Mit Filmprojekt

08. November 2018 16:49; Akt: 08.11.2018 17:49 Print

Karate-Meister soll 12'000 Franken ergaunert haben

von Stefan Ehrbar - Ein früherer Karate-Meister und Schauspieler soll mit einem fingierten Filmprojekt Tausende Franken erschwindelt haben. Die Behörden ermitteln.

Mit diesem Trailer bewarb Birol Y. seinen Film «Killed in Action» dem Investor P. gegenüber. (Das Video wurde aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes durch 20 Minuten leicht gekürzt).
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Zwei Männer erwachen in einer kargen Zelle. Eine Stimme aus dem Off richtet sich an die Gefangenen: Sie seien vergiftet worden. Im Raum sei ein Gegenmittel versteckt. «Nur einer von euch wird das Gift neutralisieren können. Entscheidet selbst, wer stirbt.»

So sollte der Film «Killed in Action» (K.I.A.) starten. Geschrieben hat das 100-seitige Drehbuch Birol Y.* Der frühere Schweizer Karate-Meister hat das Projekt aufgegleist und selbst schon in Serien mitgespielt. Ob K.I.A. gedreht wurde, ist unklar. Sicher ist, dass P.P.* das Projekt mit viel Geld unterstützt hat, das nun verschwunden ist. 20 Minuten liegen E-Mails, Sprachnachrichten und Chat-Verläufe vor. Sie erlauben die Rekonstruktion einer Männerfreundschaft, die in Hass endete.

Kollegah als Filmmusiker

Anfang Jahr lernt P., der in Zürich lebt und in der Finanzbranche arbeitet, Y. über einen gemeinsamen Freund kennen. Y. erzählt vom Filmprojekt. Es handle sich um einen Low-Budget-Film, er habe die Schauspieler Sylvie Meis und Jean-Claude Van Damme dafür gewinnen können. Für den Vertrieb sorge die Buena Vista International Film Production GmbH. Den Soundtrack zum Film trage der deutsche Rapper Kollegah bei.

Y. rechnet P. grosse Gewinne vor. Am 5. Februar überweist P. 10'000 Franken für eine Beteiligung am Film. Drei Monate vergehen, nichts geht. Kein Grund zur Sorge, bescheidet ihm Y. per Mail: «Ich halte Sachen ein. Mir bedeutet Karma sehr viel.» Er stellt noch grössere Gewinne in Aussicht. Ob P. Interesse an einer Beteiligung an der Firma Upgrade PT habe? Diese Firma habe einen Verkaufswert von 80 Millionen Euro. Ein Käufer stehe schon bereit. Zwar sei ein Prozent der Firma 800'000 Euro wert, er biete ihm die Beteiligung aber für 8000 Euro an. Auch das Buchungsportal booking.com wolle investieren. Das soll ein Mail eines Geschäftsführers von booking.com aus den Niederlanden belegen, das Y. vorlegt. «Das Mail ist nicht echt», heisst es bei booking.com auf Anfrage von 20 Minuten.

«Ma män», wie P. Y. nennt, gibt sich in weiteren Chats jovial und zuversichtlich. Am 5. Juni schickt er einen ersten Filmtrailer. Er besteht aus den Signeten von 20th Century Fox und der Europa Corp. sowie einer Aufzählung der Mitwirkenden (siehe Video). Auch der französische Schauspieler Jean Reno wird angekündigt. Filmszenen sind nicht zu sehen, P. ist trotzdem überzeugt: «So geil», schreibt er Y. «De wott ich unbedingt gseh. You are the best, fuck the rest.» Der Film sei auf den Zielgeraden, schreibt Y. wenige Tage später. «Ich bin sehr stolz.» P. sagt nun zu, 8000 Euro in die Firma Upgrade PT zu investieren.

Anwalt warnt vor Betrug

Allerdings hat er Zweifel. «Mein Anwalt sagt mir, dass das nach Betrug stinkt», schreibt P. in einer Nachricht an Y. und fragt nach Belegen für andere Investoren. Y. gibt sich gekränkt: Dass ihm Betrug unterstellt werde, tue weh. Die Verträge mit anderen Investoren seien intern, dafür stellt Y. ein Beteiligungsvertrag aus. Nun heisst die Firma plötzlich Upgreat PT. In fehlerhaftem Deutsch wird P. in einem «offiziellen und rechtsgültigen Schreiben» bestätigt, dass er 2 Prozent von Upgreat PT erworben habe. Für den Erwerb bezahle er 8000 Euro, der Wert betrage 1,6 Millionen Euro.

