Erwerbsquote

21. Juni 2017 08:49; Akt: 21.06.2017 08:56 Print

Auf dem Land arbeiten Flüchtlinge viel häufiger

von B. Zanni - Fast die Hälfte der anerkannten Flüchtlinge hat im Kanton Nidwalden einen Job. Im Kanton Genf besteht dagegen noch viel Aufholpotenzial.

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«Je ländlicher und alemannischer ein Kanton ist, desto höher ist die Erwerbsquote von Flüchtlingen», sagt Integrationsexperte Thomas Kessler. (Bild: Keystone)

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Nidwalden steht bei der Integration von Flüchtlingen an der Spitze. 45,5 Prozent der anerkannten Flüchtlinge haben einen Job. Dies zeigt die Statistik des Staatssekretariats für Migration mit Stand Ende Mai 2017. Auf Platz zwei folgt Uri (39, 3 Prozent), auf Platz drei der Kanton Appenzell Innerrhoden (39,1 Prozent).

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«Alle anerkannten Flüchtlinge, die können, arbeiten», sagt Roger Dallago, Vorsteher des Nidwaldner Amts für Asyl und Flüchtlinge. Engagiert seien sie querbeet vom Gastgewerbe über den Pflegebereich bis zum Autogewerbe. Was ist Nidwaldens Erfolgsrezept? Die Behörde beziehe die Flüchtlinge konsequent in den Arbeitsmarkt ein, sagt Dallago. «Einen Flüchtling muss man gut ‹verkaufen›. Wir führen dem Arbeitgeber das Potenzial vor Augen.» Auch unterstütze das Amt für Asyl und Flüchtlinge die Arbeitgeber administrativ so stark, dass diese praktisch keinen Aufwand mehr hätten. Laut Dallago sind die Nidwaldner Arbeitgeber, mit denen das Amt zusammenarbeitet, gegenüber Flüchtlingen zudem sehr offen.

«Arbeitgebern mangelt es an Informationen»

Schlusslicht ist der Kanton Genf mit einer Erwerbsquote von 9,4 Prozent. Danach folgen der Kanton Tessin (14,4 Prozent) und Waadt (15 Prozent). Oft mangle es an Informationen, sagt Nathalie Riem, Sprecherin des Genfer Migrationsamts. «Manchmal wissen die Arbeitgeber nicht, dass sie eine vorläufig aufgenommen Person anstellen können.»

Dazu kämen bürokratische Hindernisse. «Von den Arbeitgebern wird verlangt, dass sie die Flüchtlinge für den Stellenantritt beim Bund vorgängig anmelden.» Auch koste jeder Flüchtling den Arbeitgeber etwas. Riem nennt den Steuerabzug von zehn Prozent auf den Lohn vorläufig aufgenommener Flüchtlinge.

«Geringe Wertschätzung»

«Je ländlicher und alemannischer ein Kanton ist, desto höher ist die Erwerbsquote von Flüchtlingen», sagt Integrationsexperte Thomas Kessler. Grund dafür sei der Gemeinsinn in den Dörfern. «Die Leute kennen einander und damit auch die Behörden und Arbeitgeber.» Die Bürger reagierten auf Gemeindeaufgaben pragmatisch. «Man will nicht, dass die Leute der Gemeindekasse auf der Tasche liegen.» Ebenso Ehrensache sei es, einander Arbeit zu beschaffen. «Die Bürger sehen sich als Schicksalsgemeinschaft, in der niemand dem anderen zur Last fallen darf.»

Kantone mit tiefer Erwerbsquote seien kein Beleg für eine ausländerfeindliche Einstellung, sagt Kessler. «Die Bürger im Kanton Genf und Tessin haben eher ein lateinisches Staatsverständnis.» Der Kanton Genf betreibe eine sehr gut ausgebaute Integrations- und Sozialhilfepolitik. Die Gemeinschaftsaufgaben würden aber häufiger an die Behörden delegiert. «Auch ist die Wertschätzung der Handwerksarbeit dort traditionell geringer.» Als Hilfsschreiner sei man in Nidwalden ein angesehenes Gemeindemitglied, in Genf dagegen sei das Prestige geringer.

