Arbeitsmarkt Schweiz

12. Juni 2019 04:49; Akt: 12.06.2019 07:04 Print

Ausländerinnen arbeiten mehr als Schweizerinnen

Migrantinnen in der Schweiz haben öfter studiert, arbeiten eher in hohen Pensen und häufiger in Kaderpositionen als Schweizerinnen. Das zeigt eine neue Studie.

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Ausländerinnen in der Schweiz arbeiten vor allem in Niedriglohn-Berufen wie der Pflege, im Verkauf, im Gastrobereich und als Hilfskräfte. Dieses verbreitete Bild stimmt nur bedingt, zeigt nun eine neue Studie der eidgenössischen Migrationskommission. 2017 lebten rund eine Million Ausländerinnen in der Schweiz. Diese Abbildung zeigt die Ausbildungsstufen der erwerbstätigen Bevölkerung (2018). Beispielsweise sieht man hier, dass Ausländerinnen öfter die Tertiärstufe abgeschlossen haben als Schweizerinnen. Ausländerinnen arbeiten laut Studie zudem deutlich häufiger in hohen Arbeitspensen als Schweizer Frauen. Studienautorin Marina Richter sagt: «Viele Migrantinnen sind bereit, zu höheren Prozentsätzen zu arbeiten. Sie wollen ihre Familien ernähren und nicht von Sozialhilfe abhängig sein.» Die Studie zeigt auch die Arbeitsmarktposition nach Staatsangehörigkeit und Geschlecht (2018). Während Schweizerinnen beispielsweise vorwiegend im Büro und verwandten Berufen arbeiten, sind Ausländerinnen eher als Hilfsarbeitskräfte, im Verkauf oder Dienstleistungssektor tätig. Mit einem Anteil von 22 Prozent sind Ausländerinnen viel häufiger in Führungspositionen vertreten als Schweizerinnen (15 Prozent). Ein Beispiel dafür ist die Italienerin Simona Scarpaleggia, die seit 2010 als CEO von Ikea Schweiz amtet. Laut Sandro Favre, Mitarbeiter am Institut für Volkswirtschaftslehre der Uni Zürich, kann man nicht pauschal behaupten, dass Migrantinnen arbeitsamer als Schweizerinnen sind. «Zwar ist es richtig, dass Immigrantinnen im Durchschnitt mehr Stunden pro Woche arbeiten als Schweizerinnen. Es nehmen jedoch weniger Migrantinnen als Schweizerinnen überhaupt am Arbeitsmarkt teil.» Isabel Zubieta (50) aus Ittigen BE, die im Januar 2017 die Reinigungsfirma «Lares» gründete, sagt: «Ich glaube fest daran, dass Ausländerinnen sich mehr Mühe als Schweizerinnen geben müssen, um hier etwas zu erreichen. Beispielsweise müssen ausländische Putzfrauen mehr Stunden arbeiten, um am Ende des Monats den gleichen Lohn wie eine Schweizer Putzfrau zu erreichen.» Auch sie habe kämpfen müssen, als sie in die Schweiz gezogen sei, so Zubieta: «Als ich mit 16 Jahren von Spanien in die Schweiz zog, konnte ich hier keine Ausbildung beginnen. Also begann ich, als Reinigungskraft zu arbeiten. Die Reinigungsfirma habe ich dann gegründet, weil ich mehr Anerkennung wollte: Und das konnte ich nur erreichen, indem ich selbst eine Führungsposition einnahm.» Ob auf sozialer, wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Ebene – Migrantinnen leisteten einen vielseitigen Beitrag für die Gesellschaft, kommt die Studie zum Schluss. Aber die Akzeptanz und Anerkennung dafür fehle vielerorts, konstatiert Studienautorin Marina Richter. «Es muss den Bürgern bewusst werden, dass Migrantinnen keine Last, sondern eine tragende Säule der Gesellschaft sind.»

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Ausländerinnen in der Schweiz arbeiten vor allem in Niedriglohn-Berufen wie der Pflege, im Verkauf, im Gastrobereich und als Hilfskräfte. Dieses verbreitete Bild stimmt nur bedingt, zeigt nun eine neue Studie der eidgenössischen Migrationskommission (EMK, siehe Box). Mit 35 Prozent haben mehr Ausländerinnen eine Tertiärausbildung (Berufs-, Fach-, Hochschule) abgeschlossen als Schweizerinnen. Bei ihnen beträgt der Anteil 28 Prozent.

Hinzu kommt: Ausländerinnen arbeiten laut Studie deutlich häufiger in hohen Arbeitspensen als Schweizer Frauen. Sind sie demnach ehrgeiziger und arbeiten härter? Studienautorin Marina Richter sagt: «Das wäre zu pauschal gesagt. Aber viele Migrantinnen sind bereit, zu höheren Prozentsätzen zu arbeiten. Sie wollen ihre Familien ernähren und nicht von Sozialhilfe abhängig sein.» Die Spanierin Isabel Zubieta, die sich in der Schweiz von der Reinigungskraft zur Firmenchefin gemausert hat, sieht das ähnlich (siehe Bildstrecke): «Ich glaube fest daran, dass Ausländerinnen sich mehr Mühe geben müssen, um hier etwas zu erreichen.»

