Statt weiterzumachen

17. April 2019 04:43; Akt: 17.04.2019 04:43 Print

Armee schmeisst Soldaten wegen Zivi-Infotag raus

Fünf Soldaten wollten nicht weitermachen. Nun wurden sie kurz vor dem Ende ihrer Rekrutenschule von der Armee entlassen.

Bildstrecke im Grossformat »
A. D.* (20) war Soldat in der Rekrutenschule Elektronische Kriegsführung in Jassbach BE – bis Donnerstagmorgen. Dann wurden er und vier andere Soldaten per sofort entlassen. Sie hatten sich für den Zivildienst angemeldet. Im Schreiben begründet der Schulkommandant die Entlassung damit, dass er einen weiteren Einsatz nicht verantworten könne. Dabei sollten die Soldaten die Ausbildung zum Wachtmeister absolvieren. Sie schickten ein Gesuch zur Zulassung zum Zivildienst ab, weil sie damit nicht einverstanden waren. (Symbolbild) Ein Betroffener sagt, er wolle den Entscheid anfechten. Grosse Chancen rechne er sich nicht aus. «Wahrscheinlich wollte der Kommandant ein Zeichen gegen das Wechseln in den Zivildienst setzen», sagt er. (Symbolbild) Besonders bitter sei, dass die Entlassung am Donnerstag erfolgt sei. Anfang nächster Woche hätten die fünf Soldaten nämlich 80 Prozent ihrer Rekrutenschule absolviert. (Symbolbild) Bei einem Wechsel in den Zivildienst hiesse das, dass sie keinen zusammenhängenden Arbeitseinsatz von 180 Tagen mehr absolvieren müssten. (Symbolbild) Gemäss dem Schreiben mit ein Grund für die Entlassung: Im Gesuch zur Zulassung zum Zivildienst muss bestätigt werden, dass ein Gewissenskonflikt mit dem Militärdienst besteht. Erst danach ist der Besuch des Einführungstages möglich. Danach gibt es allerdings eine Bedenkfrist, und Gesuchsteller müssen schriftlich erneut bestätigen, dass sie in den Zivildienst wechseln wollen. Erst dann wird über die Zulassung entschieden.

Zum Thema
Fehler gesehen?

A.D.* (20) war Soldat in der Rekrutenschule Elektronische Kriegsführung in Jassbach BE – bis Dienstagmorgen. Dann wurden er und vier andere Soldaten ins Büro des Kommandanten gerufen. Dort wurde ihnen eröffnet, dass sie per sofort administrativ aus der Armee entlassen würden. Der Grund: Sie hatten sich für den Zivildienst angemeldet. Im Schreiben, das 20 Minuten vorliegt, begründet der Schulkommandant die Entlassung damit, dass er einen weiteren Einsatz und «somit eine wahrscheinliche psychische und/oder seelische Schädigung» nicht verantworten könne.

Umfrage
Was halten Sie vom Vorgehen?

Dabei waren die Soldaten ursprünglich als Führungspersonen vorgesehen. Sie sollten die Ausbildung zum Wachtmeister absolvieren. Sie schickten ein Gesuch zur Zulassung zum Zivildienst ab, weil sie damit nicht einverstanden waren. Allerdings wollten sich nicht alle verweigern: D. sagt, er habe dem Kommando das Angebot gemacht, seine Ausbildung zum Wachtmeister zu fraktionieren und bis spätestens 2023 zu absolvieren.

Vorgeschobene Begründung?

Ein Kadermitglied habe ihm gesagt, das gehe in Ordnung. «Als ich am Dienstag zum stellvertretenden Kommandanten gerufen wurde, hiess es dann plötzlich, das sei doch nicht möglich. Ich hätte die Wahl, die Ausbildung entweder nächstes Jahr zu machen oder entlassen zu werden.»

Das zeige, dass die Begründung des Schulkommandanten vorgeschoben sei. Das Angebot, die Ausbildung nächstes Jahr zu machen, könne er nicht annehmen, weil er ein Studium beginnen wolle und ein vorheriger Sprachaufenthalt Bedingung sei.

«Zeichen gegen den Zivildienst»

«Ich fühle mich hintergangen», sagt D. «Ich habe einen Schritt auf die Armee zugemacht und mich zum Weitermachen bereit erklärt, weil die Verantwortlichen mir zeitlich entgegenkamen. Nun ist diese Zusage nichts mehr wert.» Er sei schwer enttäuscht, sagt D. Ob er die Entlassung anfechten will, entscheide er am Wochenende.

Ein anderer Betroffener sagt, er wolle den Entscheid anfechten. Grosse Chancen rechne er sich aber nicht aus. «Wahrscheinlich wollte der Kommandant ein Zeichen gegen das Wechseln in den Zivildienst setzen», sagt er. Er glaube, dass das Vorgehen von der Armeeführung gestützt werde.

Langer Einsatz nötig

Besonders bitter sei, dass die Entlassung am Dienstag erfolgt sei. Anfang nächster Woche hätten die fünf Soldaten nämlich 80 Prozent ihrer Rekrutenschule absolviert. Bei einem Wechsel in den Zivildienst hiesse das, dass sie keinen zusammenhängenden Arbeitseinsatz von 180 Tagen mehr absolvieren müssten.

