«Ballast» loswerden

08. September 2014 18:39; Akt: 09.09.2014 11:15 Print

Besitz ist out – es wird geteilt oder verzichtet

von J. Büchi - Vollgestopfte Keller und Estriche sind vielen Jungen ein Graus. Sie wollen mit möglichst wenig Eigentum durchs Leben gehen. Wenn sie etwas brauchen, leihen sie es sich aus.

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Weniger ist mehr so lässt sich laut einer neuen Studie unser heutiges Verhältnis zu Luxus beschreiben. (Bild: Colourbox.com/ Laurence Mouton)

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Sara und Tobias gehen auf Weltreise. Wie lange, wissen sie noch nicht. Er hat seinen Job als Banker aufgegeben, sie ihre Stelle als Lehrerin. Auch ihre Wohnung haben sie gekündigt. «Was macht ihr denn mit all euren Sachen?», fragt Saras Mutter, als sie von den Plänen erfährt. «Die verkaufen wir.» Dann hätten sie ja gar nichts mehr, wenn sie nach Hause kommen, wendet die Mutter ein. «Darum geht es ja genau», antwortet Sara.

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Sara und Tobias sind keine Einzelfälle. Besitz ist bei vielen Jungen out, Luxus sowieso. Zu diesem Schluss kommt auch eine neue Studie des Gottlieb-Duttweiler-Instituts, die heute Montag veröffentlicht wird. «Viel zu besitzen, ist gerade für die Jungen heute kein Statussymbol mehr, sondern wird eher als Ballast wahrgenommen», sagt Studienautorin Martina Kühne.

«Nichtbesitz ist oft cooler als Besitz»

Sie stellt fest, unser Verhältnis zu Luxus habe sich grundlegend verändert. Nach den Weltkriegen sei zunächst ein grosser Konsumhunger ausgebrochen. Was man bekommen konnte, kaufte man. Was man einmal hatte, gab man nicht mehr her. Auch Güter mit Statussymbol – wie teure Autos, wenn möglich zwei pro Familie – wurden zunehmend wichtig. Heute, in unserer gesättigten Wohlstandgesellschaft, sei das anders, so Kühne: «Wer mit allem versorgt ist, sehnt sich nach dem Nichts.»

Viele Jungen verzichteten geradezu demonstrativ auf Luxus, so Kühne. «Nichtbesitz ist oft cooler als Besitz.» Dies hänge mit dem zunehmenden Bewusstsein für Nachhaltigkeit zusammen, aber auch mit einer neuen Definition von Luxus: Zeit zu haben und frei zu sein, stehe für viele Jungen heute an oberster Stelle. Unnötiger Ballast wird dabei als störend empfunden.

Teilen statt besitzen

Damit ist laut Kühne auch die zunehmende Beliebtheit von Sharing-Diensten zu erklären: Man mietet ein Auto, statt eines zu kaufen und dauerhaft einen Parkplatz dafür zu bezahlen. Selbst Werkzeug und Raclette-Öfeli können mittlerweile über Sharing-Plattformen im Internet ausgeliehen werden. Geräte das ganze Jahr über im Schrank zu haben, wird unnötig. «Ich bin überzeugt, diese Modelle werden in Zukunft noch an Wichtigkeit gewinnen», so Kühne. Dabei gehe es nicht in erster Linie darum, Geld zu sparen, sondern eher darum, bei minimalem Ballast maximalen Nutzen zu erzielen.

Während die Ablehnung von Besitz scheinbar vieles einfacher macht, kann sie aber auch zu Generationenkonflikten führen. Saras Eltern haben Wohnung, Estrich und Keller voller Waren, die sie ihren Kindern einmal weitergeben wollen – für diese ist allein der Gedanke daran ein Graus. «Die Jungen behalten nichts, nur weil man es vielleicht irgendwann wieder brauchen kann», so Kühne. Nur Gegenstände mit einer Geschichte oder emotionalem Wert, Schmuck oder Familienalben etwa, seien es in ihren Augen wert, aufbewahrt zu werden. Bei der Nachkriegsgeneration hingegen sei das Motto oft: «Vielleicht kann es ja irgendwann wieder irgendjemand brauchen.»

Allerdings setze auch bei den Babyboomer, den geburtenstarken Jahrgängen zwischen 1946 und 1964 geboren, ein Wandel ein. Waren Statussymbole für diese Generation einst von grosser Bedeutung, schwören auch sie dem materiellen Luxus vermehrt ab: «Viele haben sich in ihrem Leben mittlerweile fast alle Wünsche erfüllt. Jetzt, da diese Generation ins Rentenalter kommt, setzt auch sie eher auf den Luxus, Zeit zu haben und nochmals mit wenig Ballast in eine neue Lebensphase zu starten.»

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