Ständerat dagegen

28. November 2013 14:44; Akt: 28.11.2013 15:37 Print

Automatische Organspende vom Tisch

Trotz Spendermangels hat der Ständerat eine Gesetzesrevision abgelehnt, bei der jeder automatisch zum Organspender würde. Man will stattdessen auf konkrete Massnahmen setzen.

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In der Schweiz sterben jedes Jahr Dutzende von Menschen, weil kein Spenderorgan zur Verfügung steht. Aber auch in Zukunft dürfen Organe einer verstorbenen Person nur dann entnommen werden, wenn sie oder allenfalls die Angehörigen zugestimmt haben.

Der Ständerat hat am Donnerstag einen Wechsel zur Widerspruchslösung abgelehnt. Damit könnten Organe entnommen werden, sofern sich eine Person vor dem Tod nicht ausdrücklich dagegen ausgesprochen hat. Bei der Revision des Transplantationsgesetzes folgte die kleine Kammer ihrer Kommission und entschied mit 24 zu 18 Stimmen, bei der heute geltenden Zustimmungslösung zu bleiben.

Zur Kenntnis nehmen musste der Rat die dramatischen Fakten: 1165 Personen hatten Ende 2012 auf ein Spenderorgan gewartet. Bei 453 Patienten konnte im Lauf des Jahres eine Transplantation durchgeführt werden, 53 starben noch auf der Warteliste. Die tatsächliche Zahl der Toten ist nicht bekannt: Wer bereits zu krank ist für eine Transplantation, wird von der Liste gestrichen.

Geben und nehmen

So unbestreitbar der Mangel an Spenderorganen, so umstritten waren die Rezepte, um diesen zu beheben. Der Mediziner Felix Gutzwiller (FDP/ZH) pochte auf die gesellschaftliche Solidarität: Wer den Anspruch auf ein Spenderorgan habe, müsse selbstverständlich auch als Organspender zur Verfügung stehen. «Zu nehmen, aber nicht zu geben, das funktioniert hier nicht», sagte er.

Die persönliche Auseinandersetzung mit der Frage der Organspende beurteilte Gutzwiller als absolut zumutbar. Er verwies auch auf Länder wie Spanien oder Österreich, die mit der Widerspruchslösung bedeutend höhere Spenderaten erreicht hätten.

Tiefe Schweizer Spenderate

Tatsächlich werden in der Schweiz nur zwölf von einer Million Einwohnern Organspender, was einer der tiefsten Werte von Europa ist. In anderen Ländern wie Spanien, Österreich, Frankreich oder Italien liegt die Spenderate etwa doppelt so hoch.

Keine Studie zeige, dass dies eine Folge der Widerspruchslösung sei, entgegnete Bundesrat Alain Berset. Gerade in Spanien habe sich mit dem Systemwechsel allein überhaupt nichts geändert. Erst nach der Umsetzung eines Aktionsplans sei die Zahl der Organspenden sprunghaft angestiegen. Auch Österreich, Australien und die USA hätten solche Massnahmen erfolgreich umgesetzt.

Konkrete Massnahmen

Gesundheitsminister Berset plädierte dafür, auch in der Schweiz auf konkrete Massnahmen statt auf einen eher theoretischen Systemwechsel zu setzen. Solche hat der Bundesrat im letzten März vorgestellt.

Kernpunkte des Aktionsplans «Mehr Organe für Transplantationen» sind Koordinationspersonen auf allen Ebenen, verbindliche Spendenprozesse in allen Spitälern, der Aufbau einer nationalen Stelle sowie die Information der Bevölkerung. Erste konkrete Schritte versprach Berset noch für dieses Jahr.

Der Bundesrat hatte sich unter anderem aufgrund eines Berichts der Nationalen Ethikkommission für Humanmedizin für dieses Vorgehen entschieden. Das Gremium hatte sich gegen die Widerspruchslösung ausgesprochen, insbesondere wegen einer möglichen Gefährdung der Persönlichkeitsrechte.

Gewichtiger Eingriff

Dieses Argument hatte im Ständerat grosses Gewicht. «Organentnahme ist ein Eingriff in die Integrität, in die Persönlichkeit, in die Würde eines Menschen», gab Urs Schwaller (CVP/FR) zu bedenken. Ein solcher setze eine ausdrückliche und nicht nur eine vermutete Zustimmung voraus. Auch für Karin Keller-Sutter (FDP/SG) respektiert die Zustimmungslösung die Menschenwürde besser.

Verena Diener (GLP/ZH) sah liberale Grundwerte in Gefahr, wenn die Allgemeinheit Anspruch auf den Körper des Verstorbenen habe. Dabei sei es etwa völlig anderes, wenn man «abwehren muss, weil alle rundherum schon auf mein Organ warten». Auch sei nicht ausgeschlossen, dass durch die Organentnahme die Ablösung der Seele vom Körper gestört werde.

Der Ständerat lehnte auch eine vom Nationalrat klar angenommene Motion ab, welche die Einführung der Widerspruchslösung verlangt. Vom Tisch ist das Thema damit noch nicht. Der Nationalrat dürfte sich in der nächsten Session mit dem Transplantationsgesetz befassen und die Frage dabei neu aufwerfen.