Im Gesuch zur Zulassung zum Zivildienst muss bestätigt werden, dass ein Gewissenskonflikt mit dem Militärdienst besteht. Erst danach ist der Besuch des Einführungstages möglich. Danach gibt es allerdings eine Bedenkfrist und Gesuchsteller müssen schriftlich erneut bestätigen, dass sie in den Zivildienst wechseln wollen. Erst dann wird über die Zulassung entschieden. Dass bereits vor dem Einführungstag eine Entlassung aus der Armee stattfindet, ist unüblich. Das Bundesamt für Zivildienst schreibt in einem Leitfaden: «Reichen Sie Ihr Gesuch während eines laufenden Militärdienstes ein, leisten Sie diesen weiter, bis Sie den Entscheid zur Zulassung erhalten haben.»

Kampf gegen Abschleicher

Zukünftig sollen Rekruten und Soldaten, die von der Armee in den Zivildienst wechseln, noch härtere Bedingungen erfüllen. So sollen Zivis nach dem Willen des Bundesrats nach einem Wechsel aus einer nicht beendeten RS innerhalb eines Jahres einen langen Einsatz absolvieren müssen.

Die Zahl der Zulassungen zum Zivildienst sei nach wie vor zu hoch, argumentierte der Bundesrat im Februar. Für die Bestände der Armee sei das ein Problem. Die Zahl der «Abschleicher», die aus der RS in den Zivildienst wechseln, soll laut Aussagen des früheren Verteidigungsministers Guy Parmelin deutlich sinken, und die Abgänge von Kaderpersonen sollen deutlich reduziert werden (siehe Box).

«Wäre am liebsten geblieben»

A.D. wollte nie zu den Abschleichern gehören. «Am liebsten hätten ich und meine Kollegen die RS als Soldaten fertiggemacht», sagt er. Nun könne er es sich aber gut vorstellen, in den Zivildienst zu wechseln. «Ich habe die Nase voll von der Armee», sagt er.

Die Armee konnte auf eine Anfrage von 20 Minuten bis Dienstagabend keine Stellung nehmen. «Wir müssen die Ereignisse intern erst genau abklären», sagt der Armeesprecher Daniel Reist.

(ehs/daw)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Hoeloe am 17.04.2019 06:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Versteh ich nicht...

    Sie wollten aus dem Militärdienst entlassen werden und jetzt ist auch nicht recht...

    einklappen einklappen
  • teddy1993 am 17.04.2019 06:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wer Spielchen spielt, muss bereit sein zu verliere

    Tragisch für die Soldaten, deren Spielchen nun halt nicht aufgegangen ist. Wer droht, muss auch bereit sein, die Konsequenzen zu ziehen.

    einklappen einklappen
  • Mario am 17.04.2019 06:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Plötzlich...

    Gewissensbisse so plötzlich? Ist doch auch nur vorgeschoben.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Koch René am 18.04.2019 19:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Skandal

    Es ist ein Skandal wenn das stimmen sollte. Das Personal der Armee ist die Hypothek der ganzen Landesverteidigung!!!

  • Max fuir am 18.04.2019 19:16 Report Diesen Beitrag melden

    Ich wollte Dienst leisten

    Ich wollte Dienst leisten sogar durchrdiener und mit Ambition eine Kader Position zu erhalten. Jedoch wurde ich UT gestempelt weil ich in der Kindheit schlafgewandelt bin. Also Rosinen picken wo es nur geht. Diese Miliz Armee gehört abgeschafft!

  • horst am 18.04.2019 19:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    weshalb

    es wird das falsche verhalten unterstützt. wenn man kein bock hat und sich keine mühe gibt ist man fein raus. wenn man sich etwas anstrengt, wird man zu weiterem dienst gezwungen. wenn man nicht weiter machen will, einfach 8 wochen die sau rauslassen. ich musste jedes wochenende 4 h nacharbeit leisten. dafür konnte ich immer zu spät kommen und wenn ich die hälfte des gepäcks "vergessen" hatte, sagte niemand etwas. am schluss nur noch wachdienst (3-4h/tag) und restliche zeit filme schauen und kiffen. überhaupt keinen anreiz sich etwas zu bemühen (abgesehen vom eigenen egl)

  • Dani am 18.04.2019 17:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wehr vs Zivildienst

    Ich finde der Dienst an der Allgemeinheit sollte im Zentrum stehen, ob nun Wehr- oder Zivildienst, sollte keine Rolle spielen.

  • Egon Zuppiger am 18.04.2019 16:55 Report Diesen Beitrag melden

    Schafft sie ab, die Armee.

    Schaffen wir sie endlich ab. Diese Armee ist nicht brauchbar und basiert auf veralteten Prinzipien. Eine Erneuerung von innen an die heutigen Anforderungen ist unmöglich. Ein Neubeginn auch nicht. Krieg heisst heute Verlust von technischem KnowHow und Einfluss auf die welweiten Resourcen. Die Rosinen der Schweizer Wirtschaft sind schon lange in internationalen Konzernen einverleibt. Wir sind erpressbar, geworden wie die Unternehmensteuerreformen zeigen. Die Konzerne sagen was geht. Unser Volkwissen ist verscherbelt worden und die Armee täumt von Angreifern die nie kommen werden.