50 Jahre Tibet-Flüchtlinge

08. April 2010 11:01; Akt: 08.04.2010 12:49 Print

Als der Bundesrat China noch die Stirn bot

von Lukas Mäder - Die Solidarität war gross, als vor 50 Jahren die ersten tibetischen Flüchtlinge einreisten. Damals wagte es der Bundesrat noch, gegen China zu entscheiden.

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Tibetische Flüchtlingsfamilien aus Indien im November 1963 bei ihrer Ankunft in Zürich Kloten. An der Eröffnungsfeier des Tibeter-Hauses «Yambhu Lagang» im Kinderdorf Pestalozzi in Trogen wird 1961 die tibetische Flagge gehisst. Im Kinderdorf werden hilfsbedürftige Kinder und Jugendliche verschiedener Länder und Kulturen betreut und integriert. Tibeter, die bereits in der Schweiz Asyl erhalten haben, begrüssen im August 1966 im Flughafen Kloten eine Gruppe tibetischer Neuankömmlinge. Die Tibeter erhielten auch Schweizer Heimatkunde. 1964 besuchte eine Gruppe das Rütli beim Vierwaldstätter See. Urschweizerische Idylle mit Tibeter. Das Gruppenbild auf dem Rütli 1964. Eine Gruppe tibetischer Kinder, die als Flüchtlinge in die Schweiz gekommen sind, führen im Juli 1965 in Oetwil einen Tanz auf. Die Tibeter kamen in den 1960er-Jahren in Gruppen in die Schweiz: Ankunft einer Flüchtlingsgruppe im August 1966. Vom Flughafen Kloten reisen sie in eines der sogenannten Tibeterheime in Ebnat, Buchen und Waldstatt weiter. Der Dalai Lama wollte, dass die Tibeter im Exil Bildung in tibetischer Kultur und Sprache erhalten. Am 12. Juli 1967 treffen fünf Lamas in Zürich ein, die vom geplanten Tibet-Institut in Rikon aus auch die Zusammenarbeit mit westlichen Gelehrten suchen sollten. Ein tibetischer Schüler schreibt im März 1968 in einer Schule in Rikon eine Arbeit. Eine tibetische Familie wird im Dezember 1971 in einem sogenannten «Tibeterheim» in Sennwald von einer Schweizer Betreuerin eingekleidet.

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Der Entscheid wäre heute undenkbar: Der Bundesrat bewilligte am 29. März 1963 die Aufnahme von 1000 tibetischen Flüchtlingen, die nach dem Tibeteraufstand 1959 nach Indien oder Nepal geflüchtet waren. Der Regierungsentscheid entsprach dem Willen der Schweizer Bevölkerung, die grosse Solidarität mit dem Bergvolk aus dem Himalaya zeigte. Gleichzeitig erzürnte der Bundesrat damit China, das damals noch kein wichtiger Wirtschaftspartner war. In der Zeit des Kalten Kriegs war das Grossreich für die Schweiz vielmehr ein kommunistisches Land, das ein kleines Bergvolk unterdrückte.

Heute wird dem Bundesrat mulmig angesichts der Taten seiner Vorgänger. So schlug er im März eine Einladung der Tibeter für den Anlass «Merci Schwiiz» aus, an der auch der Dalai Lama teilnimmt. Dort bedanken sie sich bei der Schweiz für die Aufnahme der tibetischen Flüchtlingen, die vor 50 Jahren startete. Im Juni 1960 begann im Kinderdorf Pestalozzi in Trogen der Bau eines Tibeterhauses. Im Dezember bezogen 20 tibetische Kinder, die aus Indien eingereist waren, das Haus. Grund für die Hilfsaktion war die schlechte Situation der aus ihrer Heimat geflohenen Tibetern in der Himalaya-Region. «Die Lage in den nördlichen Tälern ist verzweifelt», schreibt Toni Hagen vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) im Februar 1961. Doch jetzt sei die Pilatus Porter eingetroffen, die der Stanser Flugzeughersteller dem IKRK für Hilfsflüge ausgeliehen hatte. Hagen setzte sich in der Schweiz für die Aufnahme von Flüchtlingen ein.

