Angst vor Knappheit

25. März 2020 10:37; Akt: 25.03.2020 10:37 Print

Auch bei den Kiffern gibts Hamsterkäufe

Nicht nur in den Einkaufsläden gibts Hamsterkäufe. Auch bei Drogendealern ist die Nachfrage steigend. Konsumenten legen sich Vorräte an.

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Bei Grossverteilern kommt es zu Hamsterkäufen, seit das Coronavirus die Schweiz in seinem Griff hat. Doch auch auf dem illegalen Markt kommt es zu Panikkäufen.

«Meine Kunden sind ruhig drauf. Bei Kollegen kam es diese Tage aber immer wieder vor, dass die fünf- oder sechsfache Menge Gras gekauft wurde. Viele Konsumenten legen sich jetzt einen Vorrat an», sagt ein Innerschweizer Marihuana-Dealer zu 20 Minuten.

Besonders bei Dealern, die ihre Ware aus dem Ausland bezögen, gebe es teilweise nicht mehr viel zu holen. «Einige sitzen schon auf dem Trockenen.» Er handle nur mit Marihuana aus der Schweiz, da sei die Versorgung noch gesichert. «Aber auch die Schweizer Anbauer sind auf das Ausland angewiesen. Die Samen zur Zucht werden meistens importiert.»

Dealer auf der Strasse im Fokus

Weiter meint er, dass der Schwarzmarkt etwas zum Erliegen gekommen sei: «Es sind viel weniger Leute unterwegs, also auch weniger Kunden. Und wenn du jetzt als Dealer draussen an deiner Ecke stehst, ziehst du automatisch die Aufmerksamkeit der Polizei auf dich.»

Ein anderer Insider vermutet, dass es schon nach einem Monat zu Lieferengpässen oder Qualitätsverlusten kommen könnte: «Auch Schweizer Anbauer können nicht mehr in Growshops einkaufen gehen. So fehlen ihnen wichtige Utensilien wie etwa Spezialdünger.» Und auch er musste sein Geschäftsmodell anpassen: «Ich mache jetzt auf Anfrage auch kontaktlose Lieferung.»

Beim Import wird es schwieriger

«Die Situation hat sich in den letzten Wochen offenbar verändert», sagt R. L. (24), der regelmässig Marihuana konsumiert. Von seinem Dealer wisse er, dass die Nachfrage stark angestiegen sei. «Einige kaufen vier- bis fünfmal mehr als üblich.» Einige machten dies aus Angst. Andere wollten sich einen Vorrat für eine Ausgangssperre anschaffen.

Er kaufe Marihuana aus der Schweiz. Deshalb befürchte er auch keinen Preisanstieg. «Für Kiffer, die importiertes Gras rauchen, wird es in der nächsten Zeit wohl schwieriger», sagt er. Eines sei sicher – egal ob aus der Schweiz oder importiert: «Kommt es zu einer Knappheit, dann steigen die Preise an.»

Nur Süchtige hamstern

Laut dem Psychologen Thomas Spielmann sind Hamsterkäufe bei Marihuana «keineswegs zu vergleichen mit Hamsterkäufen von WC-Papier», wie er sagt. «Es zeigt, dass diese Leute psychisch enorm süchtig sind. Sie sehen schon jetzt: ‹Wir kommen bald auf den Entzug.› Deshalb hamstern sie nun.» Das sei wie bei Rauchern, die mehr Zigaretten kaufen, wenn sie wissen, dass sie in der nächsten Zeit keine Gelegenheit mehr dazu haben. «Wer nicht abhängig ist, der kümmert sich auch nicht um einen Vorrat», sagt Spielmann weiter.

Wegen des Virus könnten auch Menschen in die Sucht abrutschen: «Die Gefahr der Corona-Krise liegt auch in den wirtschaftlichen Folgen. Entlassungen und Kurzarbeit können zu sozialen Problemen führen, was einen problematischen Substanzgebrauch begünstigen kann», sagt Monique Portner von Sucht Schweiz. Auch bei Sucht Schweiz musste man reagieren: «Wegen der Massnahmen sind Therapieangebote wie Gruppentherapien nicht möglich», so Portner. «Was wir anbieten, auch jetzt noch, ist eine telefonische Beratung für Betroffene und Nahestehende.»

(20m)