Keine Reaktion

28. August 2019 04:49; Akt: 28.08.2019 10:01 Print

Arbeitgeber ghosten ihre Bewerber

von B. Zanni/ D. Benz - Firmen lassen Jobsuchende häufig mit langer Funkstille zappeln. Kandidaten hätten eine Zu- oder Absage innert 24 Stunden verdient, sagt ein Kritiker.

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Potenzielle Arbeitgeber spannen Bewerber regelmässig auf die Folter. «Zwei Drittel der Firmen antworteten mir überhaupt nicht, als ich mich für Stellen als Sekretärin, Sachbearbeiterin oder Direktionsassistentin bewarb», sagt die gelernte Kauffrau Sara Ulmann. Fabian Dütschler, Geschäftsführer der IT-Personaldienstleistungsagentur One Agency, sagt, dass HR-Verantwortliche ihre Bewerber oft auflaufen lassen. Viele Stellensuchende hätten 50 Bewerbungen geschrieben und meist wochenlang oder gar nie ein Feedback erhalten. «Wenn Inserenten ihre Kandidaten wie nach einem Date ghosten, können hohe und falsche Erwartungen entstehen, die in einer grossen Enttäuschung enden.» Dütschler fordert, dass sich Jobinserenten innerhalb von 24 Stunden mit einer Zu- oder Absage melden. Auch Personalexperte Michel Ganouchi stellt das Phänomen fest. «Dieses unsägliche Verhalten ist seit Jahren bekannt und hat trotzdem nicht abgenommen.» Die Funkstille gebe den Bewerbern keine Wertschätzung und vermittle das Gefühl, nicht gebraucht zu werden. «Die Unternehmen sollten sich Bewerbern gegenüber fair verhalten, sich in nützlicher Frist melden und möglichst auch keine Standard-Absagen senden.» Jobinserenten lassen auch Lehrstellensuchende warten. «Schüler kämpfen regelmässig damit, dass Firmen sehr lange oder gar nicht reagieren», bestätigt Corinna Cordes, Kommunikationsmanagerin bei der Lehrstellenplattform Yousty. Dem Dachverband HR Swiss ist das Problem bekannt, wie Generalsekretär Stefan Emmenegger sagt. «Man hört teilweise, dass Bewerber lange auf Antworten warten. Das ist nicht korrekt.» Beim Schweizerischen Arbeitgeberverband heisst es, dass professionelle Arbeitgeber bei der Stellenrekrutierung zweifellos im Austausch mit den Kandidaten seien. «Je nach Stand der Rekrutierung kann es aber für eine Rückmeldung länger dauern. Zudem kann besonders bei komplexen Anforderungsprofilen mehr Zeit verstreichen.» Die Ignoranz der Arbeitgeber fällt mittlerweile aber auch auf sie selber zurück: Bewerber rächen sich ebenso mit Ghosting. Für Personalexperte Jörg Buckmann hat das Verhalten nicht nur mit einer abnehmenden Verbindlichkeit zu tun, die dem heutigen Zeitgeist entspricht. Es sei auch eine Retourkutsche. «Im viel grösseren Stil wird Ghosting ja schon seit langer Zeit von den Arbeitgebern praktiziert.»

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Rund 200 Bewerbungen schickte Sara Ulmann letztes Jahr. «Zwei Drittel der Firmen antworteten mir überhaupt nicht, als ich mich für Stellen als Sekretärin, Sachbearbeiterin oder Direktionsassistentin bewarb», sagt die gelernte Kauffrau. Irgendwann sei ihr dies an die Substanz gegangen. «Ich fragte mich: ‹Bin ich nicht gut genug für diese Stelle?› Auch hatte ich eine grosse Wut.»

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Ähnlich erging es Trust Officer Patrick R.* (22), als er letztes Jahr den Job wechseln wollte. «Auf 60 verschickte Bewerbungen erhielt ich nur 12 Feedbacks», sagt der gelernte Kaufmann und Student. Es sei unfair, einfach links liegen gelassen zu werden. «Schliesslich setze ich mich immer mit der jeweiligen Firma auseinander und schreibe keine 08/15-Bewerbungen.»

Sieben Tage ohne Feedback gehe nicht

Dass potenzielle Arbeitgeber Bewerber regelmässig auf die Folter spannen, bestätigt auch Fabian Dütschler, Geschäftsführer der IT-Personaldienstleistungsagentur One Agency, im Swiss IT Magazine. «Die Kommunikation ist hier das A und O. Es kann nicht sein, dass ein Bewerber nach sieben Tagen immer noch keine Antwort vom Unternehmen erhalten hat», kritisiert er.

