Swiss Arctic Project

20. Juli 2018 21:01; Akt: 20.07.2018 21:01 Print

Sind Eisbären schon bald Geschichte?

Fünf Teilnehmer des Swiss Arctic Projects erkunden die Auswirkungen des Klimawandels. 20 Minuten beantwortet die wichtigsten Fragen zur Erderwärmung am Nordpol.

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Schätzungen von Experten zufolge wird die Zahl der Eisbären bis zum Jahr 2050 um zwei Drittel gesunken sein. Die Arktis erwärmt sich doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt. Die Folge: Das arktische Eis verliert drastisch an Dicke und Ausdehnung. Die in der Arktis weitgehend dauerhaft gefrorenen Böden – die Permafrostböden – tauen in beängstigendem Tempo. Dabei werden Treibhausgase freigesetzt. Die Teilnehmer: Jasmin Huser (20) aus Rapperswil-Jona SG, Tessa Viglezio (21) aus Lugano TI, Joëlle Perreten (22) aus Bussigny VD, Janine Wetter (21) aus Fehraltdorf ZH und Antoine Carron (19) aus Fully VS. Fast alles ist gepackt: Am 16. Juli geht es mit dem Flugzeug auf die Insel Spitzbergen. Im Rahmen des Swiss Arctic Projects sollen die Teilnehmer über die in der Arktis besonders sichtbaren Auswirkungen des Klimawandels berichten. 20 Minuten ist live dabei und berichtet im Live-Ticker von der Reise. Während der Reise gibt es drei Möglichkeiten, in Kontakt mit der Aussenwelt zu treten: Kurzwellen. Pro: Relativ günstig und zuverlässig. Contra: Extrem langsam. Option 2: Das Satellitentelefon. Pro: Mobil, kann überallhin mitgenommen werden. Contra: Auch sehr langsam und relativ teuer. Option drei: Iridium Pilot, die Satellitenanlage auf dem Boot. Pro: Relativ schnell – verglichen mit Glasfaser jedoch immer noch extrem langsam (134 kbit/s ist das Maximum). Contra: Extrem teuer. Wie teuer? So teuer. Rund 14'000 Euro für ein Gigabyte. Die Reise beginnt am 16. Juli 2018 und führt am 7. August 2018 wieder zurück in die Schweiz. Longyearbyen ist die grösste Stadt auf Spitzbergen. Die meisten Bewohner sind zwischen 20 und 45 Jahre alt. Der Leiter des Swiss Arctic Projects, Charles Michel, arbeitete über 30 Jahre lang für das Schweizer Fernsehen und war auf der ganzen Welt im Einsatz. Er berichtete aus Krisengebieten oder machte Newsbeiträge, Dokumentarfilme und Reisereportagen. Seine Frau, Doris Codiga, ist ebenfalls eng am Projekt beteiligt und wird in die Arktis mitkommen. Im Gegensatz zu den Kreuzfahrtschiffen, die mit schwermetallhaltigem Treibstoff fahren, darf die MV San Gottardo auch abseits der Grossschiffahrtslinien fahren. So zum Beispiel zur Engelsbucht. Zwar ist die MV San Gottardo nicht das grösste Schiff, dennoch ist sie mit allen technischen Finessen ausgerüstet und hat sich schon mehrere Male in der Arktis bewährt. Hier beispielsweise die Wasseraufbereitungsanlage. Das Schiff bietet Platz für etwa 10 Personen. Eine Vierer-Kabine... ...und das Zweier-Zimmer. Das Bad ... ... und das WC. In der Arktis wird man zahlreiche imposante Naturphänomene beobachten können. Auf der Expedition werden aber leider keine Polarlichter zu sehen sein, weil die Sonne während des ganzen Tages nie untergehen wird. Eine verlassene Marmor-Mine. Die Vegetation nimmt wegen des Klimawandels in Arktis-Nähe immer mehr zu. Und natürlich ganz viele Tiere. Walrosse ... ... die sich gemütlich an der Sonne ausruhen ... Rentiere ... Und ihre Jungtiere. Vögel ... Pottwale ... Zwergwale ... Und natürlich herrscht auf ganz Spitzbergen Eisbären-Gefahr. Aufgrund der schmelzenden Eiskappen im Sommer werden immer mehr Eisbären auf das Festland gedrängt. «Während der Expedition erarbeiten sie gemeinsam den ‹Students Climate Report 2018›», sagt Michel. So würden die Teilnehmer alle Fakten zum Klimawandel ermitteln und mit Politikern, Betroffenen und Forschern vor Ort Interviews darüber führen. Während dreier Wochen werden die Teilnehmenden hautnah erleben, welche Konsequenzen der Klimawandel für die Umwelt und die Tiere in der Arktis hat. «Wir starten die Arktis-Expedition mit fünf Jugendlichen aus den drei Sprachregionen.» Die Personen kommen aus der Deutschschweiz, der Romandie und dem Tessin. Hier eines der Beiboote der MV San Gottardo. Mit dem Expeditionsschiff kann auch an ungewöhnlichen Orten an Land gegangen werden.

