Zu früh nach Hause

17. Februar 2013 19:25; Akt: 18.02.2013 13:38 Print

Beschwerde-Rekord wegen Ärger mit Ärzten

von A. Hirschberg - Die Schweizer Patientenstellen haben noch nie so viele Beschwerden erhalten wie 2012. Grund dafür sind ausländische Zahnärzte und die neue Abrechnung der Spitäler.

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Nach Operationen oder medizinischen Behandlungen werden Patienten oft zu früh oder völlig unvorbereitet nach Hause geschickt. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

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Die Patientenstellen in der ganzen Schweiz wurden 2012 mit Anfragen überschwemmt. In der Zentralschweiz sind es 20 Prozent mehr, Aargau-Solothurn verzeichnen gar einen Drittel mehr Anfragen - von 900 auf 1200. Zürich und Ostschweiz haben die Zahlen noch nicht ausgewertet, sprechen aber von einem «deutlichen Anstieg».

Für die Welle von Beschwerden gibt es laut den Patientenstellen mehrere Erklärungen. Laut Erika Ziltener von der Patientenstelle Zürich war die Anlaufstelle 2012 viel in den Medien. «Die Leute wissen erst jetzt, dass es uns gibt und wenden sich an uns.»

Problematische Zahnbehandlungen

Es gebe aber auch mehr Fälle, die zu Anfragen führten. Ein Faktor seien neu die Zahnärzte. Immer öfter sorgen deren Behandlungen bei Patienten für Schmerzen oder Probleme. «Derzeit wird ein harter Kampf unter den Zahnärzten geführt», sagt Yvonne Blöchliger von der Patientenstelle Argau-Solothurn. Aufgrund der Personenfreizügigkeit strömten ausländische Zahnärzte in die Schweiz, die nicht immer den Ausbildungsstand Schweizer Zahnärzte haben. «Problematische Behandlungen nehmen zu», bestätigt Erika Ziltener.

So seien beim Ziehen von Weissheitszähnen etwa nötige Voruntersuchungen nicht gemacht worden. Die Folge seien bleibende Nervenschäden. Auch nach dem Flicken von Löchern gibt es öfter Probleme. So werde die Kaufläche oft nicht richtig abgeschliffen und die Patienten hätten nach der Behandlung grosse Schmerzen beim Beissen.

Mit kompliziertem Verband alleine gelassen

Als wichtigster Auslöser für die Flut an Beschwerden gilt jedoch die Einführung der Fallpauschale. So wurde etwa ein zuvor operierter Patient am Freitagabend nach Hause geschickt und kurzfristig der Spitex übergeben. Diese sollte ihm die nötige Blutverdünnungsspritze einmal täglich verabreichen. Am Wochenende herrschte aber Personalmangel und die Behandlung wurde nicht durchgeführt. Das sei gefährlich und letztlich leide der Patient.

In einem anderen Fall schickte man eine Patientin mit einem komplizierten Verband nach Hause, der gewechselt werden musste. Der Wechsel entpuppte sich für einen Laien als zu heikel: Die Wunde entzündete sich und die Patientin musste erneut hospitalisiert werden. Hätte man sie ein bis zwei Tage länger im Spital behalten, wäre ihr Spitalaufenthalt kürzer ausgefallen.

Mit Krebs im Endstadium nach Hause geschickt

Besonders stossend ist aber der Fall einer Patientin mit Krebs im Endstadium. Sie musste ein Wochenende mit grossen Schmerzen Zuhause verbringen, weil sie wegen der Fallpauschale ohne Nachbetreuung am Freitag aus dem Spital entlassen wurde. Die Aufnahme in einer anderen Abteilung war erst für Montag geplant.

Auch Beschwerden rund um ambulante Behandlungen häufen sich. So musste eine Frau mit Herzproblemen eine Augenoperation machen. Der Arzt wollte sie wegen des Herzens eine Nacht im Spital lassen. Die Krankenkasse wollte dies aber nicht bezahlen, weil die Fallpauschale eine ambulante Behandlung vorsah und die Übernachtung extra verrechnet worden wäre.

Spitäler sollen handeln

Ziltener fordert nun konkrete Massnahmen - beispielsweise ein breites Spitexangebot und Übergangsstationen in Spitälern, in denen Patienten die Zeit zwischen Akutstation und Heimkehr verbringen können. «Wir müssen sicherstellen, dass Patienten erst dann heimgeschickt werden, wenn für sie keinerlei Gefahr mehr besteht und die Nachbehandlung sichergestellt ist.»

Ob und wann ihre Forderungen umgesetzt werden, ist aber fraglich. Zulezt beurteilte etwa der Zürcher Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger die neue Spitalfinanzierung als durchwegs positiv.

