Wahlanlässe im Vergleich

15. Oktober 2019 07:26; Akt: 15.10.2019 08:42 Print

Bei SVP gabs Greta-Witze, bei SP Gummiherzli

Wie versuchen die Parteien, jetzt noch Wähler von sich zu überzeugen? 20 Minuten macht den Vergleich und hat je eine Veranstaltung der SVP und der SP besucht.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Der Anlass

SVP
Am Samstag, 5. Oktober, veranstaltete die SVP des Kantons Zürich auf dem Münsterhof eine Wahlkampfveranstaltung. Von 9.30 bis kurz vor 14 Uhr hielten Politiker ihre Reden. Mehrere hundert Gäste waren anwesend.

SP
Für die «Beizentour» der SP Basel-Stadt trafen sich Politiker und Interessierte am Freitag, 11. Oktober, um 21 Uhr auf dem Marktplatz. Über eine Stunde lang besuchten sie in der Innenstadt Bars und Restaurants, um mit den Leuten zu reden. Danach setzten sich auch die Parteimitglieder an einen Tisch.

Die Gäste

SVP
Der Kleiderstil ist durchmischt. Eine Dame trägt einen karierten Burberry-Schal, der Mann neben ihr eine praktische Fleece-Jacke. Der Altersdurchschnitt der Gäste liegt bei etwa 60 Jahren – die Ausnahme bilden die Mitglieder der Jungen SVP. Die Gäste fühlen sich den Politikern verbunden: «Ha! Der Roger! Mit ihm bin ich gut vernetzt auf Facebook», sagt ein Gast zu seinem Kollegen, als Nationalrat und Ständeratskandidat Roger Köppel (54) das Festzelt betritt.

SP
Obwohl es keine Kleiderordnung gibt, tragen alle dunkle, unauffällige Kleidung. Hie und da blitzt eine Tasche oder eine Mütze im SP-Rot auf. Die Anwesenden sind durchschnittlich 50 Jahre alt. Viele von ihnen sind politisch aktiv. Zu Beginn der Tour gibt es noch einige Unsicherheiten, da man noch nicht richtig weiss, welche Restaurants und Bars man besuchen will.

Die Politiker

SVP
Betritt ein Politiker das Festzelt, schüttelt er auf dem Weg zu seinem Sitzplatz jedem Gast die Hand. Die bekanntesten Parteivertreter sind Roger Köppel (54) und Albert Rösti (52), Präsident der SVP Schweiz. Zudem werden während zehn Minuten alle 103 Zürcher SVP-Kandidaten und Kandidatinnen für die National- und Ständeratsposten aufgezählt.

SP
Es werde keine Reden gehalten, dafür persönliche Gespräche geführt. Vizepräsident der SP Schweiz und Nationalratskandidat Beat Jans (55) und die Regierungsratskandidatin Tanja Soland (44) gehören zu den bekanntesten Gesichtern. Während Soland von Beginn an dabei ist, stösst Jans kurz vor 23 Uhr zu der Gruppe. Er war tagsüber mit weiteren Parteimitgliedern durch die Deutschschweiz getourt.

Der Humor

SVP
«Ich leide unter den dramatischen Folgen der Klimaerwärmung – es ist die Rache der Greta Thunberg!» Köppel spielt auf seine Erkältung an. Es folgt ein Buhruf einer Frau, die den Thunberg-Witz nicht amüsant findet. Kurze Verwirrung im Zelt.

«Dass sich heutzutage eine 16-Jährige einen Segeltörn leisten kann, ist schon unglaublich. Das konnte ich in diesem Alter nicht», meint Albert Rösti zu Thunbergs Reise in die USA. Die Zuschauer nicken und lachen.

Der Satiriker Andreas Thiel (48) vergleicht bei seinem Auftritt den Islam mit den Nazis. Er erzählt, dass sein jüdischer Grossvater während des Zweiten Weltkriegs von Deutschland in die Schweiz flüchten musste. «Ja, früher war es noch ein Auswanderungsgrund, Jude zu sein.» Und wenn das mit dem Islam so weitergehe, wäre es bald wieder ein Auswanderungsgrund. Es wird gelacht und applaudiert.

SP
Eine Parteikollegin beneidet Tanja Soland um ihre Tasche mit dem SP-Logo. Soland: «Damit ich sie immer dabeihabe, lasse ich diese Tasche immer bei meinem Velo – die klaut eh niemand!» Die Runde lacht.

Jemand erinnert sich an einen früheren Telefoneinsatz, um Stimmen für Regierungsrätin Kathrin Schweizer (50) zu gewinnen: «Ich fragte ihn, ob er denn Frau Schweizer wählen würde, und ganz trocken sagte er mir, dass er sowieso immer nur Schweizer wählen würde!»

Beat Jans erwähnt, dass seine Familie erst am Sonntag von den Ferien zurückkommt. «Ah, schlau, dass du sie während des Wahlkampf wegschickst!», witzelt jemand.

Mitgelauscht

SVP
Stimmen der Teilnehmer
«Die SP könnte man als Partei streichen. Ihre Forderungen sind utopisch und somit nicht umsetzbar.»

«Als Frau finde ich es abstossend, wenn ich ein schwules Paar sehe.»

«Geht es um Klimafragen, wählen wir schon lieber die Grünen.»

«Ich habe einfach riesige Angst in meiner eigenen Stadt. Ich fühle mich nicht mehr wohl – wir müssen mobilisieren, mobilisieren, mobilisieren!»

