Sexueller Missbrauch

06. April 2019 14:36; Akt: 06.04.2019 14:36 Print

Bäcker wird nach Post aufs Übelste beschimpft

Ein Lehrmeister, der zwei Lehrtöchter sexuell missbraucht hatte, trat am Dienstag von sich aus an die Öffentlichkeit. Kurz darauf wurde er mit Hasskommentaren eingedeckt.

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Ein Bieler Bäcker (56) ist vor rund einer Woche vom Regionalgericht Berner Jura-Seeland zu einer Freiheitsstrafe von 20 Monaten verurteilt worden. Dies, weil er zwei Lehrtöchter sexuell missbraucht hat, indem er eine Notlage ausgenutzt hat. Die Strafe ist bedingt, die Probezeit beträgt zwei Jahre, wie «Le Matin» und das «Bieler Tagblatt» berichteten. Trotz des Schuldspruchs darf der Lehrmeister aber auch in Zukunft als Ausbildner tätig sein – die Richterin sah von einem Entzug der Lehrlingsbetreuung ab. Dieses Urteil führte dazu, dass in den sozialen Medien tagelang Boykott-Aufrufe die Runde machten.

Am Dienstag entschied sich der Lehrmeister dann, an die Öffentlichkeit zu treten. Er postete eine Stellungnahme auf Facebook, in der er sich entschuldigte und auch bekannt gab, dass er sich aus allen operativen Aufgaben in der Bäckerei zurückziehe und auch nicht mehr als Lehrlingsausbildner tätig sein werde.

Er hat sich zur Zielscheibe gemacht

Wie der Kommunikationsexperten Fidel Stöhlker zum «Bieler Tagblatt» sagt, hat sich der Lehrmeister mit der selbstverfassten Stellungnahme keinen Gefallen gemacht: «Damit hat er sich regelrecht zur Zielscheibe gemacht, denn in den Sozialen Medien wird der Wut ja freien Lauf gelassen.»

Kurz darauf erschienen tatsächlich mehrere Hasskommentare –wie etwa «Man sollte ihn erschiessen» – unter dem Beitrag des Lehrmeisters. Dieser löschte den Post daraufhin und publizierte diesen ein zweites Mal. Wieder folgten zahlreiche Hasskommentare. Am nächsten Tag war der Beitrag ganz weg. Wie das «Bieler Tagblatt» schreibt, kam es zur Lynchjustiz im virtuellen Raum. Viele hätten ihren Rache- und Gewaltfantasien freien Lauf gelassen. Auch die Richterin sei massiv beleidigt worden. Einige Kommentare seien durchaus strafrechtlich relevant gewesen.

Im Internet gilt das gleiche Recht wie offline

Gemäss Jolanda Spiess-Hegglin, die mit ihrem Verein Netzcourage gegen Hassrede im Internet vorgeht, fehlt es den Menschen zum Teil schicht am Bewusstsein, dass im Internet das gleiche Recht wie offline gelte.

Anders als Stöhlker stuft sie das Statement des Lehrmeisters als wichtig ein: «Was die Krisenkommunikation betrifft, so hat der Lehrmeister gut gehandelt. Das Statement war nötig, um Schaden vom Unternehmen abzuwenden.»

(qll)