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Wie dramatisch ist die Eisschmelze?

Nirgends auf der Welt schreitet die Erderwärmung rascher voran als in der Arktis: Sie erwärmt sich doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt. Die Folge: Das arktische Eis verliert an Dicke und Ausdehnung. Ende Sommer 2017 hatte sich die Eisdecke auf dem nördlichen Polarmeer wieder auf magere 4,7 Millionen Quadratkilometer reduziert. Damit schmolzen im Vergleich zur maximalen Ausdehnung des Meereises im vorangehenden März mit knapp 14 Millionen Quadratmeter rund zwei Drittel der Eisfläche ab.

Auch wenn die 4,7 Millionen Quadratmeter deutlich über dem absoluten Minimum aus dem Jahr 2012 (3,2 Millionen Quadratkilometer) liegen, ist die Langzeitentwicklung eindeutig: Vor 30 Jahren betrug die Minimalausdehnung noch doppelt so viel Eis wie heute. Klimatologen gehen davon aus, dass der Nordpol spätestens in 30 oder 40 Jahren im Sommer eisfrei sein wird.

Nach der Eisschmelze die Sintflut?

Die gute Nachricht zuerst: Verwandelt sich (schwimmendes) Meereis in Wasser, so wirkt sich das nicht unmittelbar auf den Meeresspiegel aus. Denn das Schmelzwasser füllt hinterher im Meer genau dasjenige Volumen, das zuvor vom Eis verdrängt wurde.

Beunruhigender ist dagegen das Schmelzen des Inlandeises. Auch auf dem polarnahen Grönland hat sich die Eisschmelze infolge der Erderwärmung bereits deutlich beschleunigt. Das Schmelzwasser fliesst vom grönländischen Land ins Meer und erhöht so den Meeresspiegel.

Würde der Grönländische Eisschild gänzlich auftauen, könnte der Meeresspiegel laut Schätzungen von Experten weltweit um etwa sieben Meter ansteigen. Ein eisfreies Grönland dürfte es aber frühstens in einigen hundert Jahren geben.

Eine Forschergruppe der University of Colorado in Boulder berechnete, dass sich der Meeresspiegelanstieg jedes Jahr um 0,08 Millimeter beschleunigt. Demnach könnte der Anstieg im Jahr 2100 bereits zehn Millimeter pro Jahr betragen.

Die Folgen wären dramatisch: Tief liegende Regionen wie Bangladesh könnten komplett überflutet werden. Aber auch die flachen Küstenregionen Polens oder der Inselstaat Malediven sind gefährdet.

In einigen tausend oder hunderttausend Jahren würden auch die Niederlande in der Nordsee versunken sein, genauso wie Dänemark und grosse Teile Norddeutschlands, wie «National Geographic» 2013 auf einer Weltkarte aufzeigte.

Sind die Eisbären bald Geschichte?

Ein Video des Biologen und Naturfotografen Paul Nicklen ging letzten Dezember um die Welt: Ein stark abgemagerter Eisbär schleppt sich durch die karge Landschaft der Baffininsel im Nordosten Kanadas. In einer Mülltonne sucht er vergeblich nach Futter, dann bricht er entkräftet zusammen.

Das Video des ausgemergelten Eisbären brach selbst Hartgesottenen das Herz:

Nicklen wollte mit dem Bildmaterial auf die Folgen der Erderwärmung aufmerksam machen. «Wenn sich die Erde weiter erhitzt, werden alle Eisbären und das gesamte Ökosystem am Nordpol verschwinden», warnte er.