Wie Dütschler gegenüber 20 Minuten ausführt, lassen HR-Verantwortliche ihre Bewerber oft auflaufen. Viele Stellensuchende hätten 50 Bewerbungen geschrieben und meist wochenlang oder gar nie ein Feedback erhalten. «Wenn Inserenten ihre Kandidaten wie nach einem Date ghosten, können hohe und falsche Erwartungen entstehen, die in einer grossen Enttäuschung enden.»

Dütschler fordert, dass sich Jobinserenten innerhalb von 24 Stunden mit einer Zu- oder Absage melden. Dafür müsse sich das HR-Personal diszipliniert um die Bewerbungen kümmern. «Oft bleiben die Bewerber aber auf der Strecke, weil die meisten HR-Abteilungen aufgrund von Projekten wie Personalentwicklungsthemen überfordert sind.»


Fehlende Wertschätzung

Auch Personalexperte Michel Ganouchi stellt das Phänomen fest. «Dieses unsägliche Verhalten ist seit Jahren bekannt und hat trotzdem nicht abgenommen.» Die Funkstille gebe den Bewerbern keine Wertschätzung und vermittle das Gefühl, nicht gebraucht zu werden. «Die Unternehmen sollten sich Bewerbern gegenüber fair verhalten, sich in nützlicher Frist melden und möglichst auch keine Standard-Absagen senden.»

Jobinserenten lassen auch Lehrstellensuchende warten. «Schüler kämpfen regelmässig damit, dass Firmen sehr lange oder gar nicht reagieren», bestätigt Corinna Cordes, Kommunikationsmanagerin bei der Lehrstellenplattform Yousty. Die Warterei frustriere. «Wir empfehlen den Schülern deshalb, aktiv nachzufragen, haben sie nach zehn bis 14 Tagen noch keine Reaktion erhalten.»

«Das ist nicht korrekt»

Dem Dachverband HR Swiss ist das Problem bekannt, wie Generalsekretär Stefan Emmenegger sagt. «Man hört teilweise, dass Bewerber lange auf Antworten warten. Das ist nicht korrekt.» Die Mitglieder von HR Swiss hielten sich jedoch an die Regeln. «Spätestens nach zwei Wochen sollten die Kandidaten eine Rückmeldung erhalten haben.»

Beim Schweizerischen Arbeitgeberverband heisst es, dass professionelle Arbeitgeber bei der Stellenrekrutierung zweifellos im Austausch mit den Kandidaten seien. «Je nach Stand der Rekrutierung kann es aber für eine Rückmeldung länger dauern. Zudem kann besonders bei komplexen Anforderungsprofilen mehr Zeit verstreichen.»

Arbeitgeber erhalten Retourkutsche

Die Ignoranz der Arbeitgeber fällt mittlerweile aber auch auf sie selber zurück: Bewerber rächen sich ebenso mit Ghosting. Viele Jobsuchende würden sich gleich an mehreren Orten parallel bewerben, sagt Personalexperte Jörg Buckmann. «Wenn es dann an einem Ort klappt, dann bringen einige nicht mehr die Höflichkeit auf, den anderen Firmen abzusagen.»

Für Buckmann hat das Verhalten nicht nur mit einer abnehmenden Verbindlichkeit zu tun, die dem heutigen Zeitgeist entspricht. Es sei auch eine Retourkutsche. «Im viel grösseren Stil wird Ghosting ja schon seit langer Zeit von den Arbeitgebern praktiziert.»

*Name der Redaktion bekannt.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Sabine Küng am 28.08.2019 06:31 Report Diesen Beitrag melden

    Fachkräfte sind keine Mangelware

    Anständige Unternehmen finden IMMER gute Fachkräfte, es gibt jedoch kaum anständige Unternehmen, so meine langjährige Erfahrung. Davon ausgenommen sind nicht einmal solche, die als besonders arbeitnehmerfreundlich eingestuft werden, solche Auszeichnungen sind kaum das Papier wert, auf dem sie gedruckt sind. Es soll sich jedenfalls bloss niemand beklagen, wenn er keine guten Leute findet, dies ist ausnahmslos auf den schlechten Umgang mit qualifizierten Arbeitnehmenden zurück zu führen. Alles andere sind dümmliche Ausreden und kleingeistiges Gejammere.