Kantone zur Aufnahme bereit

Die Solidarität anfangs der 1960er-Jahre trugen auch wichtige Schweizer Wirtschaftsführer mit. Das zeigt die sogenannte Pflegekinderaktion von Charles Aeschimann. Aeschimann war damals Direktor des Stromkonzerns Atel (Aare-Tessin AG für Elektrizität) und nahm ein tibetisches Flüchtlingskind bei sich auf. Nachdem mehrere Zeitungen darüber berichtet hatten, interessierten sich weitere Familien für eine Aufnahme. Aeschimann wurde bei der Eidgenössischen Fremdenpolizei vorstellig, die im Oktober 1961 die Aufnahme von 200 Kindern bewilligte. Dabei ging die Fremdenpolizei davon aus, dass sie «dauernd bei uns bleiben werden», und verzichtete deshalb auf eine gesicherte Rückreise, wie das sonst bei Flüchtlingen üblich war. Dass gegenüber den Tibetern Sympathien vorhanden waren, zeigt auch die Reaktion der Kantone. Diese erklärten sich zur Aufnahme weiterer Flüchtlingskinder bereit — was heute kaum noch vorstellbar wäre.

Bedeutende Aushängeschilder hatte auch der Verein Tibeter Heimstätte, der dem Bundesrat die Aufnahme der eingangs erwähnten 1000 tibetischen Flüchtlingen beantragt hatte. Präsident war der damalige Direktor der Maschinenfabrik Oerlikon, Sekretär war der Alpinist Albert Eggler, der 1956 eine Himalaya-Expedition leitete, und als Kollektivmitglied war das Schweizer Rote Kreuz vertreten. Dieses hatte sich auch bereit erklärt, die Flüchtlinge zu betreuen. Dem Bund entstanden keine Kosten, wie der Bundesrat betonte. Dafür kam der Verein auf. Dieser hatte auch für genügende Unterbringungs- und Arbeitsmöglichkeiten zu sorgen. Unter diesen Voraussetzungen äusserte sich das zuständige Justizdepartement EJPD positiv: «Dass den tibetanischen Flüchtlingen dringend geholfen werden muss, ist unbestritten», schrieb EJPD-Vorsteher Ludwig von Moos. Kenner würden die Tibeter «als bescheiden, willig und leicht anpassungsfähig» bezeichnen, und die bereits eingereisten Flüchtlinge seien zufrieden und die mit ihnen gemachten Erfahrungen gut.

Absage an China

Der Tibet war bereits damals ein heikles Thema für China, das 1949 in Tibet einmarschiert war. Im Mai 1960 sprach der chinesische Botschafter in der Schweiz beim Aussendepartement vor, um sich über eine Geldsammlung zugunsten des Tibeterhauses im Pestalozzi-Dorf zu beschweren. Das sei eine politische Aktion gegen China, die den bilateralen Beziehungen schade. Der Vertreter des Departements liess sich laut seiner Aktennotiz nicht einschüchtern und erklärte, «dass es immer eine schöne Aufgabe der Schweiz gewesen ist, ausländische Flüchtlinge aufzunehmen». Er habe in diesem Zusammenhang Lenin erwähnt, der vor der Oktoberrevolution 1917 in der Schweiz im Exil weilte — ein Seitenhieb auf die kommunistische Ideologie des chinesischen Staates. Auch drei Jahre später schreibt das EJPD — mit einer gewissen Bewunderung — vom «tapferen tibetischen Volke», dem gegenüber in der Schweiz «eine ausgesprochene Sympathie» vorhanden sei.