Was sind Ihre Erfahrungen mit der Fallpauschale? Haben Sie selber haarsträubende Fälle erlebt? Schreiben Sie uns eine Mail an: feedback@20minuten.ch Sämtliche Angaben werden vertraulich behandelt.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Patient Ochsner am 18.02.2013 07:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Politik hat versagt

    jetzt werden die Patienten betroffen von den lausigen Arbeitsbedingungen der Spitalangestellten. Noch mehr sparen nun auf dem Buckel der mit horrenden KK-Prämien belasteten Patienten. Die Spitalangestellten leiden schon lange, überall. Zuschläge von wenigen Franken für Nachtarbeit, z B. Auch 'in renomierten Spitätelrn' wie der Berner Insel ist es kein bisschen besser, im Gegenteil, als Stiftung gelten nicht einmal die kantonalen Regeln. Und dann noch inkompetente Chefs und desolate EDV-Verhältnisse. Wichtig nur dass die Chefs genug kasdieren - wie überall.

  • KK am 18.02.2013 07:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wir machen die selben Fehler

    DEUTSCHLAND hat es vorgemacht das die DRG's nicht funktionieren. Spitäler machen nur Fliessbandarbeit, Patienten wurden viel zu früh nach Hause geschickt und kamen dann mit Entzündungen wieder. ( diese konnten dann mit einer neuen Pauschale behandelt werden) Australien hat als erstes Land die DRG's eingeführt und führt sie jetzt wieder ab.!!!! Viel zu oft schauen wir auf unseren grossen Nachbar und meinen wir könnten es besser und machen dennoch die selben Fehler.

  • Oliver am 18.02.2013 08:13 Report Diesen Beitrag melden

    Fallpauschale

    mich wollten sie am 3. Tag nach meiner Hirnoperation nach Hause senden. Das ist diese Fallpauschale. Das Spital kann nicht mehr nach Tagen im Spital abrechnen sondern nur noch nach Fall. Die Spitäler wollen natürlich auch auch bei der Fallpauschale Gewinn machen, ergo, man schickt die Patienten so früh als möglich nach Hause, damit nicht mehr Kosten im Spital anfallen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Selina am 18.02.2013 11:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    aber.....

    ...sind das alles Menschen, die nicht informiert sind?! Keinen Hausarzt mehr....ähm....! Man könnte ja bei der KK das Hausarztmodell wählen, das auferlegt einige Bedingungen, ist aber günstiger! Ich persönlich fände eine Praxisgebühr gut, da überlegt sich mancher, ob er jetzt am Abend oder Wochenende den Ausflug zum Arzt wegen seinem Kratzen im Hals macht oder ob er es zuerst mit Dampf inhalieren probieren soll...., bevor er Fr 30.- Gebühr zahlt!

  • martina santinelli am 18.02.2013 11:38 Report Diesen Beitrag melden

    privat versichert und sorgenfrei

    selber schuld, wenn man allg. versichert ist. da kriegt man nicht den fuenfer und das weggli -und ich habe auch keinen bock als versuchskaninchen fuer ungeuebte assistenzaerzte hinzuhalten. deshalb leiste ich mir den luxus einer privatversicherung -hab sie zwar noch nie gebraucht, aber im gegensatz zu euch geizkraegen, habe ich eine. umso aelter man wird umso schwieriger wirds ueberhaupt noch eine abschliessen zu koennen. das gleiche bei den zusatzversicherungen. und ich bin uebrigens auch noch unter 26 jahren. & hoert auf, bei jedem wehwechen zum doktor zu rennen. das verteuert alles!

  • Prämienzahler am 18.02.2013 11:20 Report Diesen Beitrag melden

    logisch

    wenn ich einen Artikel für Fr. 5.-- oder Fr. 50.-- kaufe ist sicher ein Unterschied. So ist es auch bei Privatversicherung, für völlig logisch oder???

  • Bobo am 18.02.2013 11:07 Report Diesen Beitrag melden

    Kein Hotel

    Ein Spital ist nun mal kein Hotel, in welchem man nach seinem Gusto verwöhnt wird und so lange bleibt wie man will. Beispiel mit der Blutverdünnungsspritze: Jeder, der zwei bewegliche Arme und Hände hat, kann sie sich selbst setzen. Kann doch nicht sein, dass man die Krankenkassen wegen zwei mal Spritze geben hunderte Franken fürs Spital/Hotel zahlen lässt.

  • Fritz am 18.02.2013 11:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Qualität vs quantität

    Die ausbildungen und studien haben im ausland, nicht den gleichen standard, in der schweiz sind die anforderungen höher. Also einfach billigere ärzte usw. Aus dem ausland holen bedeutet einen massiven verlust an qualität.