Lohnentwicklung

02. Mai 2019 04:45; Akt: 02.05.2019 10:40 Print

Jedem Arbeitnehmer fehlen 312 Franken

von P. Michel - Trotz Wirtschaftswachstum sind die Reallöhne letztes Jahr um 0,4 Prozent gesunken. Für Gewerkschafter ist das eine «dramatische Entwicklung».

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«Mehr Lohn, mehr zum Leben»: Zum Tag der Arbeit gingen Tausende Menschen für bessere Entlöhnung auf die Strasse. Ihr Protest erhielt Auftrieb durch neue Zahlen des Bundesamts für Statistik: Zwar stiegen die Löhne im Jahr 2018 nominal um 0,5 Prozent. Doch die Teuerung von 0,9 Prozent frass den Anstieg wieder weg.

Faktisch standen Arbeitnehmern also 0,4 Prozent weniger zur Verfügung als im Vorjahr. Am stärksten trifft es etwa Pöstler oder Druckereiangestellte (siehe Bildstrecke).

Das heisst konkret: Bei einem Medianlohn von 6502 Franken büsste der durchschnittliche Angestellte letztes Jahr 312 Franken an Lohn ein. Es ist bereits das zweite Jahr in Folge, in dem das Wirtschaftswachstum nicht im Portemonnaie der Arbeitnehmer ankommt. Schon 2017 sanken die Reallöhne um 0,1 Prozent, die Wirtschaft wuchs aber um 1,6 Prozent.

Mit den 312 Franken hätten Angestellte zum Beispiel Folgendes kaufen können:

Ein Monat Krankenkassenprämie (315.20 Fr)
Die mittlere Krankenkassenprämie beläuft sich laut dem Bundesamt für Gesundheit auf 315.20 Franken.

Airpods & Spotify (334.40 Fr)
Apples Hype-Kopfhörer gibt es bei Digitec für 179 Franken. Für die passende Musik sorgt ein Spotify-Abo für 12.95 Franken pro Monat. Das Paket kostet zusammen 334.40 Franken.

Fast eine Serafe-Rechnung (365 Fr)
Die Abgabe für Radio und Fernsehen beträgt seit diesem Jahr 365 Franken.

Gleis 7 (390 Fr)
Mit einem Aufpreis liegt das neue Gleis-7-Abo der SBB Seven25 drin. Damit ist man von 19 bis 5 Uhr im ÖV unterwegs.

Netflix-Abo für ein Jahr (262.80 Fr)
Ein Netflix-Account, den vier Personen nutzen können, kostet 21.90 Franken pro Monat. Macht 262 Franken pro Jahr.

Skipass für eine Woche (338 Fr)
Im Skigebiet Gstaad könnte man für 338 Franken sechs Tage lang Skifahren.

Jahreskarte FCZ (300 Fr)
Nicht gerade die Luxusvariante, aber für 300 Franken gibt es die Stehplatz-Saisonkarte für den FC Zürich.

Gewerkschafter sehen den Grund für die Lohneinbussen im harten Kurs der Arbeitgeber bei den Lohnverhandlungen. «Wir spüren eine neue Härte», sagt Daniel Lampart, Chefökonom beim Gewerkschaftsbund. Während viele Firmen früher die Teuerung anstandslos ausgeglichen hätten, weigerten sie sich heute zunehmends.

Krankenkassenprämien noch nicht berücksichtigt

Tatsächlich fehle den Arbeitnehmern noch mehr Geld im Portemonnaie, sagt Lampart. Denn die Pensionskassenbeiträge seien vielerorts erhöht worden, und der starke Anstieg bei den Krankenkassenprämien sei in der Statistik nicht berücksichtigt. Die durchschnittliche Prämie stieg 2018 um 4 Prozent.

Für Lampart ist es «dramatisch», dass Arbeitgeber trotz guter Konjunktur höhere Löhne verweigerten. «Der Reallohnverlust fehlt jetzt beim Begleichen der Rechnungen.» Da es nun bereits seit zwei Jahren keine Reallohnerhöhungen gegeben habe, würden nun auch die Gewerkschaften härter verhandeln, so Lampart. Zu welchen Massnahmen sie greifen wollen, lässt er offen.

Die Migration spiele bei der Lohnentwicklung indes kaum eine Rolle, sagt Lampart. «Die Branchen mit den schlechtesten Abschlüssen beschäftigen relativ wenige Personen aus dem Ausland.»

