«Viele sind nicht gefragt»

25. Oktober 2019 04:49; Akt: 25.10.2019 09:17 Print

Millennials sind so häufig arbeitslos wie nie

Der Arbeitsmarkt wird härter. Die Erwerbslosenquote der Millennials steigt. Experten geben Firmen die Schuld – und wählerischen Berufseinsteigern.

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Die goldenen Jahre für Schweizer Angestellte sind vorbei. Das sagt Daniel Lampart, Ökonom beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund. «Der heutige Arbeitsmarkt ist hart. Die Situation hat sich in den letzten 30 Jahren klar verschlechtert. Viele Jüngere, die neu ins Arbeitsleben eintreten, merken, dass man sie gar nicht will. Das ist ein Schock für viele», sagt er. Bei vielen komme es zu dem, was Ökonomen «Vernarbungseffekt» nennen: «Wer einen schweren Einstieg ins Arbeitsleben hat, hat im Schnitt sein ganzes Leben lang mehr Mühe.»

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Wieso sind heute mehr U30-Jährige arbeitlos?

Neue Daten, die das Bundesamt für Statistik (BFS) diese Woche veröffentlicht hat, scheinen diese These zu bestätigen. Die Statistiker untersuchten, wie hoch die Erwerbslosenquote im Alter von 28 Jahren in verschiedenen Generationen ist. In der Generation der Babyboomer mit Geburtsjahren zwischen 1946 und 1964 waren in diesem Alter 2,1 Prozent der Erwerbsbevölkerung arbeitslos.

«Ihr müsst uns eine Chance geben»

Bei den Millennials mit Geburtsjahr zwischen 1981 und 1996 wird im Alter von 28 eine Erwerbslosenquote von 5,5 Prozent verzeichnet – eine mehr als doppelt so hohe Quote. Der gleiche Trend zeigt sich, wenn die Erwerbssituation im Alter von 35 Jahren verglichen wird. Angehörige jüngerer Generationen sind damit deutlich häufiger arbeitslos, als es die Angehörigen der Vorgänger-Generationen waren. Die Berechnungen stützen sich auf die Erwerbslosenquote gemäss ILO (siehe Box).

Davon betroffen ist etwa L. D.* (26). Seit fünf Jahren ist der Informatiker mit einem Lehrabschluss ohne Job. «Faul bin ich nicht. Ich schreibe jeden Tag Bewerbungen, inzwischen sind es weit über 400», sagt er. Immer wieder erhalte er Absagen wegen fehlender Berufserfahrung. «Doch wie soll ich die sammeln, wenn alle Firmen nur Leute mit Erfahrung suchen?» Alle redeten von Fachkräftemangel. «Doch es gibt genug Leute. Ihr müsst den Jüngeren nur eine Chance geben», sagt D.

Keine sozialen Arbeitgeber mehr?

Gewerkschaftsökonom Lampart sagt, vor 30 Jahren sei es nach der Ausbildung kein Problem gewesen, einen Job zu finden, wenn man gesund gewesen sei. Warum sich das geändert habe, sei wissenschaftlich schlecht aufgearbeitet. Die Entwicklung habe in den 90er-Jahren ihren Anfang genommen. «Dann zogen das Profitdenken und der Ansatz des Shareholder-Value in die Schweizer Wirtschaft ein. Die Wirtschaft wurde internationalisiert. Wie sich Firmen ihren Angestellten gegenüber verhalten, hat sich fundamental geändert.» Wirklich soziale Arbeitgeber gebe es nicht mehr viele.

Die Firmen müssten sich ihrer Verantwortung wieder bewusst werden, sagt Lampart. Kleine Schritte könnten helfen. Praktika etwa in ihrer maximalen Dauer einzuschränken, wäre ein kleiner Schritt, der sofort zu einer Besserung führen würde, so Lampart.

«Frauen haben mehr Mühe»

Marco Salvi, Ökonom bei Avenir Suisse, sieht andere Gründe für die höhere Erwerbslosigkeit. Einerseits würden junge Menschen heute länger studieren, was den Eintritt in den Arbeitsmarkt nach hinten verzögere. Dabei handle es sich um Menschen, die ein tiefes Risiko von Arbeitslosigkeit hätten.

Andererseits hätten sich Frauen früher spätestens bei der Geburt des ersten Kindes häufig aus dem Arbeitsmarkt zurückgezogen und wurden dann in der Statistik als Nichterwerbstätige erfasst. «Heute bleiben sie zwar im Arbeitsmarkt, haben aber etwas mehr Mühe, die passende Stelle zu finden», so Salvi. Das liege auch an der Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Gestiegene Ansprüche

Schlussendlich gebe es einen dritten Grund: «Die Ansprüche sind gestiegen, und zwar auf der Seite der Arbeitgeber, aber auch auf jener der Arbeitnehmenden», so Salvi. Die Unternehmen seien wählerischer, und: «Millennials warten länger, bis sie die richtige Stelle gefunden haben.»