Sommaruga will handeln

Justizministerin Simonetta Sommaruga sieht in den Kantonen bei der Erwerbsquote von Flüchtlingen laut Radio SRF grosses Aufholpotenzial. Die bisherige Integrationspauschale des Bundes von 6000 Franken pro Person müsse effizienter eingesetzt werden, fordert sie. Umso nötiger sei dies, da «einige Kantone die Hälfte der Flüchtlinge nach fünf Jahren in einem Job haben und andere nur 15 Prozent».

Dafür hat sie die neue «Integrationsagenda Schweiz» ins Leben gerufen. Ziel ist, dass Bund und Kantone bis Ende Jahr definieren, wie die beruflichen Potenziale von Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen besser genutzt werden könnten.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Frau Hoffnung am 21.06.2017 09:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Toll

    Wenn doch nur die Kantone und Bund einen solchen Aufwand betreiben und sich einsetzen würden für die Stellensuchenden Ü50.

  • Tom Timo am 21.06.2017 08:59 Report Diesen Beitrag melden

    Traurig

    Und die in den Städten lungern am Bahnhof herum mit dem neuen iPhone am Ohr...

  • Arbeitssuchender am 21.06.2017 09:01 Report Diesen Beitrag melden

    die anderen?

    Und wer kümmert sich um diese, die wegen Fachkräften auf die Strasse gestellt wurden, die Arbeitslos sind, die Ausgesteuert sind?

Die neusten Leser-Kommentare

  • Prof. Dr. Abdul Nachtigaller am 21.06.2017 10:23 Report Diesen Beitrag melden

    Schachtelsatz

    Mal ehrlich, wenn euch einer, der kaum unsere Sprache spricht, unsere Kultur nicht kennt und dazu noch eine andere Hautfarbe hat, den Job weg nimmt, dann ist nicht er das Problem, sondern Ihr.

  • Mr. Sarcasm am 21.06.2017 10:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Arbeit für alle

    Man sollte meiner Meinung nach JEDEN Asylbewerber und Flüchtling beschäftigen. Wer arbeitsfähig ist, sollte unsere Umgebung pflegen, dem Land etwas gutes tun und sich so seinen Aufenthalt abverdienen. Mal sehen, wie sich DANN die Zuwanderung entwickeln würde!

  • Chnoblibrot am 21.06.2017 10:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Rechten

    Erst motzen sie rum, dass sich die Flüchtlinge nicht integrieren wollen, dann wenn sie sich integrieren, ist es auch nicht recht. Wenn die Flüchtlinge Jobs machen, welche kein Schweizer machen möchte, wird gejammert, sie nehmen uns die Arbeit weg. Schon sehr inkonsequent, die Rechten. Verstehen kann das ein Normaldenkender nicht...

  • Moi am 21.06.2017 10:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    hmmm

    Was mich stört ist das wir 2 Jahre Chinzgi, 9 Jahre Schule, Jahre Lehre, Militär oder ZV machen und dann keinen Job mehr finden, uns aber anhören müssen " Wer soll es denn sonst machen " Wir haben keine WC Putzer, wir haben Facility Manager, wir haben auch keine Mäher, wir haben Landschaftsgärtner. Und viele wären froh, einen Platz zu finden.

  • Cisi am 21.06.2017 10:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Was wird aus uns

    Super ich bin hier geboren habe die 9 jahre schule absolviert habe meine ausbildung zum kaufmann erfolgreich abgeschlossen und habe praktikas gemacht und bin trotzdem seit 4 Jahren arbeitslos was läuft hier falsch man muss jeden rappen 3 mal umdrehen das ich über die runden komme eindeutig nicht normal