Welche Rolle spielt die Zuwanderung?

Anderer Meinung ist Reiner Eichenberger, Professor für Theorie der Finanz- und Wirtschaftspolitik an der Universität Fribourg. «Es ist eine ziemlich komische Vorstellung, dass die Wertschöpfung einfach mit der Bevölkerung mitwächst.» Denn dafür müssten die Schweizer Firmen immer mehr Produkte zu gleich guten Preisen in die internationalen Märkte pumpen können. Das sei in vielen Branchen unrealistisch.

Der Verdacht liege nahe, dass durch die immer noch «historisch hohe Zuwanderung» die Löhne gedrückt würden. «Natürlich gewähren Chefs weniger Lohnerhöhungen, wenn sie Ausländer zu tieferen Löhnen anstellen könnten.» Die Zuwanderung treibe zudem auch die Wohn-, Pendel- und Energiekosten in die Höhe, was wiederum die reale Kaufkraft senke.

Minusrunden kaum ein Problem

Dass nun bereits seit zwei Jahren die Reallöhne sinken, gibt Eichenberger nicht grundsätzlich zu denken. Längerfristig sollten die Löhne pro Jahr um real etwa 0,8 Prozent steigen – sofern der Arbeitsmarkt genug flexibel sei, damit Firmen rasch in aufstrebende Geschäftsfelder einsteigen können.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • tjt am 02.05.2019 05:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fatale Entwicklung

    Nicht nur den Arbeitnehmern fehlt das Geld, sondern auch den Rentnern. Die Schere geht immer weiter auf, eine fatale Entwicklung.

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  • Arbeitnehmer am 02.05.2019 05:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hoch lebe die Zuwanderung

    Tja, und das trotz Fachkräftemangel (den es nicht gibt) Aber liebe Schweizer lasst euch von Wirtschaft und EU Politik weiter als dumm verkaufen und wählt schön weiter für die Zuwanderung welche die Löhne drücken....

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  • Steffen am 02.05.2019 05:05 Report Diesen Beitrag melden

    Medianlohn?

    Ernsthaft, der Medianlohn? Der Medianlohn liegt für mich als Security im 4. Dienstjahr bei 5600 Franken, aber bekommen tue ich 4869 Franken. Die Sicherheitsfirmen machen von Jahr zu Jahr immer mehr Gewinn, aber trotzdem gab es seit 2014 keine Tariferhöhungen mehr. Das sagt doch schon alles.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Süssekleinemaus am 03.05.2019 13:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Andere bereichern sich

    Ich trauere nicht um jene 312 Franken, die ich zu wenig habe, sondern bin wütend über die 312 Franken, die jemand anders zu viel hat!

  • Gasoline am 02.05.2019 23:49 Report Diesen Beitrag melden

    Bürgerlich regiert

    Aber immer schön bürgerlich wählen. Man könnte es ja eines fernen Tages zu viel Geld bringen.

    • jasmin am 03.05.2019 03:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Gasoline

      Sie verstehen auch nicht viel von Politik.

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  • Spielball am 02.05.2019 21:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Billig,billiger,am billigsten

    Bereicherung und Gewinnoptimierung auf Kosten der Arbeitnehmer ist für uns ja nichts neues... würde die KK-Prämien noch dazugerechnet,wärs noch deutlicher zu sehen. Arme,reiche Schweiz, hauptsache billige Arbeitskräfte,förderung der Wirtschaftsflüchtlinge und Qualitätsverhunzung,statt ausgebildete Fachkräfte, welche sich für Swiissmade einsetzen!

  • Condorman am 02.05.2019 21:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    vater Staat

    der Arbeitnehmer ist "nur" ein Sklave der heute gezielt entlöhnt wird das es genau reicht zum leben, wenn überhaupt? Alles berechnet !

  • Alfmann am 02.05.2019 20:51 Report Diesen Beitrag melden

    AHV-Steuerdeal

    Nach den AHV-Steuerdeal fehlt dann noch mehr! 1.2 Milliarden müssen von Arbeitgeber und Lohnempfänger aufgebracht werden. (Abstimmungsbüchlein Seite 11, 2 Milliarden...)

    • Xaver Perte am 02.05.2019 21:10 Report Diesen Beitrag melden

      @Alfmann

      Na endlich mal einer der das gecheckt hat!

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