Schweiz

24. Oktober 2016 06:41; Akt: 24.10.2016 06:41 Print

Ausländerinnen treiben doppelt so häufig ab

von C. Kündig - Pro Jahr treiben in der Schweiz rund 10'000 Frauen ab. Bei den Ausländerinnen ist die Rate sehr viel höher als bei den Schweizerinnen.

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«In gewissen Familien wird das Thema Verhütung tabuisiert», so Ärztin Sibil Tschudin. (Bild: Keystone/Christian Beutler)

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10'255 Frauen haben letztes Jahr in der Schweiz einen Schwangerschaftsabbruch vorgenommen. Dies zeigen Zahlen des Bundesamts für Statistik (BFS). Dabei ist die Abtreibungsquote bei den Ausländerinnen mehr als doppelt so hoch wie diejenige der Schweizerinnen.

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Im Jahr 2014 lag die Rate der Schwangerschaftsabbrüche bei den Schweizerinnen bei 0,44 Prozent, jene der Ausländerinnen bei 0,96 Prozent, schreibt das BFS.

Dabei sind die meisten Ausländerinnen, die sich für einen Abbruch ihrer Schwangerschaft entscheiden, zwischen 20 und 24 Jahre alt. Am häufigsten stammten sie 2014 aus Afrika: 35,1 Afrikanerinnen von Tausend haben sich in diesem Jahr gegen ein Kind entschieden. Darauf folgten Frauen aus Lateinamerika. Am dritthäufigsten haben Frauen aus dem Nahen und Mittleren Osten abgetrieben.

«Missbräuche auf dem Fluchtweg»

Barbara Berger, Geschäftsleiterin Sexuelle Gesundheit Schweiz, sieht dafür verschiedene Gründe: «Vereinfacht gesagt haben viele Migrantinnen durch Sprachschwierigkeiten einen weniger guten Zugang zu Informationen und Verhütung. Deshalb haben wir die Internetseite sex-i lanciert. Dort gibt es Informationen in den verschiedensten Sprachen.»

Weiter würden auch die sozioökonomischen Verhältnisse der Frauen eine Rolle spielen: «Viele Migrantinnen verfügen über weniger finanzielle Mittel als Schweizerinnen. Ausgaben für Verhütung sind teuer und müssen selbst bezahlt werden. Deshalb haben sie bei diesen Frauen oft gezwungenermassen keine Priorität.»

Bei Sans-Papiers hingegen sei wohl auch der ungeregelte Aufenthaltsstatus ein Faktor: «Diese Frauen suchen die ‹Behörden› aus Angst erst bei eintretender Katastrophe auf, eben beispielsweise einer ungewollten Schwangerschaft.» Auch sei der Zugang zu Verhütung bei Asylsuchenden nicht in allen Kantonen geregelt. «Und auch sexuelle Missbräuche auf der Flucht führen unter anderem zu ungewollten Schwangerschaften von Asylsuchenden.»

«In manchen Herkunftsländern gibt es keine sicheren Verhütungsmittel»

Sibil Tschudin, Leitende Ärztin der Frauenklinik des Universitätsspitals Basel, hat immer wieder mit ausländischen Patientinnen zu tun. Sie sieht die Gründe auch im Elternhaus: «In gewissen Familien sind Themen wie Sexualität und Verhütung tabuisiert, dort können die Jugendlichen nicht fragen, ob sie die Pille nehmen dürfen. Das ist natürlich entscheidend.»

Ausserdem seien ausländische Frauen eher durch gewisse Nebenwirkungen der Verhütungsmethoden verunsichert. «So machen sie sich beispielsweise Sorgen, wenn die Periode unter der Dreimonatsspritze oder Hormonspirale ausbleibt.» Man müsse sich bewusst sein: «In manchen Herkunftsländern stehen gar keine sicheren Verhütungsmittel zur Verfügung.»

«Für viele Ausländer ist es entscheidend, wie viel es kostet»

Auch Tschudin spricht die Kosten der Kontrazeptionsmittel an: «Für Menschen aus dem Ausland mit niedrigem Einkommen – aber auch für Jugendliche – ist es entscheidend, wie viel ein Verhütungsmittel kostet. Ich finde deshalb, dass Pille und Co. von der Krankenkasse übernommen werden sollten.»

Die Statistik der Schwangerschaftsabbrüche wurde mit Daten aus 15 Kantonen erstellt. Als Ausländerin galt jede Frau, die sich nicht als Schweizerin ausweisen konnte.