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  • Od am 28.08.2019 06:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ghosting

    Hatte mal bei einer Firma ein Vorstellungsgespräch, aus meiner Sicht alles normal abgelaufen, keine groben Patzer. Die Firma hat sich nie wieder gemeldet. Für mich zeigt dies gut die Firmenkultur, offenbar kann ich froh sein, dass es dort nicht geklappt hat. Habe dafür als kleine "Retourkutsche" allen meinen Bekannten davon erzählt, hoffe auf einen wenigstens kleinen Imageschaden dieser Firma. Bei meinem jetzigen Arbeitgeber hingegen wurde ich ständig über den aktuellen Stand informiert, alles ging zügig. Das finde ich top!

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  • Lumpazi am 28.08.2019 06:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zeichen der Zeit

    Den potentiellen "Leistungseinheiten" Respekt entgegen bringen? Wo kämen wir da auch hin.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Peter.W am 29.08.2019 20:19 Report Diesen Beitrag melden

    UND NOCH WAS VON MIR

    Arbeitgeber die einem eine Absage mitteilen das sie jemanden Gefunden haben der besser ihn ihr unternehmen passt sind Lügner. 1.Sie Laden einem nicht mal zu einem Vorstellung Gespräch ein, also woher wollen sie wissen ob man nicht in die Firma passt? 2. Laden sie einem nicht mal zu einem Probe Tag ein , woher wollen sie also wissen ob man nicht besser Arbeitet? 3. Der Gesetzgeber hat eine Probe Zeit von 3 Monaten eingeführt , damit der Arbeitgeber herausfindet ob man auch wirklich in die Firma Passt? Probe Zeit gehörten also abgeschafft, vor allem in der Industrie, nützt ja nichts wenn die Arbeitgeber schon beim zusenden der Bewerbung glauben zu wissen wer in die Firma Passt. Das ist doch Alles mumpiz!!! Was die Arbeitgeber von sich geben!!! Ich habe fest gestellt das auf dem Bau interessiert es die meisten Arbeitgeber nicht was im Arbeitszeugnis steht und sie holen auch nicht hinter dem Rücken des stellensuchenden Referenz Auskunft ein ohne Erlaubnis des stellen suchenden, wie es die meisten Arbeitgeber in der Industrie machen. Schweizer Arbeitgeber vor allem in der Industrie sollten sich schämen wie sie Heute mit den stellen suchenden umgehen Schluss endlich werden alle arbeiten von den Arbeitnehmern hergestellt. Die Heute ziemlich herablassend behandelt werden von Firmen Bossen

  • A.Nonym am 29.08.2019 18:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Auch bei internen Bewerbungen

    Ich arbeite beim MGB und habe auf eine interne Stelle erst auf Nachfrage und nach zwei Wochen einen StandardZweizeiler per Mail erhalten... Und ja, ich wäre qualifiziert gewesen.

  • Samson am 29.08.2019 17:29 Report Diesen Beitrag melden

    Es liegt nicht immrt am HR

    Die HR-Abteilingen entscheiden häufig nicht selber ob ein Bewerber angestellt wird oder nicht. Die Bewerbungen werden vorsondiert und an den zukünftigen Vorgesetzten weitergeleitet. Der ganze Prozess ist in 24 h schlicht nicht möglich!

  • Arbeitnehmer am 29.08.2019 12:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Anstand

    Unternehmen sollten auf jeden Fall den Bewerbern innert nützlicher Frist eine Rückmeldung geben. Bewerber sollten aber auch bescheid geben, wenn sie schon eine andere stelle haben. Das ist einfach Anstand im Umgang mit den Mitmenschen.

  • Schneeflocken-Selbstbewusstsein am 29.08.2019 12:12 Report Diesen Beitrag melden

    Übertriebene Anspruchshaltung?

    Was ist denn das für ein Geheul? Eine Zu- oder Absage innert 24 Stunden erhalten? Geht's noch? Das ist völlig unrealistisch, gerade bei Stellen, die viele Bewerbungen erhalten. Das Auswahlprozedere braucht ja auch Zeit, und der Stellenanbieter möchte vielleicht zuerst ein paar Dossiers sammeln, um eine engere Auswahl zu treffen. Je nach Stelle kann es bis zur endgültigen Entscheidung mehrere Wochen dauern! In der CH bekommt man immerhin meist eine Antwort auf die Bewerbung. In D z.B. muss man damit rechnen, gar keine Antwort auf eine Bewerbung zu erhalten. Ist dort nichts Aussergewöhnliches.