Unumstrittene Revision

Dessen übrige Änderungen waren im Ständerat unbestritten. In der Schweiz versicherte Grenzgängerinnen und Grenzgänger sollen künftig bei der Zuteilung von Organen nicht mehr benachteiligt werden. Zudem sollen die engsten Angehörigen bereits bezüglich einer Organentnahme angefragt werden dürfen, sobald entschieden ist, dass die lebenserhaltenden Massnahmen abgebrochen werden.

Ebenfalls geregelt wird, wann bei urteilsunfähigen Spendern eine Organentnahme vorbereitet werden darf. Bei Todesfällen im Spital aufgrund schwerer Hirnschädigung soll die bereits begonnene Beatmung über den Hirntod hinaus weitergeführt und der Kreislauf stabilisiert werden, sodass die Organe bis zur Entnahme durchblutet werden.

Auch die finanzielle Absicherung von Lebendspenderinnen und -spendern wird geregelt: Die Versicherer müssen die Kosten für die Nachsorge als einmalige Pauschale in einen Fonds einzahlen.

(rey/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Freigeist am 28.11.2013 15:27 Report Diesen Beitrag melden

    Gute Entscheidung

    Die meisten Menschen haben leider die Illussion, dass der Organspender ja "eh schon tot" sei. Dem ist aber nicht so. Die Spender leben noch, wenn ihnen die Organe entnommen werden. Erst die Organentnahme führt zum wirklichen Tod. Zuvor ist man nur "hirntot", wird aber dennoch unter Vollnarkose gesetzt. Die Mediziner informieren die Bevölkerung bewusst nicht über die wahre Natur der Organentnahme, sonst hätten sie auf einmal gar keine Organe mehr.

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  • R. S. am 28.11.2013 15:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gute Entscheidung

    Eine weise Entscheidung. Es muss freiwillig sein und bleiben. Ich möchte keine Spende erhalten, und auch keine geben. Ich möchte am Stück in die Erde und ich möchte nach meinem Tod auch drei Tage aufgebahrt werden, damit man sicher ist, dass ich Tod bin und meine Seele sich in Ruhe von mir verabschieden konnte.

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  • Schwupps am 28.11.2013 14:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Niemals spenden!

    Gut so! Ich würde meine Organe nie ( außer an Familienangehörige) spenden - bei der heutigen Vetternwirtschaft überall kann man ja nicht sicher sein, dass die Geräte nicht einfach abgestellt werden, da jemand mit einem großen Geldbeutel eines meiner Organe brauchen könnte!

Die neusten Leser-Kommentare

  • A.F am 29.11.2013 10:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Aufklärung

    Eine persönliche Auseinandersetzung und freiwillige Stimmung ist eh unumgänglich wenn es darauf ankommt,mit dieser oder jener Regelung.Wenn die Organspende "out" sein sollte,was es bedeuten mag,was ist denn IN?Den Betroffenen bleiben die Verantwortlichen eine klare Darstellung und Erklärung schuldig,wie mit den normalen Bürger auf einer Warteliste umgegangen wird in Zukunft und was die chronisch Kranken erwartet.

  • P. Seglias, Zürich am 29.11.2013 09:20 Report Diesen Beitrag melden

    Aufhören

    Jetzt sind wir doch mal ehrlich, uns wir immer wieder gesagt, dass das Gesundheitssystem viel zu teuer sei und totzdem werden solche OP's dauernd gemacht. Pro OP ca. 150'000.-. Wir haben Probleme mit AHV und PK und doch tut man alles, um die Menschen am Leben zu erhalten auf Teufel komm raus. Heute heisst er Spruch der Aerzt: Leben erhalten um jeden Preis, die Allgemeinheit bezaht es ja. Warum müssen wir ständig der Natur ins Handwerk pfuschen. Ich habe diesen Ausweis, aber langsam frage ich mich, wofür eigentlich.

  • Cle am 29.11.2013 09:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ignoranten

    Interessant was hier alles geschrieben wird, denn wenn es soweit ist und man ein Organ braucht ist sich jeder selbst der nächste! Und nicht einmal diejenigen die hier vehement gegen Organ Transplantationen sind würden auf ein lebensrettendes Organ verzichten! Denn jeder von uns will leben! Überlegt euch das mal bevor ihr solchen Schrott schreibt!

  • Henz Moser am 29.11.2013 07:47 Report Diesen Beitrag melden

    Keine Organspende

    Ich habe einen Spendeausweis und trage ihn immer bei mir. Will unter KEINEN Umständen das mir nach dem Tod irgendetwas entnommen wird! Genauso will ich auch keine fremden Organe. Wenn der Zeitpunkt gekommen ist um zu gehen, dann ist er gekommen.

  • Blaser Martin, Chur am 29.11.2013 03:14 Report Diesen Beitrag melden

    Der Ständerat ist dagegen?!!

    In dem Fall werde ich künftig ebenfalls dagegen sein. Ich werde noch diese Woche meinen Spenderausweis zurück geben und ziehe hiermit meine Spenderbereit per Sofort und für immer zurück!

    • A.F am 29.11.2013 10:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Bei Zustimmung an Ständerat gedacht...

      Dann hast Du beim Ausfüllen des Spendeausweises wohl an den Ständerat gedacht und Deine Zustimmung danach gerichtet?;-)

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