärbar, wobei was ist schon vernünftig an religionen, die seit je her alles mögliche, oder eher unmögliche behaupten ohne etwas davon empirisch beweisen zu können! Question Everything orBelieve Everything

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  • Kurt Dubach am 04.04.2011 13:48 Report Diesen Beitrag melden

    Glauben

    Ist leider so das in den Länder mehr Krieg bestehen, wo der Glaube am meisten gilt! Ist schon schlimm genug

  • Beobachter am 04.04.2011 13:01 Report Diesen Beitrag melden

    Opfer statt Gerechtigkeit

    Fundamentalismus in jeder Religion fordert Opfer. So wie auf den Altaren von Egoismus, Selbstverwirklichungskult, Ideologien, Neoliberalismus, jedem ismus, und der Dummheit (Menschen)-opfer dargebracht werden. Spiritualität ist Grundlage für eine würdiges Leben. Würdiges Leben bedeutet, sein Leben zu leben ohne das anderer zu opfern. Das macht Religion in der heutigen Zeit so unattraktiv. "Ich will, ich brauche, ich habe ein Recht darauf" diese Formeln sind zeitgeistig und machen die Welt zu dem, was sie heute ist.

  • maximus am 04.04.2011 11:33 Report Diesen Beitrag melden

    Sehen

    Es lebe der Heiligen-Schein, es ist so wen man vom Weltraum herunter sieht, was sieht man, Menschen, und die Luft dazwischen, oder hat das Gehirn wohl einen fehler?

  • Peter Meyer am 04.04.2011 10:42 Report Diesen Beitrag melden

    Und in Indien grosser Wachstum

    Und in Indien werden immer mehr katholisch. Einfacher Grund, die Kath. Kirche gibt kath. Kindern schulgelegenheiten, Uni, Arbeit. So konvertieren viele arme und kinderreiche Familien.So weiss ich jetzt wo die Kirchensteuer hinfliesst. (Quelle: Eigene Augen und Ohren, in April in Indien, Kerala)