P. steht allerdings vor finanziellen Problemen. Er schreibt Y., dass er Aktien verkaufen müsste, um weitere 8000 Euro investieren zu können. Das wolle er nicht. Y. schreibt, er solle doch die Hälfte einzahlen. P. darauf: «Hatte eben eine Riesendiskussion zu Hause.» Sie einigen sich darauf, dass er erst einmal 2000 Franken investieren soll. Am selben Tag überweist P. das Geld. «Meine Frau bringt mich um, habe es trotzdem gemacht», schreibt er. Y. beruhigt: «Deine Frau wird dich lieben und ohne Ende dankbar sein.»

RTL weiss von nichts

Kurz darauf meldet sich «Lutz», der sich als Produktionsleiter des Films vorstellt, bei P. Ende August beginne man mit den Auszahlungen. Durch den Verleih und den Verkauf der Fernsehrechte an RTL habe man schon ein Plus von 2,5 Millionen Euro erzielt. Der Gewinn von P. betrage 300'000 Euro. Nur: Bei RTL sind «weder das Projekt noch die Person bekannt», wie ein Sprecher auf Anfrage mitteilt.

P. und Y. bleiben in Kontakt. P. schlägt gelegentlich vor, dass man sich treffen könne, aber Y. kommt immer etwas dazwischen. Ende Juli meldet sich Y. wieder: P.s Beteiligung an Upgrade PT sei mehr wert. P. hört das nur zu gern: «Meine Frau und ich freuen uns riesig. Wir haben aufgehört zu sparen und geben richtig viel Kohle aus», schreibt er. «Ich bete jeden Tag, dass es so rauskommt, wie du es versprochen hast. Sonst habe ich sehr grosse Probleme.»

«Ich spiele nicht mit dir»

In den Wochen darauf wird der Ton frostiger. Bei Drohungen verstehe er keinen Spass, schreibt Y., als sich P. nach der Filmrolle erkundigt, die er seiner Schwägerin versprochen hatte. Er bereite deshalb die Rückabwicklung der Investition vor. P. versucht, die Wogen zu glätten. P.s finanzielle Situation spitzt sich zu. Mitte August bittet er Y. um die Annullierung des Upgreat-Vertrags und die Rückzahlung der 2000 Franken. «Ich brauche dringend Cash», schreibt er. Y. entgegnet, er sei «sehr im Stress». Aus einem Besuch des Filmsets wird nichts. Anfang September kündigt Y. an, dass die Auszahlungen für K.I.A. starten und die Rückabwicklung der Upgreat-Beteiligung in Angriff genommen werde.

Das Geld trifft nicht ein, Y. antwortet nur noch sporadisch. Anfang September schreibt P: «Schick mir bitte mein Geld, habe es nötig.» Am 5. September kündigt Y. per Whatsapp eine Auszahlung zwei Tage später an. Die geschieht nicht. Am 25. September schreibt P., Y. solle nicht mit ihm spielen. «Das tue ich ganz sicher nicht», schreibt der zurück.

Staatsanwaltschaft ermittelt

Am 28. September vertröstet Y. P. erneut und dankt «für die Geduld und das Verständnis». Am 4. Oktober schreibt P.: «Wieso rufst du nicht zurück? Keine Eier?» Eine Woche später stellt ihm P. ein Ultimatum: Bis 12. Oktober wolle er das Geld, sonst zeige er Y. an. Die Frist verstreicht. Die einst freundschaftliche Beziehung endet in wüsten Beschimpfungen. «Betrüger, Scheiss-Person, du hast mit den Falschen gespielt», schreibt P. am 13. Oktober. «Wir werden dich kriegen.»

Im November erstattet er Anzeige. Auch ein Freund von ihm, der ebenfalls investiert habe, habe das getan, so P. Die Staatsanwaltschaft Bern-Mittelland bestätigt, dass ein Verfahren gegen Y. läuft. Ob es weitere mutmassliche Geschädigte gibt, werde die laufende Untersuchung zeigen.

Y. liess mehrere Anfragen von 20 Minuten unbeantwortet. Es gilt die Unschuldsvermutung.

*Name der Redaktion bekannt.