Mit Vorurteil aufgeräumt

13. Dezember 2011 10:35; Akt: 13.12.2011 11:19 Print

Ausländerkinder werden unterschätzt

Wer in der Primarschulklasse mit vielen Migrantenkindern lernt, lernt deswegen nicht schlechter. Allerdings haben die Lehrer zu geringe Erwartungen an die Schüler.

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Schülerinnen aus der Türkei verfolgen im Dreirosen-Schulhaus in Basel den Unterricht. Das Dreirosen-Schulhaus bietet integrierte Erstsprachförderung. (Bild: Keystone)

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Primarschülerinnen und -schüler lernen in Klassen mit hohem Ausländeranteil genauso gut wie in reinen Schweizer Klassen. Zu diesem Schluss kommt eine junge Forscherin in ihrer Doktorarbeit an der Universität Bern.

Ein hoher Ausländeranteil in Schulklassen weckt oft Befürchtungen: Viele Schweizer Eltern glauben, ihr Kind könnte in einer solchen Klasse benachteiligt sein, es werde zum Beispiel weniger gefördert und gefordert, weil ein effizienter Unterricht in Multikulti-Klassen nicht möglich sei.

Für die Erziehungswissenschaftlerin Tamara Carigiet sind diese Befürchtungen nicht haltbar, wie die Uni Bern im Forschungsmagazin «UniPress» berichtet. Die kulturelle Zusammensetzung einer Klasse spiele keine Rolle für die Schulleistungen - weder für das allgemeine Niveau der Klasse noch für den einzelnen Schüler, wird Carigiet zitiert.

Kein Einfluss des Ausländeranteils

Für ihre Dissertation untersuchte die Forscherin 42 Schulklassen der dritten Primarschulestufe aus dem deutschsprachigen Teil des Kantons Bern. Sie führte Leistungs- und Intelligenztests durch mit den Kindern und verteilte Fragebögen. Der Ausländeranteil in den Klassen war unterschiedlich hoch.

Es zeigte sich, dass die Schulleistungen nicht vom Ausländeranteil in der Klasse abhängen. Nicht einmal in Klassen mit über 30 Prozent Ausländerkindern waren die Leistungen schlechter. Für Carigiet war dieses Resultat überraschend, denn einige frühere Studien hatten solche Effekte gefunden.

Allerdings seien diese Studien bei Oberstufenklassen durchgeführt worden, wird Carigiet zitiert. Und in diesen Fällen hätten nicht etwa die Schweizer Kinder unter dem hohen Ausländeranteil gelitten, sondern die Ausländer selber: Nur Kinder mit Migrationshintergrund lernten in Klassen mit hohem Ausländeranteil schlechter.

Chancengleichheit

Für Carigiet, die jetzt an der Pädagogischen Hochschule Bern arbeitet, ist ihr Studienergebnis erfreulich: «Das bedeutet, dass jedes Kind in einer Primarschule im Prinzip dieselben Chancen für den Schulerfolg erhält - egal wie hoch der Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund in der Klasse ist», sagte sie.

Wichtig für den Schulerfolg eines Kindes sind laut Carigiets Studie vor allem die kognitiven Grundfähigkeiten und das Geschlecht - Mädchen schneiden besser ab als Knaben. Auch die Herkunft spielt eine Rolle: Kinder, die im Ausland geboren wurden und nur eine nicht-deutsche Sprache als Erstsprache angeben, sind im Nachteil.

Unterschätzte Ausländerkinder

Allerdings werden Migrantenkinder von ihren Lehrerinnen und Lehrern auch systematisch unterschätzt, wie die Studie zeigt. Lehrkräfte trauten Ausländerkindern für die von Carigiet durchgeführten Tests deutlich weniger gute Leistungen zu, als diese danach erreichten. Schweizer Kinder dagegen wurden eher überschätzt.

Zu tiefe Erwartungen können laut der Forscherin zu einem Problem werden für die Schüler: Lehrer geben Schülern unter Umständen anspruchslosere Aufgaben und verhindern so, dass diese ihr Potenzial entfalten. Vor allem jüngere Schüler reagieren zudem empfindlich auf negative Erwartungen der Lehrer.

(sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Peschä am 13.12.2011 16:16 Report Diesen Beitrag melden

    Sprachkenntnisse

    Ein zentraler Punkt sind sicher die Sprachkenntnisse. Sind diese allzu mangelhaft ist ein guter Unterricht kaum möglich. Kann sein, dass dann weder Ausländer- noch Schweizer-Kinder gute Resultate erzielen. Ein weiterer Punkt ist der familiäre Hintergrund. Legen die Eltern wert auf Bildung und unterstützen sie ihre Kinder? Hier findet man beides bei Schweizern und Ausländern.

  • ETH-Studentin am 14.12.2011 12:57 Report Diesen Beitrag melden

    Der Punkt ist ein anderer

    Kaum ein Schulsystem ist katastrophaler als jener der Schweiz. In der Primar und Oberstufe werden ALLE Schüler regelrecht unterfordert, was dazu führt, dass Schüler anfangen den Unterricht zu stören. Die Lehrer fangen dann an, sich diesen Problemen zu widmen und nichts bringende Sitzungen zu organisieren, anstatt der wahren Ursache auf den Grund zu gehen. Somit wird nur der Schulstoff vernachlässigt. Nehmt euch ein für allemal ein Beispiel an der EU!

  • Roman Winter am 13.12.2011 10:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    80%

    Spannend wäre es jetzt noch zu erfahren, wie dies bei Schulklassen mit einem Ausländeranteil von über 80% ausschaut?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • ETH-Studentin am 14.12.2011 12:57 Report Diesen Beitrag melden

    Der Punkt ist ein anderer

    Kaum ein Schulsystem ist katastrophaler als jener der Schweiz. In der Primar und Oberstufe werden ALLE Schüler regelrecht unterfordert, was dazu führt, dass Schüler anfangen den Unterricht zu stören. Die Lehrer fangen dann an, sich diesen Problemen zu widmen und nichts bringende Sitzungen zu organisieren, anstatt der wahren Ursache auf den Grund zu gehen. Somit wird nur der Schulstoff vernachlässigt. Nehmt euch ein für allemal ein Beispiel an der EU!

  • Vanesa Sanchez am 14.12.2011 10:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Interesse

    Ich sage das jeder Mensch, einen Gehirn hat. Egal ob der Mensch (Schwarz oder Weiss / arm oder reich) ist. Es kommt einfach immer auf die interesse darauf an, wen man lernen will dann lässt man sich nicht von Ausländer oder Schweizer -kinder beeinflussen. Was bringt den diese Studie ? Wir können nicht alles verändern.

  • Jon Doe am 13.12.2011 22:25 Report Diesen Beitrag melden

    Die Studie ist falsch

    Die Studie ist irrefuehrend und falsch. Meine korrekte anlayse des Sachverhalts hat ergeben, dass das Umgekehrte dessen zutrifft, was diese Studie vorgaukelt.

  • Susanne am 13.12.2011 20:28 Report Diesen Beitrag melden

    Leistung:

    Leider ist dies in schweizer Schulen verpönt! Lieber steckt man ein Kind in die Kleinklasse, bevor es überhaupt die andere Klasse besucht hat, anstatt es umgekehrt anzugehen. Zuerst die Normalklasse anstreben und erst bei Schwierigkeiten abstufen. Für Lehrer ist eine Kleinklasse ein positive Möglichkeit, die "Dümmeren" auszusortieren, anstatt diese mit MEHR Rechnen, Lesen und Schreiben zu fördern. Eine Lehrstelle als Kleinklässler ist Heute kaum mehr möglich, aber das ist den Lehrern dann egal. Sie haben ja den Job aus Steuergeldern!!!

  • Michael M. am 13.12.2011 17:44 Report Diesen Beitrag melden

    Wortwahl

    Stört sich niemand an dem Wort "AUSLÄNDERKINDER". Gibt es in der Schweiz denn Kinder und Ausländerkinder, werden die auch so angesprochen? Komm mal her Kind und auch du "Ausländerkind". Gibt es dieses Wort im Duden? Ich meine das hier ist doch eine "Onlinezeitung", da sollte man doch die Wortwahl anpassen.