SP
Stimmen der Teilnehmer
«Die GLP ist wie eine Zauberkiste – man weiss nie, welche Meinung sie zu künftigen Themen haben wird. Das ist mühsam.»

«Wir haben es endlich geschafft, dass auch die SVP ein Parteiprogramm zustande bringt!»

«Ausländer sollten die gleichen politischen Rechte haben wie wir Schweizer.»

«Man kann zwar den Leuten verbieten, keine neuen Ölheizungen zu kaufen, aber das Auto lässt sich niemand verbieten. Da müssen andere Lösungen her.»

Das Essen

SVP
«Für Vegetarier gibts Gipfeli», heisst es vom Grillmeister. Bereits am Morgen verpflegen sich die Gäste mit Kalbs- und Schweinsbratwürsten. Doch die Würste kommen bei den Fleischessern nicht gut an, sie seien «zfescht düre», hört man an den Tischen. Dazu wird Bier und Rotwein getrunken. Für den kleinen Hunger werden gratis Schokoladentafeln, «Dubler Mohrenköpfe» und Stängeliglaces verteilt.

SP
«He, die sind aber nicht für dich bestimmt», bemerkt ein Beizentourteilnehmer, als seine Kollegin eine Packung Fruchtgummiherzen öffnet und sie isst. Ansonsten wird an diesem Abend nichts gegessen – schliesslich traf man sich nach dem Znacht. Während der Tour selbst trinkt man beim Gehen einen Eistee oder Wasser. Bier und Wein gibt es erst nach der Tour.

Merchandising

SVP
Im hinteren Teil des Zeltes befindet sich ein Merchandise-Stand der Partei. Die beliebtesten Produkte seien die Sackmesser mit dem Parteilogo und die Taschen mit den Berg- und Kuhsujets. Daneben liegen Käppis mit der Aufschrift «Klimawahn? Nein danke!» Ein Stück kostet 10 Franken.

SP
Zu kaufen gibt es nichts. Die Teilnehmer der Beizentour verteilen nebst den Flyern rote Rosen und herzförmige Fruchtgummis.

Entertainment

SVP
Zwischen den Reden musizieren Alphornbläser und eine Brassband. Zudem tritt auch der Satiriker Andreas Thiel (48) auf. Kurz vor Mittag wird es laut, mehrere mit sogenannten Treicheln, also Kuhglocken, behangene Männer betreten das Zelt. Während sich einige Leute die Ohren zuhalten, klatschen andere freudig in die Hände oder machen Videos.

SP
Ein Unterhaltungsprogramm gibt es nicht. Dafür legen sich die Teilnehmer voll ins Zeug, mittels Gesprächen die Bürger im Ausgang von der SP zu überzeugen: «Hallo, haben Sie schon gewählt?» Die Gespräche dauern manchmal wenige Sekunden, manchmal mehrere Minuten. Was die Begegnungen jedoch gemeinsam haben: Die Rosen und Fruchtgummiherzchen werden von den potentiellen Wählern dankend angenommen.

(res)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • loda am 15.10.2019 08:55 Report Diesen Beitrag melden

    "Abstossend"

    «Als Frau finde ich es abstossend, wenn ich ein schwules Paar sehe.» Wie kann man im Jahre 2019 noch so ignorant sein?

    einklappen einklappen
  • Ramon S am 15.10.2019 07:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    1920?!

    Als schwuler Mann finde ich es abstossend, wenn eine Frau solche Äusserungen macht.

    einklappen einklappen
  • Markus am 15.10.2019 08:56 Report Diesen Beitrag melden

    Ernsthaft?

    Bin ja auch kein Greta-Fan, aber muss man sich als nationaler Politiker auf einer offiziellen Parteiveranstaltung wirklich über sie lustig machen und dann auch noch diese Klima-Wahn Kappen verkaufen? Fände es besser, wenn man sich auf die eigenen Themen konzentrieren würde.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Wim Christen am 15.10.2019 18:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Rolle der Medien im Wahlkampf

    Ich muss leider sagen, dass hier wieder einmal auf die Neutralität seitens Autor verzichtet wurde. Auch wenn man sich bemüht hat, wenn man zwischen den Zeilen liest, ist beim SVP-Anlass immer ein mürrischer Unterton zu erkennen. So kommt es mir jedenfalls vor. Schade.

  • Käpt'n Blaubär am 15.10.2019 18:29 Report Diesen Beitrag melden

    Legendär

    Daneben liegen Käppis mit der Aufschrift «Klimawahn? Nein danke!» Ein Stück kostet 10 Franken. So eine kaufe ich mir auch noch. ;)

  • Sepp am 15.10.2019 18:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hochglanzplakate

    Im Kanton Luzern sind überall Hochglanzplakate von SVP Ständeratskandidat Franz Grüter aufgestellt. Er ist Verwaltungsrat/ Bankrat bei der Luzernerkantonalbank. Wurden diese Plakate von dieser Bank unterstützt und bezahlt?

  • Gruss aus Bern am 15.10.2019 17:56 Report Diesen Beitrag melden

    Na dann doch lieber Greta-Witze,

    auf SP-Herzchen kann ich problemlos verzichten, egal ob aus Gummi oder aus lebendem Material :)

  • Hugo Habicht am 15.10.2019 17:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schaumschläger

    Für mich sind beide Parteien nicht wählbar. Ausser viel Medienspektakel und warmer Luft haben beide Parteien in den letzten Jahren nichts zu präsentieren!