Quelle: Dokumente des Bundesarchivs

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Lucas am 08.04.2010 14:33 Report Diesen Beitrag melden

    Das war ein Bundesrat

    Damals hatte der Bundesrat noch Mut um Solidarität zu zeigen, heute ist es eine Marionettenshow. Traurig wie unsere Landesregierung momentan regiert. Dankbar bin ich für Politiker wie Mario Fehr und Pascale Bruderer, die etwas für Tibet bewegen. Danke!

  • Chaim Friedman am 08.04.2010 16:52 Report Diesen Beitrag melden

    China vs. Iran

    Ich verstehe den BR nicht. China wollen sie nicht verärgern und deshalb möchten sie den Dalai Lama nicht treffen. Aber mit Iran wirtschaftliche und diplomatische Beziehungen zu pflegen und dadurch der ganzen Welt zu schaden ist ja ok? Fazit: der Bundesrat macht nur das, was ihm am besten passt, ohne Rücksicht auf Verluste.

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  • Anna Costa am 10.04.2010 23:54 Report Diesen Beitrag melden

    Anstand

    Hier in Costa Rica wurde der Dalai von Oscar Arias (Präsident von CR) empfangen, obschon die Chinesen ein tolles Fussballstadion in San Jose bauen und auch sonst viel Geld investieren. Bin nur noch froh, dass ich nicht mehr in der Schweiz wohne.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Thomas Glatti am 13.04.2010 11:06 Report Diesen Beitrag melden

    Schwacher Bundesrat

    Tibeter und Buddhisten wären mir immer willkommen. Das sind Menschen die eine Bereicherung darstellen - im Gegensatz zu Flüchtlingen aus gewissen anderen Ländern.

  • Eidgenosse am 12.04.2010 12:36 Report Diesen Beitrag melden

    Bundesrat

    Wir sehen, dass unser Bundesrat doch lernfähig ist und den gleichen Fehler nicht zweimal macht. Die Wirtschaft ist für unser Land wichtiger als eine unbedeutende chinesische Provinz. Bravo Bundesrat.

  • rohrbach roland am 11.04.2010 20:56 Report Diesen Beitrag melden

    Dem BR geht es nur um Geld und Geschäft!

    China übt Druck auf die Schweiz aus! Sie sagen vielleicht, wenn Ihr denn Dalai Lama entfängt so könnt Ihr Eure Geschäfte mit uns Vergessen und dann kuscht der BR. Der ganze BR ist nur noch zu einem Geschäft konvertiert. Mit Politik hat das nichts mehr zu Tun! An Ihrem Tun wirst Du Sie erkennen. Wo ist die Geistige Entwicklung vom BR geblieben wie: Demut, Anstand, Respekt,Mitgefühl und Verantwortung? Der BR könnte vom Dalai Lama noch viel Lernen! Spiritualität besitzt der BR nicht.

  • Gabriel am 11.04.2010 20:12 Report Diesen Beitrag melden

    Geld sollte nicht das Thema sein!

    Wir Schweizer sollten Entscheiden! Ich finde es beschaement was der Bundesrat da fuer ein Verhalten aufzeigt, mal abgesehen das wir Schweizer entscheiden sollten. Gerade die Schweiz sollte ihre Solidaritaet und Unabhaengigkeit bewahren, weswegen wir auch weltweit ein hohes Ansehen haben. Und gerade solchen Wirtschaftsmaechten sollten wir zeigen was richtig ist und Nicht! Und es nicht vom Geld abhaengig machen, demnaechst werden wir noch an die Chinesen verkauft, sowie Schroeder die deutschen and die Russen verkauft hat. Das Volk hat die Macht und sollte es sein und bleiben!

  • Anna Costa am 10.04.2010 23:54 Report Diesen Beitrag melden

    Anstand

    Hier in Costa Rica wurde der Dalai von Oscar Arias (Präsident von CR) empfangen, obschon die Chinesen ein tolles Fussballstadion in San Jose bauen und auch sonst viel Geld investieren. Bin nur noch froh, dass ich nicht mehr in der Schweiz wohne.