Fettsucht

07. November 2017 08:31; Akt: 07.11.2017 09:08 Print

Bei Übergewicht schauen Eltern zu lange weg

In der Schweiz ist jedes sechste Kind übergewichtig oder fettleibig. Oft handeln die Eltern zu spät, wie Experten sagen.

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Der Fall sorgt international für Aufsehen: Fabian M.* (17) starb in einem Winterthurer Altersheim, nachdem er sich buchstäblich zu Tode gegessen hatte. Der Teenager wog 280 Kilogramm.

Fabian ist zwar ein Extremfall, doch Übergewicht ist bei Kindern und Jugendlichen weit verbreitet: Wie eine aktuelle Untersuchung von Gesundheit Schweiz zeigt, sind über alle Schulstufen betrachtet 16,4 Prozent übergewichtig oder adipös – also etwa jeder Sechste. Dabei steigt der Anteil Übergewichtiger mit dem Alter der Kinder: Leidet im Kindergarten oder in der 1. Klasse jedes neunte Kind an Übergewicht oder Fettleibigkeit, ist es in der Oberstufe mehr als jeder fünfte Jugendliche.

Zentrale Rolle der Erziehung

Immer wieder werde bei Übergewicht im Kindesalter zu lange tatenlos zugesehen, sagt Dagmar l’Allemand, leitende Ärztin am Ostschweizer Kinderspital und Co-Präsidentin des Fachverbands Adipositas im Kindes- und Jugendalter. «Eltern finden es häufig nicht schlimm, wenn ihr Kind etwas fester ist, und denken, das werde sich im Alter legen.» L'Allemand warnt aber: «In der überwiegenden Anzahl der Fälle wächst sich das Übergewicht nicht mehr aus.»

Umso wichtiger sei es, übergewichtigen Kindern rechtzeitig Grenzen zu setzen. «Regeln fürs Sackgeld, Bildschirm-Zeit reduzieren und Bewegung fördern», fordert die Kinderärztin. Auch Kinder- und Jugendpsychologe Urs Kiener unterstreicht die Rolle der Erziehung. «Der grösste Teil der Werte und Einstellungen wird im Vorschulalter vermittelt», sagt er. Familien täten daher gut daran, Regeln im Hinblick auf die Menge und die Qualität des Essens festzulegen. Und: «Die Eltern müssen diese Regeln vorleben.»

Fremdplatzierung kann sinnvoll sein

Bei den Therapien übergewichtiger Kinder und Jugendlicher am Ostschweizer Kinderspital werden die Eltern stets miteinbezogen, etwa indem sie eine Ernährungsberatung erhalten. «Um nachhaltige Effekte beim Betroffenen zu erzielen, muss das Umfeld mitbehandelt werden», stellt l'Allemand klar. Bei fortgeschrittener Fettleibigkeit sei auch eine Magenoperation denkbar.

In extremen und seltenen Fällen ist es l'Allemand zufolge sinnvoll, das Kind von seinen Eltern zu trennen. «Wenn die Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind, kann eine Fremdplatzierung sehr gut wirken», sagt sie. Die Erfahrungen würden zeigen, dass die Kinder dann rapide abnehmen und, wenn das Umfeld sich geändert hat, wieder in die Familien zurückkehren. Auch Kiener hält die Massnahme bei gewissen Fällen für gerechtfertigt, fügt aber an: «Das ist eine heikle politische Frage.»

Im Fall von Fabian M. sei die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) vielleicht zu spät eingeschaltet worden, sagt l'Allemand. «Sie hat wohl alles getan, was getan werden konnte – nur eben zu spät.»

*Name der Redaktion bekannt


(sul)