Selbstständigkeit als möglicher Ausweg

Trotz Arbeitswille und guter Ausbildung erhalten Ausländerinnen allerdings oft keine Jobs, die ihren Qualifikationen entsprechen. Diese werden teils von staatlicher Seite her nicht anerkannt – oder von der Wirtschaft ignoriert: «Viele Arbeitgeber schauen selbst anerkannte ausländische Qualifikationen nicht als gleichwertig mit Ausbildungen in der Schweiz an», sagt Richter.

Das führe dazu, dass Migrantinnen in Berufe mit tiefen Löhnen und prekären Arbeitsbedingungen gedrängt würden, die Schweizerinnen nur ungern ausüben. «Ein möglicher Ausweg daraus ist für Ausländerinnen mit guter Ausbildung der Weg in die Selbstständigkeit», sagt Richter. Die Option, die eigene Chefin zu werden, sei zwar für viele risikoreich. Trotzdem wählen überdurchschnittlich viele Migrantinnen diesen Weg.

Ausländerinnen häufiger in Führungspositionen

Diesen Befund stützt auch die Studie. Mit einem Anteil von 22 Prozent sind Ausländerinnen viel häufiger in Führungspositionen – wie etwa in der Leitung des eigenen Unternehmens – vertreten als Schweizerinnen (15 Prozent). «Diese Frauen mit hohen Qualifikationen kamen beruflich sehr zielgerichtet in die Schweiz, und konnten hier Karriere machen», erklärt Richter. Dafür seien sie auch bereit, das Risiko des Scheiterns, das mit dem eigenen Unternehmen einhergeht, auf sich zu nehmen.

Ob auf sozialer, wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Ebene – Migrantinnen leisteten einen vielseitigen Beitrag für die Gesellschaft, kommt die Studie zum Schluss. Aber die Akzeptanz und Anerkennung dafür fehle vielerorts, konstatiert Richter. «Es muss den Bürgern bewusst werden, dass Migrantinnen keine Last, sondern eine tragende Säule der Gesellschaft sind.»

(qll/rol)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ausrangiert am 12.06.2019 05:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wundèrts

    Überall "Fachkräfte", die ihre Landsleute einstellen. Einheimische, ü45 keine Chance:-( Schon Morgens im ÖV, " Ich kann", Ich weiss",....

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  • Pit767 am 12.06.2019 08:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Studium??

    Warum muss heute eigentlich jeder studiert haben um arbeiten zu können? Ich habe mit "studierten" gearbeitet welche zwar auf Papier qualifikationen hatten aber zu nichts zu gebrauchen waren. Hingegen wenn jemand etwas gelernt hat und sich einsetzt hatte ich meist bessere erfahrungen gemacht, da diese Leute die Arbeit sahen und eigeninitiative zeigten...

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  • Claire am 12.06.2019 08:58 Report Diesen Beitrag melden

    Kann ich nur bestätigen

    Meine ausländischen Freundinnen (D, GB, USA und AT), Akademikerinnen mit Kindern, arbeiten alle hohe Pensen, zahlen entsprechend hohe Steuern und AHV Beiträge. Meine CH Freundinnen sind trotz guter Ausbildung zu Hause oder kleines TZ Pensum. Dabei ist der Anspruch, den Mann als Vollversorger zu haben, viel selbstverständlicher, was mich in 2019 echt erstaunt. Der empfundene Stress trotzdem höher. Steht ein Kindergeburi an und bringt den Wochentakt durcheinander, ist gleich Notstand angesagt. Jeder so wie er mag, aber die Weltanschauungen sind schon arg verschieden.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Jonas am 17.06.2019 21:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Umgekehrt

    Ja bei diesen sind ja auch die Männer arbeitslos und die schicken die Frauen zur Arbeit.

  • Winfler am 14.06.2019 15:31 Report Diesen Beitrag melden

    Gibt genug Arbeit...

    In der CH gibt es aktuell laut Statistik 37.000 offene Stellen. Es gibt also genug Arbeit für die meisten ausser man hat die falsche Ausbildung oder man hat keine Lust/Laune zu arbeiten. Und wenn man eine Ausbildung macht ohne die Berufschancen danach abzuwägen, ist man selber schuld nichts zu finden (oder einfach naiv). Die Schweiz hat eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten Europas und dennoch gibt man Ausländern die Schuld keinen Job zu bekommen... Es ist ja auch viel einfacher den Ausländern die Schuld zu geben als sich selbst für die Situation ;)

  • Urs W. am 13.06.2019 21:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schweizer

    Wieso überrascht mich das Ergebnis nicht?

  • Paddington4450 am 13.06.2019 15:07 Report Diesen Beitrag melden

    Nutzlos

    Eine Studie hat belegt, dass 98.8% aller Studien völlig nutz- und wertlos sind. Hauptsache das Geld wurde verbraten.

  • Rigorosa am 13.06.2019 14:43 Report Diesen Beitrag melden

    Hm, stimmt eigentlich

    Ja, reduziert auf den Titel stimme ich zu, denn sie sind sehr produktiv in Sachen Kinder kriegen.