Ähnlich sieht es Leser J. M.* «Ich habe die Stelle auch einmal verloren», sagt der 34-Jährige. «Ich habe aber schnell etwas Neues gefunden. Denn ich gehöre nicht zu denen, die nur zusagen, wenn sie mindestens 6000 Franken verdienen. Vielleicht sollte man realistisch bleiben – auch, was das Gehalt betrifft.»

Auch Marcell Flor (28) war bereits arbeitslos. Der diplomierte Betriebswirtschaftler sagt: «Ich habe immer wieder Arbeit gefunden, wurde aber immer wieder schnell entlassen.» Auf dem zweiten Bildungsweg habe er eine selbst finanzierte Ausbildung im KV gemacht. «Aber die ist heute in der Schweiz fast nichts mehr wert. Mit der Digitalisierung wird es bald nur noch Akademiker und Handwerker geben, alles andere wird automatisiert.» In Deutschland habe er sofort einen Job gefunden. Trotzdem glaubt er nicht, dass die Verantwortung nur bei den Firmen liegt: «Unsere Generation will immer alles gleich sofort haben», sagt er. «Viele haben nicht die Ausdauer und die Geduld, lange an einem Arbeitsplatz zu bleiben.»

*Name der Redaktion bekannt

(ehs)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • willi am 25.10.2019 05:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht in jeder Branche gleich

    Bei uns in der Metallbranche brauchen wir dringend neue leute, nur will das niemand mehr machen!

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  • Tello am 25.10.2019 05:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fachkräfte

    Aber X tausende "Fachkräfte" einwandern lassen und Grenzen für ebenso viele Grenzgänger offen lassen ,das wollt ihr doch ? Also hört auf mit eurem Gejammer !

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  • FOXY LADY am 25.10.2019 05:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der Aktionär ist wichtig

    Soziale Arbeitsgeber gibts schon lange nicht mehr,dafür zufriedene Aktionäre.....

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Daniela Zimmermann am 26.10.2019 11:24 Report Diesen Beitrag melden

    4h Arbeitsweg pro Tag, dafür macht die Arbeit wied

    Geboren 1982: Ich habe zwar meine Ansprüche, aber man muss immer abwägen, was wichtiger ist. Vorheriger Job: Tolles Team, Super Arbeitszeiten (Schichtdienst), guter Lohn, Arbeitsweg OK (1h 20min. pro Tag, leider mit Auto), jedoch war die Arbeit nichts für mich (langweilig und gestresst gleichzeitig, da es nicht zu mir passte. Neuer Job: Team auch super, Arbeitzeiten nicht so wie ich es gerne hätte (Büroarbeitszeiten), Lohn ist sehr knapp für mein Standart, Arbeitsweg etwas sehr lang (4h pro Tag, dafür mit ÖV), aber dafür kann ich mein Favorit Sortiment betreuen=arbeit macht wieder Spass!!!

  • weggezogener Rheintaler am 26.10.2019 08:22 Report Diesen Beitrag melden

    Region zu Region verschieden

    In manchen Regionen stellt man eine richtige Abwanderung von gutqualifizierten Fachkräften fest. Ein Beispiel aus dem SG Rheintal, die junge Generation zieht weg nach Zürich oder ins Espace. Grund dafür sind die vielen Grenzer die den Lohn massiv drücken. Aber dann darf man halt nicht jammern das man keine guten Arbeitskräfte mehr findet. Ich persönlich habe das auch gemacht habe mich immer mehr Weitergebildet und war selber überrascht welche Türen sich im Espace mit meinem Abschluss öffnen. Darum verstehe ich auch einige Millenials die für den kleinen Lohn nicht aufstehen.

  • Generation X-Vertreter am 26.10.2019 06:14 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht jammern - arbeiten!

    Wie wäre es, wenn diese "Millenials" endlich aufhörten zu jammern und stattdessen arbeiten würden? Wir mussten als "Baby-Boomer" oder "Generation X" auch alle Schikanen über uns ergehen lassen und haben auch nie gejammert, sondern uns durchgebissen!

  • Tom am 26.10.2019 00:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hier wird viel über Millennials und..

    ...jünger gemotzt. Mal eine Frage: Wer wollte eigentlich alles gratis? Wer wollte nur Kohle nach hause schaufeln? Die Kohle haben wir höher gewertet als Ehe, Familie und Kinder. Jetzt moffeln wir, dass die Kinder unsere 'Werte' nicht teilen. Es sind aber unsere Kinder, die wir ver/erzogen haben. Wir sollten selbstkritischer sein, statt unsere Kinder zu kritisieren. Wir könnten ja auch versuchen unsere Kinder gern zu haben.

  • Ganjaflash am 25.10.2019 23:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden
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