Der Eisbär ist laut Experten stärker als jedes andere Tier durch die Klimaerwärmung gefährdet. Vor allem die Eisschmelze, aber auch die Folgen von Öl- und Gasbohrungen machen dem Raubtier schwer zu schaffen. Eisbären ernähren sich fast ausschliesslich von Robben und brauchen das Eis, um ihre Beute zu fangen. Auf dem Festland finden sie kaum Beute.

Von der Weltnaturschutzunion (IUCN) werden Eisbären als gefährdete Art eingestuft. Forscher des IUCN gehen zurzeit von einer Eisbärpopulation von 20'000 bis 25'000 Tieren aus. «Unsere beste Schätzung besagt, dass die Zahl der Eisbären bis zum Jahr 2050 um zwei Drittel gesunken sein wird», sagte der kanadische Forscher Andrew Derocher von der University of Alberta der «Süddeutschen Zeitung».

Was droht, wenn der Permafrost auftaut?

Die in der Arktis weitgehend dauerhaft gefrorenen Böden – die Permafrostböden – tauen in hohem Tempo. «Die Vorhersagen reichen von 30 bis 99 Prozent des Permafrosts, der bis zur nächsten Jahrhundertwende auftaut. Was in einem natürlichen Kreislauf Tausende bis Millionen Jahre dauern würde, passiert jetzt in einer menschlichen Lebensspanne», sagte Paul Schuster vom US Geological Survey dem Bayrischen Rundfunk.

Was Wissenschaftlern vor allem Sorgen bereitet: In den Böden schlummern massenhaft Kohlenstoff und Methan, die bei steigenden Temperaturen in Form von Treibhausgasen freigesetzt werden – und so zur Erderwärmung beitragen. Wie Forscher um Nicholas Parazoo vom Jet Propulsion Laboratory in Pasadena im Fachblatt «The Cryosphere» schrieben, ist über die kommenden 300 Jahre ein Gesamtausstoss an Methan und Kohlendioxid aus diesen Böden zu erwarten, der dem Zehnfachen der weltweiten Emissionen durch fossile Brennstoffe des Jahres 2016 entspricht.

In den Permafrostböden sind aber nicht nur Treibhausgase, sondern auch Umweltgifte, allen voran das hochgiftige Quecksilber, eingelagert. Taut das ewige Eis, gelangt das Schwermetall in den Stoffkreislauf. Auf die Tierwelt kann sich das verheerend auswirken. «Es gibt einen Zusammenhang zwischen Robbenjungen und ihren Müttern: Stark belastete Mütter bringen Junge zur Welt, die schon viel Quecksilber im Blut haben», sagte Justine Thébault, Verhaltensökologin an der Universität Giessen, dem Bayrischen Rundfunk.

Warum reist die Gruppe in die Arktis?

Im Rahmen des Swiss Arctic Projects erarbeiten die fünf Expeditionsmitglieder gemeinsam den «Students Climate Report 2018». Darin halten sie die in der Arktis besonders sichtbaren Auswirkungen des Klimawandels fest.

Ein zentraler Teil des Projekts ist ausserdem, dass die Teilnehmer ihren Bekanntenkreis an ihren Erkenntnissen und Erlebnissen teilhaben lassen – sei es auf Facebook, Twitter, Youtube, Instagram oder auf dem eigenen Blog. Über traditionelle Medien würde man junge Menschen nicht mehr erreichen, sagt Projektleiter Charles Michel. «Wir wollen, dass die Jugendlichen authentische Informationen von Gleichaltrigen erhalten: In ihrer eigenen Sprache, in ihrer Altersgruppe, über ihre Kanäle.»

Die Schüler und Studenten betreiben diverse Experimente mit dafür mitgebrachtem Labor-Equipment während der Expedition. «Mit einem Netz sammeln wir Mikroplastik und analysieren, welche Bakterien auf dem Plastik leben. So wird man vielleicht eine Bakterienart finden, die den Mikroplastik abbaut», sagt ETH-Studentin Janine Wetter (21). Weitere Experimente beinhalten das Sammeln von Wasserproben für eine norwegische Universität, die Entnahme von Bodenproben und Temperatur-Messungen im arktischen Permafrost in Zusammenarbeit mit lokalen Forschern.

(sul)